Kostenloses Zugreifen ist bei den Obstkisten auf der Killesberghöhe erlaubt. Foto: Elke Rutschmann

Bitte zugreifen solange der Vorrat reicht: Die Aktion kostenloses Streuobst auf der Killesberghöhe profitiert von einer guten Ernte.

S-nord - Etwas zögerlich geht die Frau auf die grünen Kisten im Innenhof der Killesberghöhe zu, liest die Informationstafel, nimmt einen Apfel und beißt gleich rein. Andere sind nicht so schüchtern, sondern packen gleich eine ganz Tüte voll mit den süßen Früchten ein. Kein Problem, denn es ist genügend Obst da. Ganz anders als 2107, als wegen der späten Fröste im April viele Blüten erfroren sind, und es ein sehr schlechtes Obstjahr in Deutschland war. Statt mehr als eine Million Tonnen 2016 konnten die Landwirte in Deutschland 2017 nur etwa 600 000 Tonnen Äpfel ernten. Für die Bewohner und Besucher im Quartier am Killesberg blieb gerade mal eine Kiste Birnen. Rund 40 Bäume stehen auf der Streuobstwiese in der Wohnanlage. Die meisten sind abgeerntet. Der Ertrag wird an die Besucher im Stadtquartier verschenkt.

Diesmal ist die Auswahl deutlich größer als 2017. Äpfel, Birnen, Zwetschgen und Mirabellen wurden auf der Streuobstwiese mitten in der Wohnanlage geerntet. Bei der den Bäumen hat man bewusst auf alte Obstsorten gesetzt, die so schöne Namen haben wir Stuttgarter Geishirtle, Gute Graue, Gute Luise, Gellerts Butterbirne, Bühler Frühe oder Mirabelle von Nancy. Im 19. Jahrhundert gab es in Deutschland noch rund 7000 verschiedene Apfelsorten. Heute liegt die Zahl bei 1500 – von denen nur 60 wirtschaftliche Bedeutung haben und 30 bis 40 noch gekauft werden können. Supermarktkunden können meist nur zwischen vier bis acht Sorten wählen, und die gibt es das ganze Jahr.

In Deutschland werden rund 600 000 Tonnen Äpfel importiert und verdrängen die alten Sorten. Dabei haben diese mehr Aroma und mehr Säure, schmecken je nach Sorte süß oder säuerlich. Sie verströmen auch jetzt noch ihren Duft. Die geschmackliche Vielfalt können alle Besucher mit Neugier auf die traditionellen Obstsorten vor der Tür von Quartiermanagerin Birgit Greuter testen. Während der Geschäftszeiten von Montag bis Donnerstag stehen die Kisten gut gefüllt vor Greuters Büro.

In der Kita wird Apfelmus gemacht

Streuobstwiesen gelten mittlerweile als ein kostbares Kulturgut und sind ein wertvoller Lebensraum für eine vielfältige Artengemeinschaft von Tieren. Doch diese traditionellen Kulturlandschaften sind gefährdet, sie verwildern, werden in Ackerland oder Bauflächen umgewandelt. Mitten in der Stadt sind sie erst recht etwas Besonderes. Und sie benötigen Pflege.

Der heiße und trockene Sommer war eine spezielle Herausforderung. „Normalerweise können wir zum Bewässern das Wasser aus der Zisterne in der grünen Fuge nutzen, aber diesmal war nicht genügend da“, sagt Birgit Greuter. Deshalb wurden Plastiksäcke um die Bäume drapiert und immer wieder gegossen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Einen Teil der Äpfel wurde auch an die ökumenische Kindertagesstätte verteilt, wo sie zu Apfelmus verarbeitet wurden. Die kostenlose Vergabe der Baumfrüchte ist seit Jahren ein guter Brauch im Stuttgarter Norden. „Wir wurden in den vergangenen Tagen immer wieder gefragt, wann und ob es wieder Äpfel gibt“, sagt Birgit Greuter, die auch in den sozialen Netzwerken für die Aktion geworben hat.

Doch die Bäume bescheren den Anwohnern nicht nur gesunde Vitamine. Sie sind auch ein Symbol für das Spiel der Jahreszeiten. Im Frühling erfreut man sich an den diversen Blüten, und im Sommer bieten die Bäume Ruhe und Schatten, wenn man sich in das Gartencafé der Bäckereien setzt. Streuobstwiesen sind auch ein kleines Paradies für Insekten und Vögel. Eben ein überzeugendes Gesamtpaket.

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