Die Ausbauziele bei der Solarenergie sind hochgesteckt – auch im Kreis Böblingen. Foto: Archiv/Philipp Braitinger

Alle Gemeinden im Kreis Böblingen werden derzeit über die Pläne der Region informiert, weitaus mehr Solaranlagen zu installieren, als bisher. Doch der koordinierte Ausbau steht noch ganz am Anfang.

Auf dem Wall entlang der A 81 am Rande des Flugfelds recken sie sich schon gen Himmel: 1560 Solarzellen, die Strom für 300 Haushalte liefern können beziehungsweise eine Spitzenlast von 700 Kilowatt. Zum Vergleich: Eine moderne Anlage auf dem Dach eines Einfamilienhauses schafft bei 25 Quadratmeter Fläche um die fünf Kilowatt bei praller Sonneneinstrahlung. Geht es nach den Plänen der Landesregierung, sollen im ganzen Land bald noch viel mehr der blauschwarzen Module sauberen Sonnenstrom liefern. Über die Region Stuttgart gelangen diese Ausbauziele derzeit auf die kommunale Ebene, wo sie in den Gemeinderäten diskutiert werden.

 

Neben den Photovoltaik-Pflichten für Häuslebauer und Dachsanierer – sie müssen seit Mai beziehungsweise von Januar an Solarzellen installieren – nimmt die Politik jetzt die freien Flächen ins Visier. Laut Klimaschutzgesetz sollen in der Region 0,2 Prozent der Freiflächen für Solarzellen ausgewiesen werden. Gut möglich, dass sich dieser Wert noch einmal verändert, doch schon jetzt schreiten die Planungen voran. Dabei sehen die gesetzlichen Rahmenbedingungen wie bei der Windkraft ein mehrstufiges Verfahren vor, in dem geeignete Flächen identifiziert werden sollen.

Dort bauen, wo bereits gebaut ist

Die Errichtung von PV-Anlagen im Außenbereich soll demnach auf Standorte mit „substanziellen baulichen Vorprägungen, wie etwa Autobahnen, mehrspurigen Bundesstraßen, Schienentrassen, Deponien sowie Kraft- und Umspannwerken, beschränkt werden“, heißt es aus dem Böblinger Landratsamt. Grundsätzlich werde versucht, die Solarzellen überall dort anzubringen, wo schon „bauliche Vorbelastungen“ bestehen.

Auf der anderen Seite sind gewisse Gebiete zunächst ausgeschlossen: Naturschutzgebiete, Wasserschutzgebiete, flächenhafte Naturdenkmäler und Gewässerrandzonen. Doch selbst dann bleiben im Kreis Böblingen noch eine Reihe von sogenannten Potenzialgebieten übrig, auf denen grundsätzlich Photovoltaik denkbar ist. Dabei sind die Anforderungen an Standorte anders als beim Ausbau der Windkraft niedriger: Die Sonne scheint überall gleich auf die Erde nieder, der Wind weht hingegen viel unsteter.

Karte mit möglichen Standorten

Das Landratsamt hat kürzlich eine Karte mit potenziellen Standorten veröffentlicht, die eine erste grobe Analyse möglicher Standorte nach Gesetzeslage aufzeigt. So ist beispielsweise eine Fläche am Rand von Böblingen schraffiert, südlich der Herrenberger Straße bis zur Kreuzung mit der B 464 oder auf dem Wasserberg. Potenzial wird auch am südlichen Rand von Dagersheim gesehen oder rechts und links der A 81 bei Herrenberg. Insgesamt fällt auf, dass vor allem Randgebiete in den Ortschaften auf der Karte in Betracht kommen.

Diese Flächen sind allerdings als reine Potenzialgebiete einzustufen, bei denen dann weitere Vorgaben berücksichtigt werden müssen. Etwa besondere Landmarken und Grünzäsuren und natürlich der Grundbesitz. Wälder stehen ebenfalls im Fokus, sofern sich an anderer Stelle die Möglichkeit des Waldausgleichs bietet.

Doch wo steht der Landkreis beim Ausbau der Solarenergie eigentlich im Vergleich? Abgesehen von Einzelprojekten wie dem eingangs erwähnten, liegen keine genauen Daten vor. Der Energieatlas des Landes bietet nur einen Überblick über die installierte Leistung im Jahr 2018, da lag der Kreis Böblingen allenfalls im Mittelfeld mit 1,07 Megawatt und fünf frei installierten Anlagen. In Anbetracht des Ausbaus dürften diese Zahlen längst überholt sein. Etwas aktueller sind die Daten der Photovoltaik-Liga Baden-Württemberg, die den Zubau an Solarzellen je Landkreis und Jahr abbildet.

Immerhin liegen hier für den Landkreis Böblingen Daten aus dem zweiten Quartal 2021 vor, wo er im unteren Mittelfeld hinter Karlsruhe und Heilbronn rangierte mit 10,2 Watt neu installierter Leistung pro Einwohner. Spitzenreiter war der Landkreis Sigmaringen mit 31,2, Schlusslicht die Landeshauptstadt Stuttgart mit nur 1,7 Watt.

Energieagentur soll werben

Über seine Energieagentur will der Landkreis nun in die Offensive gehen. Geschaffen werden soll eine „Kümmerer“-Stelle, als Anlaufpunkt für Investoren und Privatpersonen. Außerdem soll die Agentur in die Öffentlichkeit gehen mit „großen, öffentlichkeitswirksamen Bürgerveranstaltungen“, von denen im vergangenen Jahr bereits in eine in Rutesheim, zwei in Darmsheim und vier im oberen Gäu stattgefunden haben. Der Kreis rechnet vor allem bei neuen Windrädern aber auch mit Gegenwind: Es müsse davon ausgegangen werden, „dass die Errichtung von Anlagen zur Erzeugung Erneuerbarer Energien nicht überall auf Begeisterung stoßen wird“, heißt es in einer Vorlage zu diesem Thema. In einem ersten Schritt sollen noch einmal die Dachflächen der kreiseigenen Gebäude untersucht werden – hier sind auch noch nicht flächendeckend Solarzellen installiert.

Für Häuslebauer und Dachsanierer

Seit dem 1. Mai 2022
 gilt für Häuslebauer in Baden-Württemberg die Pflicht zur Errichtung einer Solaranlage auf dem Hausdach. Außerdem ist diese für Parkplätze mit 35 Stellplätzen oder mehr vorgeschrieben.

Von 1. Januar 2023 an
 gilt die sogenannte PV-Pflicht auch für alle grundlegenden Dachsanierungen.

Ausnahmen
 von der Regel gibt es dann, wenn die Behörden nach einer Prüfung zu der Auffassung gelangen, dass die entstehende Dachfläche nicht für die Solarnutzung geeignet ist.