Strategiearbeit im Container: Bei Drittligaaufsteiger Türkgücü München, Sportchef Roman Plesche (li.), Geschäftsführer Max Kothny. Foto: StN

Dem ersten von Migranten gegründeten Club gelingt der Sprung in den deutschen Profifußball. Aber der sportliche Höhenflug von Türkgücü München löst nicht nur Jubelstürme aus.

München - Die stolzen Fans von Türkgücü München stricken gern an Legenden. Wie an der von Cacau. Im Michaelibad nebenan, erzählen sie und richten den Blick vom Trainingsgelände nach Norden, hätten ihn damals ein paar Spieler angesprochen. Beim Bolzen auf der Liegewiese. „Willst du bei uns mitmachen?“

Cacau, die Club-Legende

Ganz so entspannt, sagt der ehemalige Bundesligastürmer und schmunzelt, sei sein Einstieg in den Profifußball dann doch nicht gewesen. „Ich kam aus Brasilien, stand mit einem Köfferchen am Bahnhof und wusste nicht so richtig, wohin. Mein Berater fragte alle Clubs in München an“, erinnert sich der Deutsch-Brasilianer, „ich musste ja einen Arbeitsplatz nachweisen, um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen.“ Sonst wäre sein Traum vom Berufsfußball schnell wieder geplatzt.

Der SV Türk Gücü, ein 1975 von Migranten gegründeter Verein, zeigte Interesse an Cacau. Der Club, mit einer bunt gemischten Mannschaft voller Talente aus Nigeria, Australien, Serbien, Deutschland und der Türkei, kämpfte sich um die Jahrtausendwende aus dem tiefsten Tal seiner noch jungen Geschichte. Der Präsident, ein türkischer Geschäftsmann, hatte Spendierhosen getragen, in denen die Löcher nach kurzer Zeit größer waren als die Flicken im Spielfeld. Bevor ihm der Fiskus unbequeme Fragen stellen konnte, zog es der klamme Sportsfreund vor, den Wohnsitz zu wechseln. Zurück in die Türkei. Adresse unbekannt. Ende der Achtzigerjahre hatte der Migrantenclub in der Bayernliga noch vor 12 000 Zuschauern gegen die Münchner Löwen gekickt. Jetzt war er pleite.

Ein gefallener Riese

Cacau, der Neuzugang, machte von 2000 bis 2001 immerhin 18 Spiele für den gefallenen Riesen: in der Landesliga, er schoss neun Tore. „Wir spielten eine gute Hinrunde, aber nach der Winterpause war die halbe Mannschaft weg. Wir haben mit Spielern aus der Reserve und der Jugend gerade noch den Abstieg verhindert“, erzählt der Stürmer, der zum 1. FC Nürnberg wechselte, eher er sich von 2002 bis 2014 in die Herzen der Fans beim VfB Stuttgart spielte.

Wer die aktuellen Befindlichkeiten von Türk Gücü, der „türkischen Kraft“ aus dem Münchner Osten, verstehen will, der muss ihre Geschichte kennen. Und ihre Geschichten. Sie sind geprägt von hoch fliegenden Träumen und zerstörten Hoffnungen, von geballtem Optimismus und bröckelnder Zuversicht. Vom zermürbenden Kampf gegen Ressentiments und vom ständigen Ringen um Anerkennung.

Ein Drittligist ohne feste Heimat

Und als sei das alles nicht schon Bürde genug, keimt im Migrantenclub bisweilen der Verdacht, in München so wohl gelitten zu sein wie ein Anzugträger auf dem Oktoberfest. Türkgücü ist der erste von Migranten gegründete Verein in Deutschland, dem der Sprung in den Profifußball glückte, aber auch als Drittligist bleibt der Multikulti-Prototyp aus Neuperlach ein Nomade. Sein Stadion-Hopping ist einmalig im deutschen Fußball und nach den Lizenzstatuten des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) auch gar nicht erlaubt. „Wir brauchen endlich eine feste Heimat“, seufzt Roman Plesche, der sportliche Leiter.

Eigentlich muss jeder Profiklub eine permanente Heimspielstätte nachweisen können. Aber angesichts der Stadionnot in der Bayern-Metropole drückten die Hüter des geordneten Spielbetriebs aus der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise ein Auge zu. Was bedeutet, dass sich Türkgücü künftig das Stadion an der Grünwalder Straße mit dem TSV 1860 München und dem FC Bayern München II teilt. Das ist organisatorisch ein Himmelfahrtskommando und für den Rasen ein Überlebenstraining. Das Olympiastadion dient zwar als Ersatzspielort, aber das ist für die noch übersichtliche Fan-Gemeinde von Türkgücü viel zu groß und technisch ein wenig in die Jahre gekommen. Gemessen an modernen LED-Anlagen hat das Flutlicht in der Olympia-Arena die Leuchtkraft einer Taschenlampe.

