Eine Erntekrone hängt als Schmuckelement zum Erntedankfest vor dem Altar einer evangelischen Kirche in Schleswig in Schleswig-Holstein. Foto: dpa

Erntedank ist ein Fest, dessen Aussage einfach und klar ist: Wir sind reich beschenkt worden. Ein offizieller Feiertag ist es jedoch nicht. Dennoch lohnt es sich zu feiern: Kaum ein anderes christliches Fest ist so sinnlich.

Kaum ein anderes christliches Fest, Weihnachten vielleicht ausgenommen, präsentiert sich so bunt und sinnlich wie das Erntedankfest. Wer die Kirche betritt, findet ungewöhnliche Arrangements vor. Einen Altar, geschmückt mit bunten Früchten. Oder Bilder auf dem Boden, gelegt aus Nüssen, Äpfeln­, Mais, Sonnenblumenkernen und Kürbissen. Solche Mosaiken sind eine besonders schöne Form, dieses Fest zu feiern. Die leuchtenden Farben spiegeln die Vielfalt der Ernte wider. Und wecken bei vielen das Gefühl: Wir sind reich beschenkt. Ein Fest, dessen Aussage einfach und klar ist.

Erntedank ist dabei eigentlich gar kein offizieller­ Feiertag. Die beiden großen Konfessionen geben aber Empfehlungen, wann gefeiert werden soll. Meist geschieht dies am ersten Sonntag im Oktober. Und so ist Erntedank, wie sich an diesem Wochenende wieder zeigen wird, einer der wenigen Anlässe, zu denen nicht nur der harte Kern der Kirchgänger das Gotteshaus aufsucht.

Erntedankfeste sind allerdings keine christliche Erfindung­. Die Juden haben Sukkot, das Laubhüttenfest, auch Fest der Einsammlung genannt. Im 2. Buch Mose 23, Vers 14 und 16, ist die Rede nicht nur von einem Fest: „Ihr sollt mir Feste halten . . . das Fest der Ernte, der Erstlinge deiner Früchte, die du auf dem Felde gesät hast. Und das Fest der Einsammlung im Ausgang des Jahres, wenn du deine Arbeit eingesammelt hast vom Felde.“ Sukkot wird auch heute noch begangen, allerdings hat es sich etwas verändert, hin zu einer Art Wallfahrtfest. Das Datum fällt in den September oder Oktober.

Erntebittgebet zu Beginn des Hochsommers

Erntedank, Prozessionen und Zeremonien waren auch bei den Römern und Germanen wichtige Ereignisse im Jahreslauf – wie in ­allen alten Kulturen. Das Christentum fand Traditionen vor, die christlich neu interpretiert wurden. Erntedank ist nicht der einzige Tag, an dem das Wachsen, Gedeihen und Ernten in der Kirche eine Rolle spielt. Es gibt auch das Erntebittgebet, in der Regel zu Beginn des Hochsommers. Allerdings­ nimmt die Gesellschaft, in der viele der Kirche nicht mal ein müdes Lächeln schenken, im Eventrausch des Sommers davon kaum Notiz. Dabei geht es buchstäblich um die Grundlage jeglicher menschlichen Existenz.

Erntedank erinnert daran, wie reich die Menschen hierzulande doch sind. Verbunden mit dem Hinweis, dass die Menschheit auch im Internet- und Smartphonezeitalter nur überleben kann, wenn sie genug zu essen hat. Auch Tausende neue Apps schaffen aus sich heraus kein einziges Weizenkorn mehr. Dieses Bewusstsein zu fördern, das scheinbar Selbstverständliche eben nicht als selbstverständlich hinzunehmen, ist ein wichtiges Anliegen von Christen. Seit einigen Jahren ist deshalb Erntedank eng verknüpft mit dem Hinweis, wie wichtig es ist, die Schöpfung, konkret: den Lebensraum Erde, bedroht durch Klimawandel und gnadenlose Ressourcennutzung, zu schützen und zu bewahren.

