Faksimile der ersten Ausgabe vom 6. Dezember 1825 Foto:  

Vor 200 Jahren erschien in Böblingen erstmals eine Zeitung: Die Wöchentlichen Bekanntmachungen. Der Beginn des Medienzeitalters mutet heute seltsam kurios an.

Ob der Buchdrucker J. Gottlieb Friedrich Landbeck sich hätte träumen lassen, was aus seiner Zeitung dereinst werden würde? Vor fast genau 200 Jahren war er es, der am 6. Dezember 1825 erstmals ein aus heutiger Sicht dünnes Blättchen in Böblingen druckte: Die Erstausgabe der „Wöchentlichen Bekanntmachungen“. Unterzeile: Mit königlich Würtemberg’scher allergnädigster Genehmigung. Es war eine Gründung – heute würde man Start-up sagen – mit Hindernissen, weshalb eine kleine Zeitreise in dieses Geburtsjahr lohnt.

 

Böblingen befindet sich nach der Wende zum 19. Jahrhundert noch in einem verträumten Dornröschenschlaf. Das Hungerjahr 1817 ist überwunden, ebenso die napoleonischen Kriege. Bonaparte ist gerade vier Jahr tot, und in Europa und Württemberg herrschen nach wie vor die Monarchen. Der Biedermeier steht in voller Blüte, Herren in Frack und Zylinder führen Gemahlinnen in weiten Röcken zum Sonntagsspaziergang und Pferdedroschken rumpeln über die Straßen. Doch damals beginnen in der Stadt oder besser gesagt in dem kleinen Weiler Böblingen die ersten Pflänzchen der Industrialisierung zu sprießen, die Gründerzeit bricht an.

Erste zarte Pflänzchen der Industrialisierung

gründet Karl Gottfried Dinkelacker seine Schönbuch Brauerei
Böblingen in einer alten Radierung Foto: Archiv/unbekannt

Es herrscht strenge Zensur, doch Landbeck lässt nicht locker: 1825 hat er schließlich Erfolg und erhält die königliche Genehmigung. In seiner Druckerei in der Böblinger Marktgasse bringt er von Dienstag, 6. Dezember 1825 einen kleinen Vierseiter heraus. Sieben Jahre später wurde daraus das Amts- und Intelligenzblatt für die Oberamtsbezirke Böblingen und Leonberg. Kurios mutet die Erstausgabe schon allein deshalb an, da man nicht – wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre – mit einer Nachricht in eigener Sache sich seinen Lesern vorstellte oder sonst eine weltbewegende Neuigkeit zu berichten hatte.

Stattdessen widmete Landbeck die ersten Zeilen der Titelseite einer Wohnungsannonce: „Es sucht Jemand auf Lichtmeß ein Logis zu miethen, wo nebst Stube, Stubenkammer und Küche auch Stallung und Platz zu Holz abgegeben werden könnte. Ausgeber dieses sagt: Wer?“ Ein anderer sucht eine „zwei Schuh breite“ Marmorplatte, ein Dritter inserierte einen „ganz gut conditionierten englischen Sattel“. Das zeigt mehrere Dinge: Erstens war man von der heutigen Rechtschreibung noch ein paar Jährchen entfernt und zweitens schien der Mangel an bezahlbarem Wohnraum die Böblinger schon damals zu plagen.

Auch unter dem Werbeblock finden sich noch keine Neuigkeiten, sondern eine historische Abhandlung über Friedrich Wilhelm den Ersten, König von Preußen. Verständlich wird dies aus dem Kontext der damaligen Zeit: Die Zeitung hat weder eine Redaktion im heutigen Sinne, noch überhaupt die Erlaubnis, unabhängig zu berichten. Alles unterliegt der strengen Aufsicht der Ämter, Gerichte und Pfarreien, für die Landbeck hauptsächlich Verordnungen und Verlautbarungen abdruckt.

Nachrichten waren zunächst verboten

So waren die wöchentlichen Ausgaben aus heutiger Sicht ziemlich trocken, zumal die Fotografie noch nicht erfunden war. Erst im hinteren Teil sind später unterhaltende Anekdoten und sogar Rätsel geduldet. Und von 1840 an gestatten die Ämter auch nachrichtliche Beiträge, wenn auch nur spärlich. So unbeholfen der Beginn des Medienzeitalters in Böblingen heute anmutet: Es ist die Keimzelle einer zwar wechselvollen, aber erfolgreichen medialen Entfaltung.

Anno 1836 druckt Landbeck kurzzeitig auch das Amts- und Intelligenzblatt für Stuttgart. Fünf Jahre später verkauft er den Verlag an den Buchdrucker Carl Maier, da sich sein Unternehmen mangels Personal im Niedergang befindet. Es ist die Geburtsstunde des Böblinger Boten, denn so nennt der neue Verleger das Blatt vom 30. August 1845 an. Der Name bezieht sich auf die Amtsboten, die das Blatt von Böblingen in die umliegenden Dörfer brachten – ein anderes Verteilsystem gab es noch nicht.

Titelseite des Böblinger Boten anno 1851 Foto: Stadtarchiv Böblingen

Maier gibt den Tagesnachrichten immer mehr Raum, sie nehmen um 1850 schon etwa die Hälfte des Blattes ein. Anno 1848 erscheinen bereits unter der Rubrik „Eingesandt“ die ersten Leserbriefe, die Geburtsstunde der freien Meinungsäußerung in Böblingen. Wie überhaupt die bürgerlich-demokratischen Kräfte dieser Zeit sich immer mehr im Böblinger Boten widerspiegeln. Das Blatt gilt als gemäßigt-fortschrittlich, steht dem Bismarck’schen Gedanken eines Deutschen Nationalstaats aber zunächst skeptisch gegenüber.

Konkurrent nutzt Gunst der Stunde

Da Maier 1871 überraschend im Alter von 56 Jahren verstirbt, nutzt der Darmsheimer Buch- und Steindrucker Jakob Schlecht die Gelegenheit, das Blatt zu übernehmen. Er hatte Maier bereits zuvor mit dem „Böblinger Bürgerfreund“ Konkurrenz gemacht, den er aber nach erfolgreicher Übernahme einstellte. Schlecht baut das Blatt immer weiter aus, um „auf der Basis einer sittlich-religiösen Anschauung, dem Fortschritt zu huldigen“, wie er sich seinen Lesern am 15. August 1871 vorstellt.

Über sechs Generationen wird die Familie den Zeitungsverlag durch Weltkriege und Wirtschaftswunder führen, bis er im Zuge einer immer weiter vertieften Kooperation Ende 2017 an die Stuttgarter Zeitung übergeht. Mit dieser besteht seit 2021 eine Gemeinschaftsredaktion in Böblingen.

Serie: Zeitreise

Anlass
 ist die erste Zeitung in Böblingen im Jahr 1825 – vor exakt 200 Jahren.

Geschichte(n)
 aus zwei Jahrhunderten wird in einer Serie lebendig, in der bedeutende historische Ereignisse im Böblinger Kontext beleuchtet werden.

Meilensteine
 der Weltgeschichte fanden auch in unserer Zeitung Niederschlag: Die Erfindung des Automobils etwa oder der Untergang der Titanic.

In mühevoller Arbeit
 ist unsere Redaktion in Archive hinabgestiegen, hat alte Quellen gesichtet und Archivare befragt, um die größten Geschichten aus 200 Jahren Zeitung in Erinnerung zu rufen.