Nur ein Störfaktor?

Das Übungsgelände teilt sich der künftige Drittligist mit vier Amateurvereinen auf der eher übersichtlichen Bezirkssportanlage Perlach-Nord. „Unser Trainingsplatz hat erst vergangenes Jahr einen Ballfang bekommen“, sagt Roman Plesche, 33, der sportliche Leiter und führt übers Gelände. Die Rechnung ging an den Verein. Er weist auf die fehlende Rasenheizung hin. Von einer Geschäftsstelle erst gar nicht zu reden. Sechs Angestellte und das Trainerteam teilen sich einen Container von 14 Quadratmetern neben den Umkleidekabinen. „Ehrlich gesagt“, seufzt Roman Plesche, „fühlen wir uns hier in München nicht richtig ernst genommen.“ Man könnte es auch so formulieren wie Türkgücü-Präsident Hasan Kivran im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“: „Ich weiß, dass wir in München stören.“ Zeitweilig überlegte der streitbare Clubchef sogar, mit Türkgücü nach Nordrhein-Westfalen auszuwandern. Aber die DFB-Gewaltigen senkten den Daumen. Keine Chance!

Das Gerücht um Erdogan

Es klingt immer alles ein wenig so, als wollten die eher konservativen Bayern den von Türken gegründeten Club mehr bremsen als fördern. Aber erstens ist München politisch betrachtet nicht Schneuzelreuth und zweitens kam der sportliche Erfolg von Türkgücü dann doch ein wenig überraschend. So sehr sogar, dass manch Neider kolportierte, es könne nicht mit rechten Dingen zugehen beim Aufsteiger aus dem Osten der Landeshauptstadt. Weil die doch jede Pressemitteilung auf Deutsch und Türkisch verschicken. „Nicht, dass am Ende dieser Recep Erdogan das alles finanziert.“

Natürlich kicken sie auch bei Türkgücü nicht für Lau. Seit Hasan Kivran, 53, 2016 die Clubspitze übernahm, hat er nach vorsichtigen Schätzungen aus eigener Tasche fast eine Million Euro investiert. Er gründete einst das Leasing-Unternehmen Mobility Concept, verkaufte es vor zwei Jahren wieder und gründete die „HK Erste Vermögens- und Beratungs-GmbH“. An dieser gibt es Beteiligungen, eine davon ist eine Tochter in der Türkei, die im Immobilienbereich tätig ist.

Sponsor aus Stuttgart

Der Durchmarsch aus der Bayern- über die Regionalliga in die dritthöchste Spielklasse gelang auch deshalb, weil der betuchte Geschäftsmann mit dem deutschen Pass den Verein konsequent professionalisierte, für den er in jungen Jahren selbst die Stiefel schnürte. Die erste Mannschaft führte er in eine Kapitalgesellschaft über, an der seine HK 99 Prozent der Anteile hält. Um die 50+1-Regel im deutschen Fußball nicht zu verletzen, beließ er die Stimmrechte komplett beim Verein. Der heißt inzwischen Türkgücü München statt wie früher SV Türkgücü-Ataspor München, das Wappen vereint den türkischen Halbmond mit der bayerischen Raute. Der Verein profitiert von einem Sponsorenpool mit Unternehmen wie Gazi, dem Stuttgarter Großhändler für mediterrane Speisen, FTI (Touristik) oder dem Versicherungsmakler Aon, ehemals Trikotsponsor von Manchester United.

Vorbild für andere Migrantenvereine

Türkgücü träumt vom Aufstieg in die zweite Liga – geplant für das Jahr 2023. Für Einzelschicksale bleibt angesichts solch ehrgeiziger Pläne kein Platz. Trainer Reiner Maurer wurde nach gelungener Mission kurzerhand durch Alexander Schmidt ersetzt, beim VfB Stuttgart vor Jahren als Talentscout am Werk. „Die Dritte Liga,“ sagt Türkgücü-Geschäftsführer May Kothny, „ist für uns ein super spannendes Projekt.“ Und das nicht nur in sportlicher Hinsicht. Die Macher sind zwar geübt im Umgang mit Vorurteilen, bisweilen sogar Anfeindungen, aber bisher führten sie ihre Duelle selten über Bayern hinaus. „Türkgücü ist ein gut geführter Club mit großen Zielen. Ich bin zuversichtlich, dass dies auch in der Dritten Liga respektiert wird“, sagt der DFB-Integrationsbotschafter Cacau, „er ist ein Vorbild für andere von Migranten gegründete Vereine. Sie alle leisten wertvolle Integrationsarbeit, vor allem an der Basis, in den Kinder- und Jugendmannschaften.“

Cacau jedenfalls rückt Türkgücü die Daumen. „Sie haben es verdient, fair behandelt zu werden.“ So oder so: In Neuperlach, gleich neben dem Michaelibad, werden sie weiter an seiner Legende stricken.

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