Ganz detailliert kann man auf dem Zettel alle wichtigen Informationen eintragen. Foto: Leonie Schüler

Eine Dose mit Informationen über einen bewusstlosen Patienten kann Sanitätern im Ernstfall helfen. Auch in Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen soll es künftig so etwas geben. Gibt es auch einen Haken?

Filder - Um bei einem Notfall schnellstmöglich alle wichtigen Informationen über den Patienten zu bekommen, kann eine sogenannte Rettungsdose helfen (unsere Zeitung berichtete). Das kleine Gefäß aus Kunststoff wird in der Kühlschranktür platziert, damit Sanitäter es in jedem Haushalt rasch finden. Sowohl in Filderstadt als auch in Leinfelden-Echterdingen planen die Verwaltungen gemeinsam mit den örtlichen Verbänden des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), die Dosen einzuführen.

Welche Angaben gehören in die Notfall-Dose?

Auf einem Datenblatt wird notiert, welche Medikamente eingenommen werden, ob es Vorerkrankungen wie Herzprobleme, Diabetes oder vorangegangene Operationen gibt, welche Blutgruppe der Patient hat und ob Allergien bekannt sind. Zusätzlich kann notiert werden, wer der Hausarzt ist, welche Angehörigen im Notfall kontaktiert werden sollen oder ob es Haustiere gibt, die versorgt werden müssen. Auch eine Patientenverfügung und ein Organspendeausweis können dazugelegt werden.

Was bringen die Informationen den Ersthelfern?

„Wir erfahren dadurch, was am wahrscheinlichsten zur Bewusstlosigkeit des Patienten geführt hat“, sagt Jan Polzin vom DRK-Ortsverein Leinfelden-Echterdingen. Sein Kollege Michael Wucherer, Rettungsdienstleiter des DRK Esslingen-Nürtingen, sieht einen Vorteil darin, dass die Dose den Ersthelfern Infos darüber liefert, welche Dosis eines Medikaments sie spritzen müssen. Denn manche Wirkstoffe vertragen sich nicht miteinander oder es kann zu einer Überdosis kommen. Mit dem Wissen, dass der Patient schon einmal einen Schlaganfall hatte oder einen Herzschrittmacher implantiert hat, könne gezielter behandelt werden.

Was halten die Sanitäter von der Dose im Kühlschrank?

Rettungsdienstleiter Michael Wucherer begrüßt die Notfall-Dose: „Wir hätten dadurch einen Zeitgewinn und könnten effektiver helfen. Es wäre eine Erleichterung.“ Denn oft werden in der Wohnung keine Daten über den Patienten vorgefunden. „Das Problem ist: Wir dürfen die Wohnung nicht durchsuchen – selbst zum Wohle des Patienten“, sagt Wucherer. „Dafür bräuchte man die Polizei vor Ort.“ Ein Aufkleber könne als Einverständnis gewertet werden, die Kühlschranktür öffnen zu dürfen. „So kommen wir an die Info ran, ohne uns die Finger zu verbrennen.“

Wer sollte eine Notfall-Dose im Kühlschrank haben?

Das Gefäß nützt vor allem Menschen mit Vorerkrankungen. „Die Hauptzielgruppe sind ältere, allein lebende Menschen, doch auch jüngeren kann die Dose helfen“, sagt Wucherer. Zum Beispiel dann, wenn Telefonnummern von Angehörigen, die informiert werden sollen, angegeben sind. Wichtig sein kann auch die Info, ob ein Kind abgeholt werden muss und wer die Betreuung übernehmen kann. Auch ob ein Haustier versorgt werden muss, kann mit der Dose an den Sozialdienst des Krankenhauses weitergegeben werden.

Die DRK-Ortsverbände informieren schon jetzt ihre Mitarbeiter und ehrenamtlichen Helfer über die Notfall-Dose, damit sie mit dem Aufkleber am Kühlschrank etwas anzufangen wissen. In Filderstadt soll die Dose von Herbst an zu erwerben sein, in Leinfelden-Echterdingen wird es voraussichtlich erst im nächsten Frühjahr so weit sein.

Was ist mit Notfällen außerhalb der eigenen vier Wände?

Da die Dose zu Hause im Kühlschrank lagert, hilft sie nur dort. „Die Dose ist gut, aber sie ist zu wenig. Unser Ziel ist, etwas für unterwegs zu finden“, sagt Karl Praxl, Vorsitzender des Kreisseniorenrats Esslingen. Es gebe schon eine Idee, für die Handtaschen der Frauen etwas zu entwickeln. „Wir wollen die Infos mobiler machen.“

Wie rechtsverbindlich sind die Angaben in der Dose?

„Die Info in der Dose ist nicht einsatzbeeinflussend“, sagt Michael Wucherer zum Thema Reanimation. In der Regel werde die Wiederbelebung eingeleitet. Möchte jemand nicht reanimiert werden, müsse das nachvollziehbar bewiesen werden. Einem Hinweis in der Dose könne die Klinik aber nachgehen und ihn überprüfen.

Gibt es auch einen Nachteil?

Jürgen Wagner-Haußmann, Sozialplaner für Ältere in Filderstadt, befürwortet die Rettungsdose, gibt aber zu bedenken: „Die Infos in der Dose müssen gepflegt werden. Die Medikation muss immer aktuell sein.“ Wenn die Angaben auf dem Datenblatt veraltet sind, nützen sie nichts mehr oder können sogar Schaden anrichten.

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