Im Stuttgarter Kunstmuseum ist das Werk „Mobilmachung“ aus dem Jahr 1916 von Wilhelm Schnarrenberger zu sehen Foto: Kunstmuseum Stuttgart

Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt unter dem Titel „100 Jahre Erster Weltkrieg“ Positionen aus der Sammlung.

Die Begeisterung war groß vor hundert ­Jahren. „In einem Regen von Blumen waren wir hinausgezogen, in einer trunkenen Stimmung von Rosen und Blut, voller ­Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen.“ Das schrieb Ernst Jünger in seinem 1920 ­publizierten Kriegstagebuch „In Stahl­gewittern“. Als ungewöhnlich erwies sich die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) allerdings. „Sterben fürs Vaterland“ war in seine industrielle Phase getreten. Nie zuvor forderte ein ­„Waffengang“ mehr Opfer.

„100 Jahre Erster Weltkrieg. Positionen aus der Sammlung“, die jetzt von Eva-Marina Froitzheim und Sven Beckstette ausgewählte Gedenkschau des Kunstmuseums Stuttgart zum Kriegsausbruch, lenkt unsere Aufmerksamkeit aber auf den Umsturz, den der Krieg künstlerisch bewirkte.

„Das ungeheure Geschehen“ der modernen Schlacht wirke „um so kleinlicher, je ­naturgetreuer“ ein Maler es ins Bild setze, befürchtete 1917 der Marburger Kunsthistoriker Richard Hamann. Doch auch der Versuch, es total zu erfassen, müsse scheitern. Je feiner es einer „malerisch auszubilden versteht“, desto größer das Risiko für ihn, als „ein Ästhet und Genießer“ zu gelten.

Otto Dix’ atemberaubendem Mappenwerk „Der Krieg“ ist aber weder das eine noch das andere anzulasten. Die fünfzig komplett gezeigten Radierungen des 1924 von der Berliner Galerie Nierendorf in einer Auflage von 70 Exemplaren verlegten ­Zyklus bilden nun den Löwenanteil der ­Ausstellung. Elf noch auf dem Feld entstandene Zeichnungen von Dix sowie von Reinhold Nägele, Hermann Scherer, Oskar Schlemmer, Wilhelm Schnarrenberger und Hermann Stenner vertretene „Positionen“ ergänzen die rund 75 Arbeiten umfassende Ausstellung.

Kaum ein anderer bekannter Künstler war wie Otto Dix von Anfang bis Ende im Krieg dabei. Und keiner nützte Gefechtspausen wie er, um sich der traumatisierenden Eindrücke zeichnerisch zu erwehren. Einem befreundeten Künstlerkollegen schien es „kaum begreiflich, dass man so viel im Graben fertig bringen könne.“ Den­ ­verwüsteten Landschaften und ruinierten Ortschaften begegnete Dix künstlerisch mit Deformation und kubistischer beziehungsweise futuristischer Zertrümmerung.

Auf einer Feldpostkarte schilderte er 1916 seine Eindrücke: „Voll elementarer Wucht sind Granattrichter innerhalb von Dörfern. ­Alles in der Umgebung scheint der Dynamik dieser gewaltigen symmetrischen Trichter zu unterliegen. Es sind Augenhöhlen der ­Erde, was darum kreiselt, sind irre schmerzlich phantastische Linien. (. . .) Es ist eine eigenartige seltene Schönheit, die hier ­redet.“

Man ahnt etwas von der Kaltblütigkeit, die der „Augenmensch“ Dix als Zeuge des barbarischen Gemetzels und Zerstörungswerks bewahrte. Ähnlich wie Jünger ­vermochte sich der Maler der Faszination des Grauens nicht zu entziehen. Dabei ließe sich über die explosive Ästhetik, die der 1917 mit Kreide auf gelbliches Paper gezeichnete „Volltreffer“ dokumentiert, auch streiten. Doch inspiriert hat die gewaltsam frei­gesetzte Energie die Kunst im 20. Jahrhundert zweifellos.

Für das auf Anregung des Kunsthistorikers Wilhelm Waetzoldt für das Kultus­ministerium Berlin in Auftrag gegebene Mappenwerk „Der Krieg“ stützte sich Dix allerdings weniger auf das Konvolut der fast 500 im Feld entstandenen Zeichnungen als auf Studien, die er von sezierten Leichen und in der Kapuzinergruft Palermo nach ­Mumien anfertigte. Außerdem dienten ­Aufnahmen, die der mit Dix befreundete Fotograf Hugo Erfurth von grausam verstümmelten Soldaten gemacht hatte, als Vorlagen. Dieselben Bilddokumente entfalteten auch in der ebenfalls 1924 erschienenen Publikation „Krieg dem Kriege“ des ­Pazifisten Ernst Friedrich schockierende Wirkung.

Wie eine Bombe schlugen jedenfalls Dix’ in Kaltnadeltechnik und Aquatinta aus­geführten Blätter ein. Die aufgedunsenen Leiber von „Gastoten“, der entsetzte Blick des tödlich Verwundeten, der irrwitzige Mummenschanz der Truppe, die „unter Gas“ stürmt, unter ihrer Uniform ver­wesende Leichen, Berge von Opfern in den Gräben, die stumme Anklage eines alle viere gen Himmel streckenden Pferdekadavers, der hohle, von Würmern besiedelte Schädel eines Gefallenen: Solch apokalyptische ­Visionen konnten kaum anders denn als ein Fanal wider den Krieg gelesen werden.

Als Wanderausstellung löste „Der Krieg“ in fünfzehn deutschen Städten wütende ­Debatten aus. Dem Künstler verhalf er zu internationalem Durchbruch. Den Nazis und Reaktionären galt „Der Krieg“ als Musterbeispiel für „Wehrsabotage“.

Reinhold Nägele begegnete dem Krieg mit entschiedenem Sarkasmus. Die zum Lazarett umgebaute Fabrikhalle der Firma Bosch, die von einer „Fruchtbarkeitsgöttin“ in eine Registrierkasse getippte Namenliste von Gefallenen und die „Weihnacht der Kriegsküche“, die unter der Kuppel des Stuttgarter Kunstgebäudes wirklich stattfand: Keines der Blätter bedarf eines ­Kommentars.

Hermann Stenner stilisiert ähnlich wie Hermann Scherer den Einzelnen als Glied einer uniformen, willenlos in Marsch ­gesetzten Kette. Als passiv hinzunehmendes Ereignis erscheint auch die „Mobil­machung“ aus der bei Kriegsausbruch ­entstandenen Lithografieserie von Wilhelm Schnarrenberger. Nichts anderes als ­Ohnmacht vermitteln endlich zwei Papierarbeiten des späteren Bauhaus-Stars Oskar Schlemmer, die eigene, 1917 erlittene ­Erfahrungen „Im Krankenzimmer“ ­reflektieren.

 Die Ausstellung "100 Jahre Erster Weltkrieg" im Kunstmuseumm Stuttgart, Schlossplatz, ist bis zum 27. April zu sehen. Der Eintritt kostet 6 Euro, ermäßigt 4 Euro. Mehr unter: www.kunstmuseum-stuttgart.de

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