Henrik Erikson tanzt beim Stuttgarter Ballett als Erster Solist. Im Kinofilm „Cranko“ verkörpert der junge Schwede den legendären Tänzer Egon Madsen.
Der Vergleich liegt auf der Hand: skandinavische Wurzeln, blonde Lockenmähne, verschmitzte Jungenhaftigkeit, ein introvertiertes Wesen, aber spielfreudig auf der Bühne. Wer die Geschichte des Stuttgarter Balletts kennt, den wird der vor Kurzem zum Ersten Solisten beförderte Henrik Erikson unweigerlich an Egon Madsen erinnern.
Nicht ohne Grund verkörpert Erikson auch im aktuellen Kinofilm „Cranko“ Egon Madsen. Mit welcher Verve er dort in einer „Romeo und Julia“-Szene den tödlich getroffenen Spaßvogel Mercutio mimt, lässt ihn tatsächlich als Wiedergänger des dänischen Cranko-Stars erscheinen.
Doch wie geht es dem aufstrebenden Tänzer mit dieser Zuschreibung? Sieht er sich selbst im anderen? „Egon Madsen war als junger Mann sehr zurückhaltend und schüchtern. So bin ich auch“, antwortet Henrik Erikson. „Früh, schon während meiner Zeit an der Cranko-Schule, wurde hier und da die Ähnlichkeit erwähnt.“
In regem Austausch mit Egon Madsen
Während der Dreharbeiten zum „Cranko“-Film waren die beiden in regem Kontakt. „Und wenn man von jemandem etwas lernen kann, dann von der Person, für die die Rollen kreiert wurden“, sagt Erikson. „Egon Madsen ist ein Zeitzeuge. Ob Ausdruck oder Technik – ich habe viel von ihm gelernt.“ Auch für seine Hauptrolle in „Schwanensee“. Madsen habe ihm geraten: „Versuche nicht, den Prinzen darzustellen. Sei du selbst!“ Das klappe am besten, wenn man nicht so viel nachdenke und einfach im Hier und Jetzt sei.
Einzutauchen in eine Rolle, das Wechselbad der Gefühle als Romeo oder Siegfried sichtbar zu machen, ohne Form und Technik aus den Augen zu verlieren, das gelingt Henrik Erikson mit wachsender Präsenz. Auch zeitgenössische Choreografen finden in ihm einen neugierigen Interpreten, der es versteht, seine Power spannungsvoll in der Schwebe zu halten. Der Blick fällt auf ihn, ohne dass er sich in den Vordergrund drängt.
Den Weg zum Tanz fand der in der Schweiz Aufgewachsene über das Eiskunstlaufen, das zunächst seine älteren Schwestern betrieben. „Meine Mutter bemerkte, dass ich hinter der Bande immer die jeweilige Kür nachahmte.“ Also meldete sie ihren Sprössling ebenfalls an. Als dieser acht Jahre alt war, bekam er für die Haltung ergänzend Ballettunterricht. Ballett gefiel ihm so gut, dass sich der Fokus verschob: weg vom Sport auf dem Eis, hin zum Tanz. „Letztlich hat das Ballett gewonnen: Und hier bin ich!“
Er hat ein Lächeln, das alles erhellt
Da ist es: dieses strahlende Lächeln, das alles erhellt. In dem konzentrierten, ernsten Gespräch blitzt es ab und an wie die Sonne durch Wolken auf. Und als überraschte ihn die Wirkung, dimmt er das freudige Leuchten sogleich auf das Maß zugewandter Höflichkeit.