Es geht an diesem Tag nicht nur um das tägliche Brot. Dankbarkeit gegenüber Gott – das ist eine Grundhaltung, die das ganze Leben­, den Alltag mit all seinen Facetten einbezieht. Für Menschen, die an einen persönlichen Gott nicht glauben, könnte man das als Dank an das Leben bezeichnen. Dafür­ muss man allerdings auch staunen können oder es wieder lernen. Staunen, welche vielen Möglichkeiten die Natur und das Leben­ bereithalten. Auch Wissenschaft und Wirtschaft können ja nur mit dem Material arbeiten, das sie vorfinden, sie können nichts aus dem Nichts erzeugen.

Dankbarkeit mit Konsequenzen

Das damit verbundene Eingeständnis menschlicher Unvollkommenheit ist nicht populär. Für die christliche Existenz aber ist Dankbarkeit so etwas wie ein Katalysator für eine Haltung, die das ganze Leben durchdringt. „Dankbarkeit ist die Hefe des Glaubens“, hat einmal ein württembergischer Pfarrer gesagt. „Dankbarkeit ist die Hefe der Frömmigkeit“ – so sieht es der Theologe Fulbert Steffensky. Dankbarkeit nimmt vorweg, was die moderne Philosophie des positiven Denkens predigt: ein grundsätzliches Ja zum Leben. Diese Bejahung schließt im Christentum auch weniger positive Erfahrungen mit ein. Christen sollen versuchen, auch ihnen etwas abzugewinnen. Wie es in einem bis heute gesungenen Kirchenlied aus den 60er Jahren heißt: „Danke für manche Traurigkeiten“.

Christliche Dankbarkeit hat Konsequenzen. Sie beschränkt sich nicht auf Geber und Empfänger. In einem alten Kirchenlied heißt es: „Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen“. Danken nur als Lippenbekenntnis ist nicht gefragt. Erzwungener Dank verhärtet den, von dem er erwartet oder eingefordert wird. Positiv ist dagegen ein Danken, das aus dem Herzen, aus innerer Überzeugung kommt. Und das nicht nur die eigene Person betrifft. Mit Händen danken – das ist der Appell, das, was geschenkt wurde, mit anderen zu teilen. Vor allem mit Menschen, die benachteiligt sind.

So verstanden, entfaltet Dankbarkeit eine gesellschaftliche, wenn nicht gar politische Wirkung. Wer dankbar ist, der fragt sich, was er wirklich braucht. Ob er auch alles ­benötigt, was ihm angeboten wird.

Blick fürs Wesentliche schärfen

Dankbarkeit ist subversiv. Denn sie schwächt eine Grundgröße des auf ständiges Wachstum ausgerichteten Wirtschaftsystems – den Kunden, der bereit ist, immer neue Dinge zu kaufen. Der Dankbare ist eher gefeit gegen die Versuchungen der Maßlosigkeit und der Gier. Stattdessen wird der Blick für das Wesentliche­ geschärft. Warum immer noch mehr haben wollen, wenn man erkennt, dass man bereits reich beschenkt ist?

Ist also die „Hefe des Glaubens“ fortschrittsfeindlich, steht sie gegen die Dynamik der Neuerungen, der Weiterentwicklung, der unaufhörlichen Selbstoptimierung? Nein, das hieße die christliche Dankbarkeit missverstehen, die ja nie den Geber, den Schenkenden, also Gott, aus den Augen verliert. Sie stärkt aber die Erinnerung. Wo kommen wir her? Was ist für uns wertvoll geworden­, was wollen wir bewahren, was ändern? In diesem Sinne weist Erntedank wie alle christlichen Feste in die Zukunft: Es liefert Maßstäbe, wie eine menschenfreund­liche Zukunft gestaltet werden kann.

Bunt leuchten an diesem Tag die Farben der Früchte in den Kirchen. Sie erinnern daran, was die Menschen an Gutem haben und was sie wirklich brauchen. Und danach dienen die Erntegaben einem guten Zweck. Den Schmuck der Altäre bekommen diakonische Einrichtungen, Tafelläden oder Flüchtlinge im Ort. Damit auch in diesem Jahr nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit Herz und Händen gedankt wird.