Die Politik nimmt erneut Anlauf zu einer umfassenden Reform derPflegeversicherung. Foto: dpa

Die Politik nimmt erneut Anlaufzu einer umfassenden Reform derPflegeversicherung. Pflegekräfte sind skeptisch, ob auch sie davon profitieren werden.

Die Politik nimmt erneut Anlauf zu einer umfassenden Reform der Pflegeversicherung. Pflegekräfte sind skeptisch, ob auch sie davon profitieren werden.
Stuttgart - Herr Olbricht, „Pflege am Boden“ – so ist eine Kampagne von Pflegekräften überschrieben, die seit dem vergangenen Herbst für Aufsehen sorgt. Warum sind Pflegerinnen und Pfleger so frustriert?
Wegen der Rahmenbedingungen. Die machen die Pflege im Moment sehr schwer für jeden einzelnen Mitarbeiter, einerlei ob im Krankenhaus, im Pflegeheim oder in der ambulanten Pflege.
Woran liegt’s?
In den Kliniken prägt ein sehr hoher Durchlauf an Patienten die Situation. Das hängt mit der Abrechnung nach Fallpauschalen zusammen. Je mehr Fälle, desto mehr Geld verdient das Krankenhaus. Hinzu kommt, dass die Patienten immer kränker sind. Sie erfordern einen entsprechend höheren Aufwand, während gleichzeitig beim Pflegepersonal gespart wird. Außerdem wird die Anspruchshaltung der Angehörigen immer größer. Sie kennen doch den Werbespruch „Nichts ist unmöglich“ – der ist im Kopf von vielen Angehörigen einfach drin. Das gilt übrigens auch für die Pflegeheime.
Wie reagieren die Pflegekräfte?
Ganz unterschiedlich. Viele Frauen suchen sich eine Teilzeitbeschäftigung. Das setzt dann die Einrichtungen zusätzlich unter Druck, weil es schwieriger wird, gute Dienstpläne zu erstellen, die allen gerecht werden. Generell zeigt sich die hohe Belastung der Mitarbeiter auch in einem hohen Krankenstand. Teilzeitkräfte werden oftangerufen, um Lücken bei Krankheitsausfällen zu schließen, und die Mehrarbeitsstunden steigen dann an.
Wie stellt sich die Situation speziell in den Pflegeheimen dar?
Da geht es auch ganz stark ums Geld. Die Finanzierung läuft über die Pflegekassen und über den Eigenanteil der Bewohner oder den Anteil des Sozialamts. Die monatlichen Entgelte richten sich je nach der Pflegestufe der Bewohner, und daraus ergibt sich dann die Mitarbeiteranzahl. Hinzu kommt: Heute bleibt jeder daheim, solange es irgendwie geht. Wenn die Leute dann ins Heim gehen, sind sie pflege- und betreungsaufwendiger als vor zehn oder 20 Jahren.
Wie ist es in der häuslichen Pflege?
Auch dort spielt das Geld eine große Rolle. Es soll immer möglichst preiswert sein. Und für das wenige Geld sollen die Pflegekräfte möglichst viel leisten. Da muss man den Betroffenen sagen, dass gute Pflege eben kostet. Wenn man die haben will, muss man zahlen. Oder die Angehörigen müssen selbst pflegen, mit allen Unzulänglichkeiten in der Versorgung, die daraus oft folgen. Da müssen dann die alten Menschen häufig leider immer wieder ins Krankenhaus, um medizinisch und pflegerisch betreut zu werden.
Immer wieder sind Klagen über den wachsenden bürokratischen Aufwand zu hören. Was ist da dran?
Eine ganze Menge. Nehmen Sie das Thema Behandlungspflege. Wenn es darum geht, Insulin zu spritzen, den Blutzucker zu messen, Verbände zu wechseln und Medikamente zu geben, müssen die Krankenkassen das genehmigen. Die schauen immer stärker ganz genau hin, und wenn es nicht in ihren Rahmen passt, wird einfach abgelehnt. Dann müssen die Pflegedienste sehr viel Aufwand betreiben, um zu ihrem Geld zu kommen. Da geht enorm viel Zeit verloren. Zusätzlich übrigens auch wegen der Dokumentationspflichten. In der ambulanten wie in der stationären Pflege fällt einfach immer mehr Papierkram an. Für das eigentliche Pflegegeschäft bleibt immer weniger Zeit übrig. Darunter leiden Patienten und Bewohner, aber natürlich auch die Mitarbeiter. Sie verspüren einen enormen Druck und können oft einfach nicht mehr. Deshalb auch die Kampagne „Pflege am Boden“ . Die Pflege ist eben tatsächlich am Boden. Es ist ein Hilferuf an die Gesellschaft und natürlich auch an die Politik.
Was muss sich ändern?
Wir brauchen mehr Mitarbeiter und mehr Fachkräfte in der Pflege. Und natürlich eine anständige Bezahlung. Junge unverheiratete Vollzeitfachkräfte bringen heute circa 2200 Euro brutto nach Hause, da sind die Zuschläge schon drin. Viele verheiratete Kollegen können davon nicht leben undmachen nebenher noch einen 400-Euro-Job. Aber das ist nicht alles, die Arbeitsbedingungen insgesamt müssen besser werden, damit die Leute länger in diesem anstrengenden Beruf tätig sein können, möglichst bis zur Rente. Fortbildung ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Thema, da wurde in den vergangenen Jahren kräftig gespart. Sind die Arbeitsbedingungen besser, müssten wir uns auch um den Nachwuchs keine Sorgen machen. Die jungen Leute sehen doch die Zustände in der Pflege und überlegen sich sehr gut, ob sie sich das antun wollen.
Andererseits gibt es in der Pflege krisenfeste Jobs, und das sicherlich für die nächsten Jahrzehnte.
Das stimmt, schon heute finden Pflegekräfte immer und überall eine Arbeitsstelle. Es werden ja Kräfte gesucht.
Heimbetreiber rekrutieren ihr Personal zunehmend auch aus dem Ausland. Wie sehen Sie das?
Wenn wir anständige Arbeitsbedingungen hätten, wäre das gar kein Thema. Die Träger rühmen sich inzwischen, dass sie Personal aus Vietnam oder China holen. Aber auch diese Kollegen kommen an den hiesigen Zuständen nicht vorbei. Man wird sehen, ob sie auf Dauer zu halten sind.
Welche Hoffnungen setzen Sie auf die geplante Pflegereform?
Der Ansatz, darauf zu schauen, was der alte und pflegebedürftige Mensch braucht, um seine Selbstständigkeit so weit wie möglich zu erhalten, ist sicher richtig. Die Große Koalition will den Pflegebeitrag ja schrittweise um 0,5 Punkte erhöhen, um den neuen Begriff von Pflegebedürftigkeit zu finanzieren. Ich frage mich aber, was davon unten in der Pflege ankommt, bei denen, die die ganze Arbeit machen müssen. Ganz ehrlich: Bei mir überwiegt die Skepsis.
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