Eröffnung in Stuttgart Ist Primark echt so böse?

Von Sven Hahn 

Mindestens ebenso bedenklich wie die Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion ist der Einfluss, den Primark auf das Leben in der Stadt gewonnen hat, kommentiert StN-Titelautor Sven Hahn.

Stuttgart - Primark ist das hässliche Gesicht der Modebranche: Der Name des Unternehmens wird für all das als Synonym gebraucht, was an der gesamten Textwirtschaft kritikwürdig ist. Dabei ist Primark lediglich der Sündenbock für die Geschäftspraktiken einer ganzen Industrie. Mindestens ebenso bedenklich wie Arbeitsbedingungen und Lohnniveau in den Produktionsstätten in Asien ist der Einfluss, den Primark inzwischen auf das Leben und die Entwicklung der Innenstadt gewonnen hat.

Die Gegner von Billigmode und Wegwerfmentalität konzentrieren sich bei ihrer Auseinandersetzung mit Primark in erster Linie auf das Leid der Arbeiter bei der Produktion der Ware in Fernost und auf die Verschwendung von Ressourcen angesichts der schieren Masse an Billig-T-Shirts, mit denen der Markt in Europa überschwemmt wird. Speziell seit dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch im Jahr 2013, bei dem mehr als 1100 Menschen zu Tode kamen, steht Primark am Pranger – Hungerlöhne, Ausbeutung und moderne Sklaverei sind die Schlagworte des Protests.

Sehen Sie die Eröffnung von Primark und den Protest dagegen auch im Video von StuggiTV:

Dabei wird eines jedoch gerne vergessen. Nur weil Primark in seinen Filialen in Europa mit extrem aggressiven Preisen auffällt, bedeutet das nicht, dass die Firma auch bei den Produktionsbedingungen oder den Löhnen in Asien heraussticht. Denn in den Trümmern der eingestürzten Fabrik in Bangladesch wurden neben Primark-Pullovern auch zahlreiche Artikel anderer, zumeist weitaus teurerer Modemarken gefunden. Nach eigenen Angaben teilt sich Primark sage und schreibe 97 Prozent seiner Hersteller mit anderen Marken.

Der Publikumsmagnet Primark und die Königstraße

Wer also Kritik an der Firmenpolitik von Primark übt, dabei aber Turnschuhe, Jacke, T-Shirt oder Mütze trägt, die – vielleicht unter gefälligerem Namen – ebenfalls in Fernost produziert wurden, macht sich unglaubwürdig. Zudem zeigt die Erfahrung derjenigen, die versucht haben von Verkauf und Produktion nachhaltiger und ökologischer Mode zu leben, dass nur ein Bruchteil der Bevölkerung willens ist, die entsprechend hohen Preise für regional und fair produzierte Kleidung am Ende des Tages zu bezahlen.

Was aber aus lokaler Sicht mindestens genauso bedenklich ist, wie das grundlegende Geschäftsgebaren der Modeindustrie, ist der Einfluss, den ein Unternehmen wie Primark inzwischen auf die Entwicklung der Innenstadt gewonnen hat. Die irische Modekette ist seit der Eröffnung des Einkaufszentrums Milaneo nördlich des Hauptbahnhofs wohl der entscheidende Faktor für den Erfolg und somit für das Bestehen dieses Hauses. Die Filiale in der größten Shoppingmall im Südwesten zählt nach Einschätzung von Branchenkennern zu den erfolgreichsten in Deutschland. Sollte Primark eines Tages entscheiden, diesen Standort aufzugeben, könnte sich im Milaneo womöglich sehr bald die Sinnfrage stellen.

Und auch mit Blick auf die doppelt so große, neue Filiale in der City ist klar: Der Erfolg von Primark wird über Wohl und Weh der Nachbarschaft und somit über Wohl und Weh der gesamten oberen Königstraße entscheiden. Im Schnitt strömen mehr als 50 000 Menschen pro Woche in eine der bundesweit inzwischen knapp 30 Primark-Filialen. In Stuttgart rechnet das Unternehmen noch mit deutlich höheren Zahlen. Hört man sich dieser Tage in der zuletzt heftig gebeutelten Stuttgarter Innenstadt um, gewinnt man den Eindruck, dass sich der Handel geradezu nach dem Publikumsmagneten Primark sehnt. Denn die Frequenz auf der Königstraße hat in den vergangenen Jahren spürbar und zählbar nachgelassen.

sven.hahn@stuttgarter-nachrichten.de

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