Mit 14 Jahren zieht er nach Stuttgart
Es sind solche Überraschungsmomente, die sich einprägen. Auch auf der Bühne. Dort machen feine Stimmungswechsel Eriksons Interpretationen lebendig und reich, wobei er zunehmend maskuline Akzente setzt, etwa im modernen Ballettabend „Nowitzky/Dawson“. Ein Geschenk fürs hiesige Publikum ist schließlich, dass dieses Talent quasi vor dessen Augen erblühte und reift. Wechselte Henrik doch schon im Alter von 14 Jahren von der privaten Ballettschule für das Opernhaus Zürich an die Cranko-Schule. Und folgte damit dem Rat der Schuldirektorin Doris Catana Beriozoff, Frau des ehemaligen Stuttgarter Ballettdirektors Nicolas Beriozoff und früher selbst Tänzerin in Stuttgart.
Die Trennung von seinen Eltern nennt Erikson eine „absolute Katastrophe“. „In den ersten Wochen dachte ich, dass ich meine Ausbildung abbreche. Aber mit der Zeit habe ich Freunde gefunden und mich eingelebt.“ Früh schnupperte der Ballettschüler Bühnenluft, etwa als Statist in „Dornröschen“. „Ich weiß noch gut, wie ich als schlafende Figur im zweiten Akt blinzelnd versuchte, das Solo von Friedemann Vogel und Alicia Amatriain zu verfolgen. Man nimmt da schon sehr viel mit und bekommt ein Gefühl dafür, wie alles abläuft.“ Der naturverbundene Schwede, der allenfalls im Beruf des Tierarztes eine Alternative zum Ballett gesehen hätte, erhielt 2018 im Anschluss an seine Ausbildung einen Eleven-Vertrag in Stuttgart, tanzte sich durch alle Stile, debütierte solistisch als Lenski und war als Tänzer an vielen Neukreationen beteiligt. Jede Spielzeit kletterte er in der Kompaniehierarchie eine Stufe weiter. Mit 25 Jahren ist er als Erster Solist oben angekommen.
Er will von Vorbildern lernen
Sein Kommentar zeigt Bodenhaftung: „Da gibt es noch viel zu vieles, was ich lernen muss. Ich möchte noch viele, auch alte Rollen wie Albrecht in ,Giselle‘ und James in ,La Sylphide‘ tanzen und so viel Erfahrung wie möglich sammeln.“ Und er möchte von Kollegen wie Friedemann Vogel und Jason Reilly lernen, solange sie noch da sind. „Jason sieht sofort, warum es bei einer Hebung nicht so gut klappt.“ Ein verantwortungsvoller Partner zu sein ist Erikson Anliegen und Ansporn zugleich, auch weil ein Pas de deux ihm ermöglicht, die Ballerina im Vordergrund glänzen zu lassen und selbst einen Schritt zurückzutreten. Gerade für Erste Solisten gehört das zur hohen Kunst.
Info
Leben
Aufgewachsen ist Henrik Erikson in der deutschsprachigen Schweiz, geboren wurde er in Hongkong. „Das lag daran, dass mein Vater beruflich dorthin zog und die ganze Familie für ein, zwei Jahre mitkam.“ Zu kurz, um eine Beziehung zu der Megacity aufzubauen. „Abgesehen von einer Zwischenlandung auf dem dortigen Flughafen während einer Asien-Tournee war ich später nicht mehr dort“, sagt er.
Sprache
Schweden ist für den Tänzer das Land, wo die Familie die Ferien verbringt und die Verwandtschaft lebt. Mit seinen Angehörigen spricht Henrik Erikson Schwedisch, sonst akzentfrei Deutsch, im Ballettsaal Englisch. Selbst in Gedanken oder träumend: Die Sprachen wechseln mit den Inhalten.
Karriere
Seine Ausbildung führte ihn von der privaten „Ballettschule für das Opernhaus Zürich“ an die Cranko-Schule. Nach dem Abschluss 2018 kam er als Eleve zum Stuttgarter Ballett. Im April wurde er nach seinem Debüt als „Schwanensee“-Prinz noch auf der Bühne zum Ersten Solisten befördert.
Termin
Am 16. Oktober ist Erikson erneut als Prinz Siegfried in „Schwanensee“ zu sehen.