Das Windrad bei Ingersheim im Kreis Ludwigsburg ist mit 180 Metern bis zur Rotorspitze etwa dreimal so hoch wie die Hochspannungs-Strommasten im Vordergrund Foto: PPFotodesign.com

Zehn Standorte für Windräder in den Kreisen Böblingen, Esslingen und Göppingen sind schon dem Rotstift zum Opfer gefallen. Jetzt stehen weitere neun in Ludwigsburg und Rems-Murr infrage.

Stuttgart - Mit 96 geplanten Standorten für Windräder ist der Verband Region Stuttgart im vergangenen Sommer gestartet. Als die Landratsämter in Böblingen, Esslingen und Göppingen Ende des Jahres ihre Stellungnahmen vorlegten, schrumpfte das regionale Windkraftkonzept auf 86 Bereiche. Inzwischen liegt auch die Position der Kreise Ludwigsburg und Rems-Murr vor: Hier stehen weitere neun Plätze auf dem Prüfstand – wegen Konflikten mit Landschaftsschutz.

In den strengeren Naturschutzgebieten darf gar nichts gebaut werden, und in den Landschaftsschutzgebieten eigentlich auch nicht. Weil aber viele Punkte im Land, an denen der Wind kräftig weht, in Landschaftsschutzgebieten sind und die Energiewende trotzdem vorankommen soll, hat die Landesregierung im sogenannten Winderlass die Möglichkeit für den Bau prinzipiell eingeräumt. Die Landratsämter können im Einzelfall Ausnahmen machen, die Vorhaben von den Schutzvorgaben befreien oder den Zuschnitt der Schutzgebiete ändern.

Fast die Hälfte der Standorte in Landschaftsschutzgebieten

In der Region Stuttgart liegt fast die Hälfte der anfangs 96 Bereiche, in denen Vorfahrt für Windkraft gelten soll, in Landschaftsschutzgebieten. Deshalb fragte der Regionalverband in den Landratsämtern an, für welche Bereiche die entsprechenden Verordnungen geändert werden könnten. Die Kreise im Süden des Ballungsraums äußerten sich klar: Das Landratsamt Böblingen hält in drei Gebieten Windräder für möglich, in vier anderen nicht. Esslingen stellte in zwei von sechs Gebieten Ausnahmen in Aussicht, der Kreis Göppingen in sechs von acht.

Die Kreise Ludwigsburg und Rems-Murr äußerten sich laut Regionalplaner Thomas Kiwitt deutlich unentschiedener – oder offener: „Sie haben in keinem Fall gleich nein gesagt“, fasst Kiwitt die Stellungnahmen zusammen. Vielmehr müsste jedes einzelne der vier Konfliktgebiete im Kreis Ludwigsburg und der 15 Standorte mit Zündstoff im Rems-Murr-Kreis ebenso noch eingehender unter die Lupe genommen werden wie die beiden Standorte in Stuttgart.

Schon jetzt ist aber klar: Die Bereiche auf dem Stromberg nördlich und westlich von Sachsenheim-Hohenhaslach im Kreis Ludwigsburg weisen ebenso „sehr hohe Konflikte“ (Kiwitt) mit Windkraft auf wie sieben Gebiete im Rems-Murr-Kreis. Unter diesen ist auch die Buocher Höhe zwischen Korb und Remshalden, von wo den Verband während der öffentlichen Anhörung etwa 2000 von rund 3000 Zuschriften der Bürger erreichten – vorwiegend ablehnend. Fallen die neun auch aus dem regionalen Windkraftkonzept, wären’s nur noch 77.

Rücksicht auf den Roten Milan

Aber das ist noch lange nicht klar. Vergangenes Jahr wollte Thomas Kiwitt der Regionalversammlung sein überarbeitetes Konzept in diesem April vorlegen. Jetzt sagt er: „Wir wollen vor der Sommerpause einen Knopf dran machen, und wo wir keine Regelung finden, könnten wir Standorte auch mit Vorbehalt aufnehmen.“ Besonders verbindlich klingt das nicht. Aber für ein Windrad an einem konkreten Standort ist ohnehin ein Genehmigungsverfahren erforderlich, in dem auch Aspekte wie Lärm oder Schatten untersucht werden. „Die Unwägbarkeiten in diesem Verfahren werden allerdings größer“ räumt Kiwitt ein. Sprich: die Gefahr für einen Investoren, dass er für sein Vorhaben keine Genehmigung bekommt, obwohl der Standort im Regionalplan für Windkraft vorgesehen ist, steigt.

Bis Mai erwartet Kiwitt Informationen darüber, wo der gefährdete und windempfindliche Rote Milan brütet. Dann soll auch so langsam klar werden, welche Anforderungen die Flugsicherung hat und ob das Wetterradar auf der Schwäbischen Alb bei Geislingen wirklich 15 Kilometer Abstand braucht – zumal in diesem Bereich schon heute Windräder stehen.

„Die Regierung muss endlich durchgreifen“

Der Regionalplaner moniert, dass das Thema in den zwölf Regionalverbänden Baden-Württembergs unterschiedlich gehandhabt wird und setzt auf die beteiligten Ministerien für Umwelt, Verkehr und für den Ländlichen Raum. Der SPD-Landtagsfraktionschef Claus Schmiedel, der auch in der Regionalversammlung sitzt, will, dass die Ministerien den Mitarbeitern in den Landratsämtern Beine machen. „Die Regierung muss endlich durchgreifen“, sagte Schmiedel, andernfalls „werden wir weniger Windräder bauen als zu Erwin Teufels Zeiten“. Der war entschiedener Gegner einer „Verspargelung“ des Landes. Schmiedel will einer nachhaltigen Energieversorgung im Zweifel Vorrang vor Natur- und Artenschutz geben. Landräte wie der Waiblinger Johannes Fuchs kritisieren, dass die Grundlinien für die Abwägung zwischen Klima- und Naturschutz nicht richtig festgelegt seien.

Umweltminister Alexander Bonde (Grüne) sagt allerdings auch, dass das Thema Windkraft in Schutzgebieten „bislang zu wenig angegangen wird“. Bonde schickt den Landratsämtern diese Woche „ein weiteres Schreiben“ über die rechtlichen Möglichkeiten verbunden mit der Aufforderung, „vor Ort von diesen verstärkt Gebrauch zu machen“. Bisher stehen im Land rund 400 Windräder. Bis 2020 sollen 1000 dazukommen. In der Region Stuttgart soll Platz für etwa 300 eingeplant werden. Das Ministerium Ländlicher Raum erwartet aber, dass Windkraft im dünn besiedelten Nordosten Baden-Württembergs stattfindet.

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