Für einen entspannten Umgang mit Anträgen zum Moschee-Bau in Deutschland plädiert der Religionsbeauftragte der Bundesregierunng Markus Grübel (CDU). Foto: EPA

Der Beauftragte der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit, Markus Grübel (CDU), will auch in Deutschland die interreligiöse Toleranz fördern. Im Interview spricht er unter anderem über die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört.

Berlin - Der Religionsbeauftragte der Bundesregierung kommt aus Esslingen. In seiner neuen Funktion soll Markus Grübel den Bericht zur Lage der Religionsfreiheit im zweijährigen Rhythmus fortschreiben. Er muss beobachten, wo es auf der Welt bedenkliche Entwicklungen hinsichtlich der Begrenzung von Religionsfreiheit gibt. Und drittens er soll den Dialog mit politischen, gesellschaftlichen und religiösen Gruppen führen.

Herr Grübel, werden Sie sich die Freiheit nehmen, religiöse Toleranz innerhalb Deutschlands einzufordern?
Ja, uneingeschränkt.
Gibt es denn in Deutschland ein Klima wachsender religiöser Intoleranz?
Die Statistik weist bei den religiös motivierten Straftaten 129 christenfeindliche, 1075 islamfeindliche Straftaten und 1504 antisemitische Straftat für 2017 aus. Deutschland ist also keine Insel der Seligen. Im Vergleich zur Situation von Christen in China oder der arabischen Welt wirkt Deutschland als glückliches Land. Aber natürlich gibt es bei uns im Alltag Probleme.
Wo zum Beispiel?
Wenn mal wieder Anträge muslimischer Gemeinden vorliegen, eine Moschee zu bauen, gibt es in den Gemeinderäten regelmäßig heftige Debatten. Die Bundesregierung fordert zu Recht von arabischen Ländern, dass Christen dort Kirchen bauen und ihre Religion in Gemeinschaft und in würdigem Rahmen leben können. Das Gleiche gilt dann aber in Deutschland auch für die hier lebenden Muslime.
Sie begrüßen den Bau von Moscheen?
Man muss genau hinschauen, wer baut. Aber ein entspannter Umgang mit solchen Anfragen hilft mit Sicherheit. Wichtig ist: Es gibt in Deutschland ja schon die Möglichkeit, Islamwissenschaft zu studieren. Die Moschee-Vereine müssen immer mehr dazu kommen, in Deutschland ausgebildete Imame einzusetzen. Auch der Imam soll ja in der Lage sein, am Leben der Zivilgesellschaft teilzunehmen.
Bedeutet das auch die Einführung muslimischer Feiertage in Deutschland?
In unserer deutschen Tradition halte ich diese Debatte nicht für zielführend. Aber ein Muslim hat Anspruch darauf, dass auf seine religiösen Feste und Feiertage Rücksicht genommen wird – etwa, wenn es um Freistellungen vom Arbeitsplatz geht.
Gehört der Islam zu Deutschland?
Kulturhistorisch gehört der Islam nicht zu Deutschland. Aber in Deutschland leben auf Dauer Muslime. Und deren Religion, der Islam, gehört damit selbstverständlich zu Deutschland. Soweit ist die Diskussion noch folgenlos. Spannender ist die Fragestellung, ob etwa islamisches Recht zu Deutschland gehört. Da muss man sagen: eindeutig nein. Aber religiöses Leben muss für Muslime in Deutschland natürlich möglich sein.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat das Kreuz in allen Amtsstuben des Landes ich vorgeschrieben und sich beim Aufhängen des Kreuzes demonstrativ ablichten lassen. Wird da nicht das Christentum als Instrument der Abgrenzung missbraucht?
Das ist eine übertriebene Deutung. In Bayern ist das Kreuz im öffentlichen Raum überall präsent: Kreuze gibt es an Wegesrändern, auf Berggipfeln, in Gaststätten. Die gleiche Aktion in Berlin hätte einen wesentlich demonstrativeren Charakter als in Bayern. Mir ist wichtig: Das Kreuz ist das Zeichen dafür, dass sich der Mensch gegenüber Gott verantworten muss. Das zu wissen ist für politisch Verantwortliche nie ein Fehler. Und es als Zeichen von Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu begreifen, ist für politische Entscheidungsträger auch angemessen. Das kann auch einer bayerischen Staatsregierung nicht schaden.
