120 000 Deutsche erleiden pro Jahr den plötzlichen Herztod. Eine schnelle Erste Hilfe erhöht die Überlebenschancen um das Zwei- bis Vierfache Foto: Fotolia/© pixelaway

Nicht immer muss das Ende des Lebens endgültig sein: Die moderne Notfallmedizin kann Tote noch nach knapp einer Dreiviertelstunde zurück ins Leben holen. Doch der Erfolg dieser Forschung ist maßgeblich davon bestimmt, ob in den ersten Minuten die Laienrettung funktioniert. Wie Erste Hilfe funktioniert und warum Kühlpacks dabei helfen – erklären wir hier.

Köln - Noch vor Anpfiff kippte der 79-jährige Dortmund-Fan einfach um. Sein Herz war stehengeblieben, das Gehirn arbeitete nicht mehr, er hörte auf zu atmen. Sofort eilten Rettungskräfte herbei: Herzdruckmassage, 100 bis 120 Kompressionen pro Minute, vielleicht schockten sie sein Herz mit 360 Joule. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Nur wenige Meter entfernt erlitt ein zweiter BVB-Anhänger fast zeitgleich ebenfalls einen plötzlichen Herztod. Auch er wurde reanimiert. Der 55-Jährige hat überlebt.

Die Nachricht, dass zwei von 81 000 Menschen an einem Fußballnachmittag am selben Ort einen Herzstillstand erlitten, ging durch die Medien, wurde Zigtausend Mal in sozialen Netzwerken geteilt. Auch Bernd Böttiger hat diese Nachrichten an jenem Sonntag im März verfolgt. Verwundert haben sie ihn nicht. „Statistisch gesehen ist das nichts Ungewöhnliches“, sagt der Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin an der Uniklinik Köln und Präsident des German Resuscitation Council (GRC) – des deutschen Wiederbelebungsrats. Mehr als 70 000 Deutsche erleiden pro Jahr einen plötzlichen Herztod – obwohl sie vom Rettungsdienst versorgt werden. „So gesehen sterben hierzulande jeden Tag 200 Menschen auf diese Weise ohne dass es in der Zeitung steht.“ Häufig erwischt es jene, die noch lange nicht ans Sterben denken, weil sie 60 Jahre oder jünger sind. Warnsi­gnale gibt es fast nie.

Drei bis fünf Minuten bleiben, um den Sterbeprozess aufzuhalten

Damit ist der plötzliche Herztod die dritthäufigste Todesursache, nach anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Und zugleich ist es ein Tod, bei dem die Chance, ihn zu verhindern, sehr hoch ist – vorausgesetzt es leistet jemand sofort Erste Hilfe. „Man muss sich das so vorstellen“, sagt Böttiger, „hört der Herzmuskel auf zu schlagen, wird kein Blut mehr durch den Körper gepumpt. So gelangt auch kein Sauerstoff mehr zum Gehirn. Unversorgt führt dieser Zustand nach drei bis fünf Minuten zu bleibenden Hirnschäden. Nach zehn Minuten ist der Patient hirntot.“

Es sind also diese drei bis fünf Minuten, in denen es gelingen kann, den Sterbeprozess aufzuhalten, sogar rückgängig zu machen: „Eine schnelle Erste Hilfe erhöht die Überlebenschancen um das Zwei- bis Vierfache“, sagt Böttiger. Wer mit dem Druck seiner Hände die Pumpfunktion des Herzens wieder ersetzt – und zwar in einem Rhythmus von 100 bis 120 kräftigen Kompressionen pro Minute –, bewirkt, dass das Blut wieder zu fließen beginnt und den letzten Rest der im Körper verbliebenen Sauerstoffmoleküle ins Gehirn transportiert. „Bestenfalls lassen sich die Minuten, bis der Rettungsdienst kommt, so überbrücken“, sagt Böttiger.

Teils kommt es vor, dass der Patient die Augen aufschlägt und einen anschaut. Es gibt Fälle, in denen sich Betroffene auch an die Vorgänge erinnern können. Eine gut ausgeführte Wiederbelebung kann das Gehirn mit bis zu 30 Prozent des üblichen Sauerstoffs versorgen. Allerdings ist das anstrengend. Selbst Profis halten dieses Niveau nicht länger als ein paar Minuten durch.

