Als erstes westliches Land beginnt das Vereinigte Königreich mit der Impfung gegen das Coronavirus. Eine 90-Jährige macht den Anfang. Doch absehbare Engpässe dämpfen die Euphorie.
London - Maggie war die Erste, die die Schulter entblößte. Nach ihr kam William Shakespeare aus Warwickshire dran. Beifall begleitete beider Auftritt, als ob es sich um eine Theaterpremiere handelte. Und tatsächlich konnten sich beide eines weltweiten Publikums sicher sein. Vor allem die neunzigjährige Margaret Keenan, der am Dienstagmorgen um 6.31 Uhr in der Uniklinik der englischen Stadt Coventry die erste Dosis des neuen Anti-Corona-Impfstoffs von Biontech/Pfizer verabreicht wurde. Denn die alte Dame, die nächste Woche ihren 91. Geburtstag feiert, war die erste Person, die seit Abschluss der Tests diesen Schutzstoff erhielt.
„In der westlichen Welt“, strahlte man auf der Insel, sei sie überhaupt die Allererste gewesen, die gegen das Virus geimpft wurde. Keenan, ursprünglich aus der nordirischen Stadt Enniskillen, war sich „des Privilegs“ bewusst, das diese Impfung bedeutete. Auch Krankenschwester May Parsons, die die Spritze ansetzte, fühlte sich „geehrt“.
„Licht am Ende des Tunnels“ im Kampf gegen Covid-19
Dem britischen Gesundheitsminister Matt Hancock kamen fast die Tränen, als er den kurzen Einstich am Bildschirm verfolgte. „Echt gerührt“ sei er, sagte Hancock. Es sei „so ein hartes Jahr für so viele Menschen gewesen“. Aber nun sehe man endlich „das Licht am Ende des Tunnels“ im Kampf gegen Covid-19.
Premierminister Boris Johnson, der im April selbst wegen einer Corona-Infektion äußerst bange Tage auf einer Intensivstation verbracht hatte, gratulierte seinen Landsleuten und sich selbst zu der Rekordzeit, in der der Impfstoff in Großbritannien zur Verfügung stand. Dies, meinte er, werde „einen enormen Unterschied machen“.
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Mit etwas kleinen Augen und der üblichen Strubbelmähne war Johnson in aller Herrgottsfrühe in einer Londoner Klinik aufgetaucht, um die dort Geimpften zu beglückwünschen. Die Impfung sei „gut für Sie“, erklärte er ihnen, „und für unser ganzes Land“. Kein Wunder, dass man in Downing Street, dem Sitz des Premiers, an diesem Dienstag stolz vom „V-Day“ sprach, vom Tag der „Vaccination“, der ersten Impfungen. Um international etwas Glanz einzuheimsen, hatte sich das Vereinigte Königreich aus der entsprechenden EU-Prüfaktion ausgeklinkt und war solo vorangeprescht beim Impfen – was Johnsons Bildungsminister Gavin Williamson zu der Bemerkung veranlasste, sein Land sei halt in allem „besser“ als andere Länder der Welt.
„Das beste Geburtstagsgeschenk, das ich mir vorstellen kann“
Vorige Woche hatte die britische Aufsichtsbehörde grünes Licht für das Biontech/Pfizer-Präparat gegeben. Kurz darauf waren die ersten Tiefgefrierboxen aus Belgien in Großbritannien angerollt.
Margaret Keenan in Coventry zeigte sich jedenfalls beeindruckt. Maggie – wie Kinder, Enkel und Freunde sie nennen – hielt die Impfung so kurz vor ihrem Einundneunzigsten für „das beste Geburtstagsgeschenk, das ich mir vorstellen kann“. Als ehemalige Verkäuferin in einem Juweliergeschäft, in dem sie noch bis vor vier Jahren arbeitete, wusste sie zweifellos, welche Werte sie hier abwog. Endlich könne sie demnächst wieder „mehr Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden verbringen, nachdem ich dieses Jahr die meiste Zeit allein gewesen bin“. Ihr Rat an alle, denen der Impfstoff angeboten wird: „Nehmt ihn. Wenn ich das mit neunzig schaffe, schafft ihr es auch.“
Ähnlich äußerten sich an diesem Tag andere Geimpfte überall im Lande. Auch William Shakespeare, 81 Jahre alt, aus Warwickshire – der tatsächlich so heißt und wirklich aus der Heimat des weltbekannten Barden stammt und der in der nationalen Impfrunde nach Maggie der Zweite war.
