Windreich-Projekt Global Tech 1 in der Nordsee Foto: GT1

Seit über einem Jahr läuft das Insolvenzverfahren der Windreich GmbH des schwäbischen Unternehmers Willi Balz. Jetzt ist er auch privat zahlungsunfähig. Trotzdem hofft Balz, alle Gläubiger bald bedienen zu können und das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen.

Stuttgart - Für die tausenden Kleinanleger, die in die Anleihen der Windreich GmbH investiert haben, ist es eine nicht enden wollende Zitterpartie. Gerade noch ein Zehntel des einstigen Kaufwerts haben die Papiere des Windkraftpioniers. Statt der versprochenen Rendite von jährlich sechs Prozent endete das Engagement im finanziellen Desaster. „Mein Schwiegervater hat mir die Anleihe vererbt, statt 10 000 Euro ist sie jetzt nicht einmal mehr 1000 wert“, beklagt sich ein Stuttgarter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Mehrfach waren von Windreich Unternehmensanleihen mit einem Volumen von jeweils 50 oder 75 Millionen Euro ausgegeben worden.

Obwohl sich das Insolvenzverfahren bei der Windreich GmbH nun schon über ein Jahr hinzieht, ist noch nicht alles verloren. Eine wesentliche Hoffnung verbindet sich mit dem Namen Global Tech 1 und dem Insolvenzverfahren, das vergangene Woche vor dem Amtsgericht Esslingen über das Privatvermögen von Willi Balz eröffnet wurde. Hinter Global Tech 1 verbirgt sich ein riesiger Windkraftpark in der Nordsee, rund 180 Kilometer von Bremerhaven entfernt. Im gesamten Projekt stecken laut Balz 800 Millionen Euro Firmenkapital sowie 1,05 Milliarden Euro Fremdkapital. 80 Windräder sollen von Anfang 2015 an 445 000 Haushalte mit Strom versorgen. Derzeit läuft der Testbetrieb erfolgreich. Die größten Gesellschafter bei Global Tech 1 sind die Münchner Stadtwerke sowie die südhessische Energie AG und die schweizerische EGL/Axpo mit jeweils 24 Prozent .

Es ist das einzige bisher verwirklichte große Offshore-Projekt der Windreich GmbH. 14 Prozent hält nach wie vor Willi Balz in seinem persönlichen Besitz. Könnte Balz diesen Anteil verkaufen, würde dies seinen eigenen Angaben zufolge knapp 200 Millionen Euro in die Kasse spülen und die derzeitige finanzielle Schieflage entschärfen. „Die Zinsen sind niedrig, das Umfeld günstig, das Interesse groß“, versichert Balz unserer Zeitung. Gerade werde mit Investoren aus Kanada, USA und Großbritannien verhandelt. Allerdings hatte Balz in der Vergangenheit schon mehrfach behauptet, kurz vor dem Abschluss zu stehen. „Das war im Prinzip nie falsch, aber es ist eben nicht so einfach wie beim Verkauf eines Autos“, sagt er dazu.

Bedient werden müsste mit diesem Geld der größte Gläubiger, die schweizerische Bank J. Safra Sarasin. Sie hatte der Windreich GmbH einen Kredit in Höhe von 74 Millionen Euro gewährt, für den Balz persönlich eine Bürgschaft übernommen hatte. Weil er das Darlehen nicht mehr zurückzahlen konnte und das Insolvenzverfahren gegen die Windreich GmbH nicht voran kam, hatte die Bank beim Esslinger Amtsgericht die Eröffnung des Insolvenzverfahrens über das Privatvermögen von Willi Balz angestrengt und auch erreicht. Sollte der Verkauf von Global Tech 1 gelingen, wäre der Weg frei für den Insolvenzplan, an dem Balz derzeit arbeitet. Ziel sei die 100-prozentige Befriedigung der Gläubiger, so Balz.

Die zweite Hoffnung liegt auf MEG 1 – dem größten von weiteren 24 Projekten der Windreich GmbH. Mit 80 Windkrafträdern und 400 Megawatt Leistung spielt der Windpark in der gleichen Liga wie Global Tech 1. Zwar liegen Genehmigung und Netzanbindung vor, doch noch fehlt das sogenannte „Financial Close“, also die abschließende Finanzierung des auf 1,8 Milliarden Euro taxierten Projekts. Es werde noch Eigenkapital gesucht, sagt Ingo Schorlemmer, Sprecher der Anwaltskanzlei Schultze & Braun, von der Insolvenzverwalter Holger Blümle kommt. Gemeint sind Investoren für die Windreich GmbH. Sobald die Finanzierung gesichert ist, könnte der Bau beginnen. Auch dies würde das Unternehmen wieder in ruhigeres Fahrwasser bringen. „Es ist das zentrale Projekt, deshalb läuft der Geschäftsbetrieb von Windreich ja auch weiter“, sagt Schorlemmer. Er hält eine Wendung zum Positiven für durchaus möglich.

Sollten beiden Projekte gelingen, könnten auch die Käufer der Windreich-Anleihen wieder hoffen. Das Unternehmen würde dann vermutlich eine beträchtliche Wertsteigerung erfahren und so den Schaden für die vielen Kleinanleger zumindest in Grenzen halten.

Der 54-jährige Balz, der sich gerne als „Energiewender“ bezeichnet, sieht sich nach wie vor als Opfer. „Ich habe mich mit Haut und Haar eingesetzt und würde auch heute nichts anders machen“, sagt der Unternehmer. Allerdings sei das geschäftliche Umfeld für die Windreich GmbH nicht zuletzt durch staatsanwaltliche Untersuchungen massiv beschädigt worden.

Aktuell kümmere er sich intensiver denn je um den Verkauf der Projekte, versichert Balz. Als Gesellschafter konnte er sich selbst wieder zum Geschäftsführer ernennen, darf allerdings nicht ins operative Geschäft eingreifen. Balz hält es nicht für ausgeschlossen, dass er eines Tages bei Windreich wieder die Zügel fest in Händen hält. Einen verzagten Eindruck macht er am Telefon jedenfalls nicht. „Ich bin zwar privat insolvent, aber jetzt erst recht motiviert“, sagt er. Für manchen Anleger, die mit Windreich viel Geld verloren haben, mag das wie eine Drohung klingen.

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