Eine Unterkühlung verbessert die Überlebenschancen

Inzwischen werden Patienten mit akutem Herzstillstand auf 32 bis 34 Grad Celsius heruntergekühlt: Oft wird hierfür ein Katheter durch eine Vene an der Leiste gelegt, der wie ein Wärmetauscher wirkt. Diese sogenannte therapeutische Hypothermie kann das Absterben von Hirnzellen reduzieren. „So verschaffen sich die Ärzte Bedingungen, in denen sich das Gehirn erholen kann und keinen weiteren Schaden nimmt“, sagt Böttiger. In Studien hat sich gezeigt, dass sich so sogar entstandene Hirnschäden teils rückgängig machen lassen können. „Man kann dies auch an Unfallopfern beobachten, die aus eiskalten Gewässern oder Lawinen gerettet werden, weil hier aufgrund der Kälte der Hirntod nicht schon nach drei bis fünf Minuten eintritt, sondern temperaturabhängig erst sehr viel später“, sagt Böttiger.

Seit einigen Jahren forschen Wissenschaftler auch daran, das Gehirn vor Schäden durch einen durch Herzstillstand bedingten Sauerstoffmangel mit Hilfe von Medikamenten zu schützen: Böttiger und sein Team etwa haben hierzu Modelle entwickelt. Eines davon erklärt Böttiger so: „Wenn man beispielsweise bei Nagern einen Kreislaufstillstand auslöst, dann diese nach fünf bis acht Minuten wiederbelebt und ihnen dann Hormone spritzt, die Winterschläfer verwenden, um ihren Stoffwechsel auf Sparflamme zu fahren, würde ihr Gehirn keinen Schaden nehmen.“ Doch vor einem klinischen Einsatz ist dieses Modell noch weit entfernt.

Nur 30 Prozent der Menschen trauen sich zu, in Notsituationen Erste Hilfe zu leisten

Noch bleibt die Medizin also auf eine schnelle Erste Hilfe angewiesen. Doch mit deren Beliebtheit ist es schlecht bestellt: Hierzulande starten laut einer Erhebung des Deutschen Reanimationsregisters der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) nur 30 Prozent der Menschen überhaupt einen Wiederbelebungsversuch in Notsituationen. Damit liegen die Deutschen im EU-weiten Vergleich im unteren Drittel. Auch die Mund-zu-Mund-Beatmung hält viele davon ab zu helfen. „Dabei ist diese erst einmal nicht unbedingt nötig“, sagt Böttiger. Doch schon dieses Vorurteil zeige, wie groß der Informationsbedarf in Sachen Wiederbelebung sei. Mit Kampagnen wie „Prüfen, rufen, drücken“ – Lebenszeichen überprüfen, Notarzt rufen und Herz-Druck-Massage ausführen – versuchen die deutschen Anästhesisten und andere dem entgegenzuwirken. „Den Leuten muss bewusst werden, dass sie allein mit ihren Händen mehr Leben retten können, als ein Medikament es je zu schaffen vermag.“

So funktioniert Erste Hilfe beim Herzstillstand

1. Atmung überprüfen

Sprechen Sie die Person an: „Hören Sie mich?“

Achten Sie auf die Atmung: Keine Atmung oder keine normale Atmung (Schnappatmung)?

2. Notarzt rufen

Rufen Sie 112 an

Oder veranlassen Sie eine andere Person zum Notruf

3. Herzdruckmassage beginnen

Machen Sie den Brustkorb frei und legen Sie den Ballen Ihrer Hand auf die Mitte der Brust, den Ballen Ihrer anderen Hand darüber. Verschränken Sie die Finger. Halten Sie die Arme gerade und gehen Sie senkrecht mit den Schultern über den Druckpunkt

Drücken Sie das Brustbein fünf bis sechs Zentimeter nach unten und drücken Sie 100- bis 120-mal pro Minute – etwa im Rhythmus des Bee-Gees-Song „Stayin’ alive“. Hören Sie nicht auf, bis Hilfe eintrifft.

Geschulte Helfer sollen die Mund-zu-Mund-Beatmungen im Verhältnis von 30 Herzdruckmassagen zu 2 Beatmungen durchführen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: