Benjamin Haar an der Stadtbahnhaltestelle Sportpark in Feuerbach, wo er bereits einen Einsatz hatte. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Benjamin Haar ist in Stuttgart und anderswo schon zu Dutzenden Einsätzen als Ersthelfer verständigt worden. Jetzt will er noch besser retten können – mit Defibrillator.

Es ist ein sonniger Tag, an der Stadtbahnhaltestelle Sportpark in Feuerbach herrscht reger Verkehr. Eine Bahn nach der anderen fährt ein, zahlreiche Menschen steigen ein und aus. Gut möglich, dass eine oder einer von ihnen irgendwann einmal auf den Mann angewiesen sein wird, der mit dem Fahrrad vorfährt. Denn Benjamin Haar ist nicht nur Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer der Sportvereinigung Feuerbach, sondern auch Lebensretter auf Abruf.

 

Im vergangenen Herbst hat der Freiburger Verein „Region der Lebensretter“ seine Smartphone-App „First AED“ auch in Stuttgart eingeführt. Das Alarmierungssystem für Ersthelfer ist bereits in weiten Teilen Baden-Württembergs offiziell ins Rettungssystem eingebunden, zum Teil auch schon über den Südwesten hinaus. Bei bundesweit jährlich rund 50 000 Fällen von Herz-Kreislauf-Stillstand rettet die App regelmäßig Leben. Wer sie als medizinisch qualifizierter Ersthelfer auf dem Handy hat, wird von der Leitstelle mit benachrichtigt, wenn es zu einem Herz-Kreislauf-Stillstand kommt und man sich in der Nähe befindet. So soll die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdiensts überbrückt werden.

Es geht um die Zeit

Haar war einer der Ersten, die sich angemeldet haben. Die geforderten medizinischen Kenntnisse bringt er mit. Als Zivildienstleistender war er beim Deutschen Roten Kreuz im Rettungsdienst tätig und hat das Engagement danach noch viele Jahre als ehrenamtlicher Rettungssanitäter fortgeführt. Jetzt wollte er sich erneut engagieren – mit allen Konsequenzen. Denn nicht jeder Einsatz geht gut aus.

„Es gibt auch Fälle, in denen man nicht mehr helfen kann“, sagt der 45-Jährige. Das sei aber nicht der Maßstab. Es gehe darum, zu überbrücken, bis die Profis kommen, und so keine wertvolle Zeit zu verlieren. Oft genug klappt das. „Es gab schon Reanimationen, da war ich mehrere Minuten vor dem Rettungsdienst vor Ort, und konnte schon einmal anfangen“, erzählt Haar. Was aus dem Patienten wird, bekomme man dann oft gar nicht mehr mit. Bei belastenden Einsätzen bekomme man Unterstützung. „Auch das ist ein Teil der medizinischen Qualifikation. Ich bin das aus meiner Rettungsdienstzeit gewohnt. Aber man muss sich das zutrauen“, sagt der Helfer.

Über eine App werden Ersthelfer verständigt. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Verständigt werden kann man jederzeit. „Bisher hatte ich jede Woche mindestens eine Alarmierung“, erzählt der 45-Jährige. Man versuche, so viele wie möglich anzunehmen, das klappe aber nicht in jedem Fall. Dutzende Male ist Haar inzwischen ausgerückt. „Ich bin bei der Arbeit in Stuttgart und wohne auch hier. Meistens bin ich mit dem Fahrrad unterwegs. Da kann man schnell vor Ort sein“, sagt er. Auch an der Stadtbahnhaltestelle war er schon im Einsatz bei einer bewusstlosen Person. Genauso in Sindelfingen, als er mit einem Kollegen dort unterwegs gewesen ist.

Was man an grundlegendem Material benötigt, wird vom Verein „Region der Lebensretter“ gestellt. „Es gibt Notfalltaschen mit Beatmungsbeuteln, Masken, Handschuhen und solchen Dingen“, sagt Haar. Eine davon hat er im Büro, eine bei sich zu Hause stehen. Immer griffbereit. Allerdings hat er ein Defizit ausgemacht. Das System alarmiert immer mehrere Ersthelfer. Die ersten beiden am Einsatzort sollen sich um den Patienten kümmern, der dritte bei Bedarf einen Defibrillator besorgen, um Herzprobleme bekämpfen zu können. Eine Karte zeigt öffentliche Standorte an – doch da herrscht noch viel Nachholbedarf.

Sammlung für Defibrillator

„Bei mir in Bad Cannstatt gibt es einen ziemlich großen weißen Fleck“, hat Haar festgestellt. Während er im Büro Zugriff auf Geräte des Vereins hat, gibt es diese Möglichkeit bei Einsätzen in seinem Wohnumfeld nicht. Deshalb will sich der 45-Jährige einen tragbaren Defibrillator anschaffen, den er jederzeit mitnehmen kann.

Weil ein solches Gerät viel Geld kostet, hat Haar eine Spendenaktion dafür ins Leben gerufen. Auf dem Internetportal GoFundMe hat er einen entsprechenden Aufruf eingestellt. Die ersten Spenden sind auch schon eingegangen. Bis zum Zielbetrag von 2000 Euro fehlt aber noch einiges.

Bei manchen Einsätzen sind die Ersthelfer aber tatsächlich nicht die ersten Retter vor Ort. „Wenn der Rettungsdienst schon da ist, fragt man, ob man helfen kann. Falls nicht, geht man einfach wieder“, erzählt Haar. Meistens gebe es von den Profis ein Dankeschön. Für Menschen wie ihn, die spontan anderen helfen, ist das die Anerkennung ihres Einsatzes für die Allgemeinheit.