Seite 2Erst Mann, dann Frau, jetzt wieder Mann Erst wählt er CDU, dann die Linke – und nun AfD

Von Elsbeth Föger 

Aber wenn doch: Was steckt dahinter? Es ist nicht immer das Gefühl, einen Fehler begangen zu haben. Auch Diskriminierung im Alltag kann eine große Rolle spielen, sagt Andrea Ottmer von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität. „Es erfordert definitiv viel Kraft und Selbstsicherheit, bei einem nicht allzu guten Passing in der Gesellschaft zu bestehen.“ Passing heißt: Man geht in der Öffentlichkeit als das Geschlecht durch, in dem man sich fühlt. „Verräterisch“ können für Transfrauen etwa eine tiefe Stimme sein, breite Schultern, ein muskulärer Körper. Auch wenn nicht alle auf ein perfektes Passing Wert legen: Es kann auch ein Schutz sein, um auf der Straße nicht belästigt zu werden.

Die zweite Verwandlung von Wolfgang Dankwarth lässt sich schwer deuten. War das Leben als Iris die ganze Zeit über ein Irrweg? Oder ist der Irrweg der Schritt zurück zu Wolfgang? Ist es eine Kapitulation vor einem Alltag voller Belästigungen? Das nicht, sagt Dankwarth. „Auf die Diskriminierung hatte ich mich von vornherein eingestellt.“ Aber trotzdem klingt da viel Frust durch, viel Genervtheit – dass er sich nicht mehr in die Bahn traut, weil vor Kurzem blöde Sprüche kamen und die, die helfen sollten, nur geglotzt haben. Bei der Rentenversicherung sprach Dankwarth ein Mitarbeiter partout als Mann an. Obwohl der Name Iris dick und fett in der Akte stand.

Einmal wollte sich Dankwarth für andere Menschen einsetzen, denen es ähnlich erging. Da war er Sprecher der Transsexuellen – in einer Partei, der man nicht zutrauen würde, dass sie einen solchen Posten überhaupt besetzt: der AfD. Dankwarth findet: Die Partei ist ein Hort für all jene bürgerlichen Transsexuellen, die mit den bunten Umzügen am Christopher Street Day nichts anfangen können. „Die bunten Trullas auf diesen Gay-Umzügen, die nenne ich immer Fummeltrinen. Die meisten sind mir zu hochnäsig.“ Gewalt erführen diese Menschen, weil sie „rotzfrech“ seien, sagt Dankwarth – schiebt dann aber noch ein „vielleicht“ hinterher. Diskriminierung habe er in der Partei nie erlebt.

Parteien haben ihn schon oft enttäuscht

Die AfD war stolz auf Dankwarth. Als er im November 2015 in den Kreisvorstand Ortenau gewählt wurde, schrieb die Bundesinteressengemeinschaft „Homosexuelle in der AfD“: „Damit steht die AfD für die Toleranz, die uns linksgrüne Parteien stets gerne vorgaukeln.“ Instrumentalisiert hat sich Dankwarth nie gefühlt. „Ich bin keine Vorzeigetranse.“

Sein Amt hat Dankwarth wieder aufgegeben, AfD wählen wird er im September trotzdem. Eine Partei, die behauptet: Man dürfe niemanden zwingen, Transmenschen zu akzeptieren (Björn Höcke), sie seien „gesellschaftlich kaum relevante Konstellationen“ (AfD Baden-Württemberg), und es drohe eine unfaire „Überprivilegierung“ (AfD Sachsen-Anhalt).

Parteien haben Wolfgang Dankwarth schon oft enttäuscht. Erst die CDU mit ihrer Sozialpolitik, dann die Linke. Er wurde Mitglied, trat wieder aus. Vor allem die Unzufriedenheit mit der Europolitik brachte ihn zur AfD. Doch Dankwarth steht auch hinter der Kritik an Zuwanderung, Medien und Regierung. Angela Merkel macht er persönlich verantwortlich für die Toten am Breitscheidplatz, die „Tagesschau“ nennt er „Tagespropaganda“, Flüchtlinge „sogenannte Flüchtlinge“. Er ärgert sich darüber, dass die ersten zwei Strophen des Deutschlandlieds nicht mehr gesungen werden. Und darüber, dass es im Schulunterricht um sexuelle Vielfalt geht.

Neben der Bibel steht der Koran

Dankwarth hat Angst vor der Zukunft – und vor einer „Islamisierung“. Von seinem kleinen Balkon mit dem Vogelhäuschen kann er ein muslimisches Gebetszentrum sehen. Achern hat 25 000 Einwohner und drei Moscheen, unscheinbare Gebäude ohne Minarette. In allen dreien hat Dankwarth schon gebetet. Auch in einem muslimisch geprägten Land lebte er eine Zeit lang: Kasachstan, der Heimat seiner dritten Ehefrau. Dort begann er sich für den Islam zu interessieren. Lernte etwas Arabisch, ließ sich einen Koran aus Kairo schicken. Warum? „Warum nicht? Es ist halt eine der Glaubensrichtungen“, entgegnet Dankwarth. Irgendwann hätten ihn aber die Regeln im Islam, etwa die Reinigungsvorschriften, zu sehr gestört.

Trotzdem: In Dankwarths Bücherregal steht noch immer ein rotgoldener Koran, gleich neben der Bibel. Religionen sind für ihn gleichwertig. „Aber der Islam gehört nicht zu Deutschland. Ein Volk, das seine Traditionen verliert, gibt es bald nicht mehr.“ Dankwarth fühlt sich fremd in der eigenen Nachbarschaft. Auf dem Klingelschild seines Mehrfamilienhauses stehen ausländische Namen, im Ramadan wird es in der Moschee nebenan abends schon mal laut. Von der Regierung fühlt sich Dankwarth mit den eigenen Problemen oft alleingelassen.

Wie es weitergehen soll, weiß Dankwarth nicht. Seine Frau hat ihn vor ein paar Monaten verlassen, das Geld ist knapp. Er ist verzweifelt auf der Suche nach einem Minijob. Doch zu den meisten Bewerbungsgesprächen wird er nicht einmal eingeladen. Die Zeit zwischen Aufstehen und Zubettgehen überbrückt er nur, mehr nicht. Dazwischen kommen die Träume: eine Zeit lang wegfahren, wenn denn das Geld da wäre. Nach Sibirien, Nordkasachstan, vielleicht in die Mongolei. Irgendwohin, wo das Land weit ist. Was er dort tun würde? „Wieder frische Luft schnappen“, sagt er. „Das würde mich zwanzig Jahre jünger machen.“ Allein wäre er jedenfalls nicht. Iris ist, trotz allem, ein Teil von ihm.

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