Wäre die Aufnahme in Deutschland von Flüchtlingen, die vom Lifeline-Boot gerettet worden waren und tagelang auf einen aufnehmenden Hafen warten mussten, nicht ein solchen Zeichen christlicher Barmherzigkeit gewesen?
Menschen aus Seenot zu retten ist ein Grundsatz der christlichen Seefahrt. Der gilt. Niemand darf ertrinken, nur weil er sein Land verlässt und möglicherweise illegal nach Europa kommt. Daraus folgt nicht, dass jeder bleiben darf, der nach Europa kommt. Deutschland nimmt so viele Flüchtlinge auf wie kein anderes Land in Europa. Ich teile die Einschätzung von Alt-Bundespräsident Gauck: Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich. Wir können nicht beliebig viele aufnehmen. Deshalb wird in unserem im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung so konkret daran gearbeitet, Fluchtursachen zu mindern.
Warum ist Ihr Amt überhaupt an das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit angebunden?
In diesem Im Entwicklungsministerium gibt es seit 2016 den Arbeitsbereich Religion und Entwicklung. Religion ist prägende Grundlage für viele Völker, mit denen das Haus zu tun hat. Entwicklungspolitische Ziele lassen sich besser verfolgen, wenn man die Religionsführer mit einbindet. Wer die für sich gewinnt, hat glaubwürdige Vermittler in den Ländern. Die Anbindung ist auch sinnvoll, weil dieses Ministerium eine extrem gute Kenntnis der gesellschaftlichen Situationen und der Menschenrechtslage in vielen Regionen der Welt hat.
Ist denn der Grad religiöser Toleranz auch ein Kriterium für die Ausweitung oder Reduzierung der Kooperation mit diesen Ländern?
Natürlich wollen wir die Achtung religiöser Toleranz in allen Ländern fördern. Aber gerade für die Länder, die diesen Wert gering achten, gilt, dass es wichtig ist, mit ihnen im Gespräch zu bleiben und Kontakte zu knüpfen. Ich halte nichts davon, die Menschen zu bestrafen, die von Entwicklungsprojekten profitieren, weil uns der Kurs der dortigen Regierung nicht gefällt.
In der EU wird oft mit dem christlichen Abendland argumentiert. Wie finden Sie das?
Das beschwören des christlichen Abendlandes ist eine reine Leerformel. Diejenige, die das im Munde führen, haben offensichtlich nicht die christlichen Werte wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit im Sinn. Ich würde gerne hören, welche Werte die verteidigen wollen, die diese Formel so gerne benutzen. Aber sie gebrauchen den Begriff ja nur als eine Botschaft der Abgrenzung.
Macht Ihnen Sorgen, dass etwa in den USA politische Handlungen explizit mit Bezug auf die Bibel begründet werden? So hat der US-Justizminister die Praxis der Trennung von Eltern und Kinder illegaler Einwanderer begründet.
Die Argumentation habe ich überhaupt nicht verstanden. Zumal der Präsident diese Politik ja bald danach geändert hat. Mit dem Satz, den der Justizminister aus den Evangelien zitiert hat, können Sie alles begründet. Das hilft nicht weiter. Wenn ein Politiker seinen Glauben in der Öffentlichkeit bekennt, muss es einfach glaubwürdig sein. Wer christliche Werte beschwört, muss sich die Frage gefallen lassen, wie die praktische Umsetzung in der politischen Arbeit denn aussieht.
Welche Entwicklung bereitet Ihnen derzeit die größten Sorgen in Sachen religiöser Toleranz?
Die Situation im Nordirak ist bedenklich. Der IS hat im Grunde eine religiöse und ethnische Säuberung vollzogen. Alle nicht-sunnitischen Muslime wurden verdrängt oder schwer bedrängt. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen, die in Flüchtlingslagern leben, wieder in ihre Dörfer und Städte zurück können. Es muss eine Nachkriegsordnung entstehen, die ein friedliches Miteinander der Religionen ermöglicht – unter Einbeziehung von Christen, Jesiden und anderer ethnischer Minderheiten. Jesidische und christliche Kultur ist in diesem Landstrich seit über tausend Jahren vertreten. Ich möchte nicht, dass sie bald erlischt.

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