Ein „männliches“ und ein „weibliches“ Tamagotchi, wie es im Jahr 1998 auf der Spielwarenmesse in Nürnberg vorgestellt wurde. Foto: dpa/Claus Felix

Vor einem Vierteljahrhundert eroberte das Roboterhaustier die Kinderzimmer der Welt. Verschwunden ist es bis heute nicht ganz. Zum Jubiläum kommt eine neue Version auf den Markt.

Tokio - Wenn das Tamagotchi piepst, herrscht Panik. Was ist los? Braucht es Futter? Will es nur spielen? Oder kämpft es ums Überleben? Wer als Schüler morgens noch im Bett döste, war plötzlich hellwach. Und im Unterricht hielt man die Hand auf den kleinen Lautsprecher, damit die Lehrerin nichts bemerkte.

 

Wer in den 1990er Jahren ein Kind war, dürfte sich an solche Gefühle noch gut erinnern. Ein Plastikei mit kleinem Bildschirm, auf dem die Launen und Nöte des Elektrowesens angezeigt wurden, war das Ding – das erste populäre Roboterhaustier. Per Knopfdruck ließ es sich füttern. Es war eine Hightech-Revolution der Spielzeugindustrie.

Das Tamagotchi schlug ein wie eine Bombe

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit das erste Tamagotchi auf den Markt kam. In Japan, wo der Tokioter Konsumentenelektronikhersteller Bandai das Spielzeug Ende November 1996 als Erstes angeboten hatte, schlug es ein wie eine Bombe. Die TV-Werbung war den Kindern nicht entgangen.

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So bildeten sie nachmittags nach der Schule lange Schlangen an den Eingangstoren von Spielwarengeschäften, um eines dieser Geschöpfe mit dem 32x16-Pixel-Minibildschirm zu ergattern. Wer es richtig ernst meinte, kaufte sich nach und nach mehrere – als Sammlerstücke, denn die Plastikverkleidung gab es in verschiedenen Farben. Ein Hype begann.

Was das Ganze sollte? Das Tamagotchi war vieles auf einmal: ein kleiner Computer, mit dem man zu interagieren lernte, eine ganz neue Form der Unterhaltung – und ein Haustier zum Ausprobieren. Eltern, die skeptisch gegenüber dem Wunsch des Kindes nach Hund oder Katze waren, konnten der Idee eines Elektrohaustieres oft etwas abgewinnen. Damit ließen sich Fürsorge und Verantwortung lernen, ohne dass es so richtig schiefgehen konnte. Denn am Ende starb ja nur ein Wesen, das nie gelebt hatte. Oder?

Nicht ganz. Denn natürlich vergoss man Tränen, wenn auf dem Bildschirm des Tamagotchis plötzlich eine kleine Traueranzeige aufpoppte, die das Alter des verendeten Strichmännchens anzeigte, das man nicht genug per Knopfdruck gefüttert hatte. In einigen Ländern der Welt machten Nachrichten die Runde, dass eigens Friedhöfe für die Plastikeier eingerichtet wurden.

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Andererseits: Wer besonders gut darin war, sich um das Haustier zu kümmern, vernachlässigte deshalb vielleicht oft andere Pflichten – die Schule zum Beispiel. Nach einem weltweiten kurzen Boom verloren die kaum berechenbar piepsenden Spielzeuge die Gnade der Eltern und die Faszination der Kinder. Ein knappes Jahrzehnt später, um das Jahr 2004 herum, startete Bandai eine neue Verkaufsoffensive für die nächste Generation, unter anderem mit der Möglichkeit, das eigene „Tier“ mit einem anderen zu verbinden und so eine „Familie“ zu gründen.

Bis heute haben sich weltweit um die 85 Millionen Exemplare verkauft. Hinzu kommt eine unschätzbare Zahl von Raubkopien.

Das erste Computerspielzeug für Mädchen

Aber die Bedeutung des Tamagotchis drückt sich nicht allein in Absatzzahlen aus. Für die ganze Spielebranche war es wegweisend. Nicht nur der Gedanke, ein E-Haustier zu schaffen, war originell. Auch die Art und Weise des ununterbrochenen Spielens ebnete den Weg für spätere Produkte: Beim Tamagotchi gibt es kein Speichern und Ausschalten, womit man später den alten Spielstand laden könnte. Hier ist durchgehende Fürsorge gefragt, ansonsten wird das Wesen krank, und es stirbt. Die extrem weit verbreiteten Computerrollenspiele „World of Warcraft“ oder „Elder Scrolls online“ funktionieren heute in ähnlicher Weise. Das Spiel endet hier nie.

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Das Tamagotchi richtete sich – anders als die meisten Elektro- oder Videospiele bis dahin – nicht nur an Jungs, sondern genauso oder vielleicht sogar besonders an Mädchen. Während Spielkonsolen wie jene von Nintendo in Spielwarengeschäften vor allem in der Abteilung für Jungen zu finden waren, traf auf die Tamagotchis oft das Gegenteil zu. Dies geschah zwar innerhalb des traditionellen Rollenbildes, weil an das Pflegen eines Wesens appelliert wurde. Zugleich erschloss es aber eine Gruppe, die bis dahin nicht im Fokus der Spieleentwickler gestanden hatte.

Ein Vierteljahrhundert später ist das Tamagotchi noch immer nicht gestorben. Der Hersteller Bandai hat gerade eine neue Jubiläumsversion herausgebracht. Die Weiterentwicklung kommt in Form einer Smartwatch, ist also online und per Touchscreen zu versorgen. Heutzutage ist das Haustier natürlich in Farbe sichtbar, und das auf dem Bildschirm erkennbare Zimmer, in dem sich das Wesen befindet, kann modifiziert werden. Außerdem sind simple Chatfunktionen möglich sowie die Synchronisation mit anderen Tamagotchis.