Mit Massen-Impfungen verbinden sich in Großbritannien bei Teilen der Bevölkerung mulmige Gefühle
Für Regierungschef Johnson und seinen Gesundheitsminister war es natürlich wichtig, dass die ersten Impfungen gut und überzeugend über die Bühne gingen. Mit dem Auftauchen eines gänzlich neuen Präparats und generell mit Massen-Impfungen verbinden sich auch in Großbritannien bei Teilen der Bevölkerung mulmige Gefühle – bis hin zu purer Ablehnung.
Laut letzten Umfragen misstraut jeder Fünfte unter Johnsons Landsleuten entsprechenden Impfmaßnahmen. Die Regierung und das Nationale Gesundheitswesen (NHS) haben daher eine regelrechte Kampagne geplant. Prominente Briten sollen eingespannt werden, um so viele Menschen wie möglich vom Sinn der Impfung zu überzeugen.
Bekannte Sportler und Schauspieler sollen teilnehmen, und nach Möglichkeit auch die königliche Familie. Queen Elizabeth II. (94) hat ihr Volk bereits wissen lassen, dass sie mit vornewegmarschiert und prompt mitteilen werde, sobald sie ihre Pflicht an der Impf-Front getan habe.
Auch die Monarchin, die wegen ihres fortgeschrittenen Alters zur Risikogruppe zählt und sich daher weitestgehend die letzten Monate isoliert hatte, hat es wohl froh gestimmt, als Kate Bingham, die Impf-Zarin der Regierung, nun ihre „tiefste Überzeugung“ kundtat, „dass wir alle im Sommer wieder in Ferien gehen“.
800 000 Dosen Impfstoff, für 400 000 Personen
Bis dahin finden sich die Regierenden, die Gesundheitsämter und die Kommunen in Elizabeths Reich aber vor einer gewaltigen Herausforderung. Immerhin, meint Minister Hancock, stelle die nun gestartete Impf-Aktion „eines der größten Programme in der Geschichte unseres Gesundheitswesens“ dar. Separate Anlaufstellen in über fünfzig Krankenhäusern und speziell eingerichtete Impfzentren sollen bei der Umsetzung dieses Programms ebenso helfen wie Hausärzte, Apotheker und Gemeinden. Mancherorts werden mit Hilfe des Militärs ganze Fußballstadien umgerüstet, wie im Südwesten Englands beim Bristol FC.
Einen Start habe man ja nun mal gemacht, auch wenn noch „ein langer Marsch“ bevorstehe, charakterisierten am Dienstag die Chefs des NHS die Lage. Es werde wahrscheinlich „mehrere Wochen“ dauern, bis „die erste Gruppe“ der zum Impfen Vorgesehenen – Krankenhauspersonal, Altenpfleger, die über 80-Jährigen – geimpft sei, räumt der Gesundheitsminister ein. Der Plan sieht vor, dass danach sukzessive die nächsten Altersgruppen und besonders gefährdete Personen an der Reihe sind.
800 000 Dosen Impfstoff, für 400 000 Personen, stehen derzeit in Großbritannien zur Verteilung bereit. Zehn Millionen weitere hatte man vor Jahresende erwartet. Aber wegen der Produktions- und Lieferschwierigkeiten wird es jetzt wohl nicht mal die Hälfte sein. Auch die Belieferung von Alters- und Pflegeheimen, die ganz oben auf der Liste stand, muss wegen der Probleme mit dem tiefen Gefrierpunkt des Wirkstoffs noch etwas warten. Geduld ist angesagt.