Konfrontatio Foto: privat

Wie geht man im Alltag auf Menschen zu, die allmählich die Geisteskraft verlässt, die nicht mehr recht funktionieren? Der „Erste-Hilfe-Kurs Demenz“ am Donnerstag, 15. Oktober, ist für jeden gedacht, der mit dementen Menschen in Berührung kommen können – also für alle.

S-West - Wie geht man um mit einem Menschen, den allmählich seine Geisteskraft verlässt? Wie verhält man sich in kompromittierenden Situationen als Angehöriger aber auch als Einzelhändler, Apotheker, Polizist oder Nebensitzer in der U-Bahn? Der „Erste-Hilfe-Kurs Demenz“ am Donnerstag, 15. Oktober, ist für jeden gedacht, der mit dementen Menschen in Berührung kommen können – also für alle.

Es beginnt mit zeitlicher Desorientierung

„Es werden zunächst die Grundlagen vermittel“, der medizinische Hintergrund, die Phasen der Erkrankung, erläutert Kursleiter Hartwig von Kutzschenbach, der den Sozialpsychiatrischen Dienst für alte Menschen leitet und Vorsitzender der Alzheimer-Gesellschaft Baden-Württemberg ist. Es gehe darum, den Betroffenen in jeder dieser Phasen angemessen zu begegnen. Prinzipiell sei es unangebracht, Betroffene mit ihren Defiziten zu konfrontieren. Kutzschenbach gibt ein Beispiel: „Ein Mann kommt regelmäßig zum Kegeln. Normalerweise ist er pünktlich, dieses mal kommt er eine halbe Stunde zu spät. Das nächste mal sind es schon zwei Stunden und er fragt in die Runde: ,Wieso habt ihr den Termin verschoben ohne mir Bescheid zu geben?‘“ Solche zeitliche Desorientierung kennzeichne die erste Phase der Erkrankung. „Statt den Betroffenen zu konfrontieren und damit bloßzustellen, gilt es, Brücken zu bauen.“ Von Kutzschenbach schlägt vor, den Kegel-Freund vor dem nächsten Treffen einfach zuhause abzuholen und mit gemeinsam loszugehen. Bei zeitlicher Desorientierung seien mitunter einfache Dinge hilfreich – etwa richtig funktionierende Uhren in der Wohnung und Tagesabreißkalender statt Monatsblättern.

Mit fortschreitender Erkrankung leide als nächstes die örtliche Orientierung. „Die Stufe danach bedeutet einen qualitativen Sprung, sie betrifft die situative Orientierung. Das bedeutet, dass Situationen fehlinterpretiert werden.“ Von Kutzenbach hat wieder ein Beispiel parat: Beim Seniorentreff werden Brezeln gereicht. Es ist Spätnachmittag und das Gebäck ist schon ein bisschen trocken und hart. „Der Betroffene nimmt vielleicht die Zähne heraus und legt sie auf den Tisch, weil er ohne sie besser essen kann.“ Dieser Mensch hat schlicht die gesellschaftlichen Konventionen vergessen. In einer letzten Phase der Erkrankung, so von Kutzschenbach, verschwimmen schließlich die Gesichter, und der Betroffene erkennt nicht ein mal mehr die engsten Angehörigen wieder.

Die Gesellschaft muss sich anpassen

Natürlich spüren Betroffene, dass etwas nicht stimmt, dass ihr Verhalten stört oder gar auf Ablehnung stößt. Denn die Empfindsamkeit nimmt mit der Demenz tendenziell eher zu. Die Konsequenz ist nicht selten, dass an Demenz Erkrankte sich nicht mehr in die Öffentlichkeit wagen, sich mehr und mehr zurückziehen und isolieren. An diesem Punkt wird die Kernthese besonders sinnfällig, die hinter dem Angebot Erste-Hilfe-Demenz steckt: Menschen, die an Demenz leiden, können sich nicht mehr an ihre Umgebung anpassen, deshalb muss die Gesellschaft lernen, sich ihnen anzupassen.

Der dreistündige „Erste-Hilfe-Kurs Demenz“ mit Hartwig von Kutzschenbach findet am Donnerstag, 15. Oktober, von 17 Uhr an im Gemeindezentrum St. Fidelis in der Silberburgstraße 60 statt. Er ist ein kostenloses Angebot der Demenzinitiative Stuttgart-West, einer Kooperation verschiedener Dienste und Einrichtungen, und wird vom Bezirksbeirat gefördert.

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