Erneuerbare Energien Die Batterie im Bodensee

Von Walther Rosenberger 

Mit interaktiver Grafik - Deutschland, die Schweiz und Österreich wollen ihre Alpenseen anzapfen, um klimafreundlich Energie zu erzeugen. Über die in ihnen gespeicherte Wärme könnten ganze Stadtviertel im Winter beheizt werden.

Konstanz/Zürich - Der Bodensee im Frühwinter ist eine ziemlich triste Angelegenheit. Wenn die Herbststürme abgeklungen sind und die Obstbäume und Reben entlang des Ufers ihre Blätter abgeworfen haben, verwandelt sich Deutschlands größtes Binnengewässer über Wochen in eine diesige Wasserfläche. Wie ein dampfender Kochtopf gibt der See dann die im Sommer gespeicherte Wärme in Form von Nebelschwaden ab – Wärme, die auch genutzt werden könnte, um Häuser, Schulen, Schwimmbäder und Fabrikhallen das ganze Jahr über perfekt zu temperieren.

Das jedenfalls ist der Plan der Bodenseeanrainerländer Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mitte Mai dieses Jahres haben sie ein jahrzehntealtes Verbot, Seewasser zum Heizen und Kühlen zu verwenden, gekippt. Über Hunderte Meter lange Rohrleitungen könnte der See in Zukunft angezapft und die in seinem Wasser gebundene Energie abgeschöpft werden. Nur wenige Meter vom Bodenseeufer entfernt, könnten Kraftwerke errichtet werden.

 Bodensee

„Thermische Nutzung“ heißt das Stichwort, das derzeit Politik und Gemeindeverwaltungen überall im schmucken Voralpenland elektrisiert. Das Funktionsprinzip folgt dabei dem eines riesigen Wärmetauschers, der Energie – etwa die im Wasser steckende Wärme – an einer Stelle aufnimmt und an einer anderen wieder abgibt. „Wenn eine Gemeinde oder ein Unternehmen die thermische Energie des Bodensees nutzen will, geht das jetzt“, sagt Friedrich Seyler vom Bayerischen Landesamt für Umwelt und Vorsitzender des Sachverständigenkreises der Internationalen Gewässerschutzkommission für den Bodensee, kurz IGKB. „Wir haben die Voraussetzungen dafür geschaffen.“

Es wäre nicht das erste Mal, dass die IGKB die Weichen für das Ökosystem Bodensee neu justiert. Meist ging es gut aus. Anfang der 1970er Jahre, als „der See“ wie die Einheimischen das 536 Quadratkilometer große Gewässer schlicht nennen, umzukippen drohte, drangen die Experten auf schärfere Chemikalien-Grenzwerte und den Bau von Kläranlagen. Später kämpfte man für die Renaturierung des oft heillos zubetonierten Bodenseeufers. Heute hat sich die Organisation, die sich selbst als „Pate“ oder „Schutzpatron“ des Gewässers bezeichnet, dem Kampf gegen den Klimawandel verschrieben. Die Nutzung der Energieressourcen im Wasser ist ein Teil davon.

Im Zuge der sich im Alpenraum besonders deutlich zeigenden Klimaerwärmung habe man „neu überlegt“, ob die „extrem restriktiven Regeln“ zur Nutzung des Seewassers noch haltbar seien, sagt Seyler. Seit 1987 ist es verboten, den See anzuzapfen, um Energie zu erzeugen. Die bestehenden Anlagen, etwa im österreichischen Bregenz, in Friedrichshafen oder an der Universität Konstanz, stammen teils aus den 1960er Jahren – „als man das Thema lockerer handhabte“, wie Harald Hetzenauer vom Institut für Seenforschung (ISF) in Langenargen sagt. Die Energieausbeute, die die wenigen Pumpwerke liefern, ist denn auch minimal.

Das soll sich nun ändern. Thermische Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von bis zu einem Gigawatt – mehr als das Dreißigfache der bisher bestehenden Anlagenkapazität – sollen nun am Bodensee entstehen. Zum Vergleich: Ein Kernkraftwerk verfügt über eine ähnlich hohe Energiebereitstellung. Erste Investoren, etwa in Bregenz, fühlen bei den Projekten schon vor.

Widerstände gibt es bislang nicht. Sowohl Umweltschutzorganisationen wie der BUND als auch Wasserversorger und Bürgermeister in den Seegemeinden unterstützen das Projekt. Im Interesse des Klimaschutzes befürworte das Land die „umweltfreundliche Energiequelle“, sagte Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) jüngst. Die kostenlose Umweltenergie zu nutzen sei ökologisch wie ökonomisch von Vorteil. Selbst die CDU-Opposition im Stuttgarter Landtag stellt sich hinter das Vorhaben.

Die parteiübergreifende Eintracht gründet sich auf neueste Untersuchungen zur Wärmebilanz des Bodensees. Ihr Fazit: Wenn bestimmte Vorgaben eingehalten werden, geht der Eingriff des Menschen ziemlich spurlos an dem Riesengewässer vorüber. Um grade mal 0,2 Grad Celsius könnte sich das Wasser erwärmen, wenn man den See intensiv anzapfe, prophezeien die Fachleute. Angesichts jährlicher Schwankungen der Seetemperatur von 0,7 Grad Celsius und einer Erwärmung des Sees wegen des Klimawandels von bisher deutlich über einem Grad, sei das ein zu vernachlässigender Effekt.

Mitunter könnte das „Kraftwerk Bodensee“, das sich manche schon zwischen Bregenz und Bodman ausmalen, sogar positive Auswirkungen auf die Fieberkurve des Gewässers haben. Mit einigen technischen Tricks ist es heute nämlich möglich, selbst im tiefen Winter die Temperaturdifferenz zwischen dem Seewasser und der Außenluft zum Heizen von Häusern zu nutzen. Dieser Prozess, in großem Maßstab eingesetzt, entzöge dem Bodensee Energie und kühle ihn sogar leicht ab, sagen Experten wie Ulrich Lang, Geschäftsführer des Stuttgarter Ingenieurbüros Professor Kobus und Partner. Mitunter könne man dadurch sogar die natürliche Durchmischung des Seewassers unterstützen. Diese ist in den vergangenen Jahren ins Stocken geraten. „Thermische Kraftwerke könnten den See revitalisieren“, sagt Lang, dessen Büro die grundlegenden Wärmemodelle des Bodensees für die IGKB angefertigt hat.

Andere Experten sehen in Kraftwerke umfunktionierte Großgewässer gar auf breiter Front vor dem Durchbruch. „Der Schub kommt jetzt erst“, sagt beispielsweise Alfred Wüest, Professor am Wasserforschungsinstitut Eawag der Schweizer Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH). Alle Alpenländer hätten sich ambitionierte Klimaziele gesetzt. Das „riesige Wärmepotenzial“ der Alpenseen zu nutzen, hält Wüest daher für beinahe zwingend. Speziell in der Schweiz sei dies „erklärter politischer Wille“.

In der Eidgenossenschaft ist man daher auch schon einen Schritt weiter als am Bodensee. Städte wie Zürich, Lausanne oder St. Moritz nutzen ihre Seen bereits seit Jahren, um ihren Gebäudebestand in größerem Maßstab zu klimatisieren. Eine ganze Reihe von Projekten, etwa in Genf, der Millionärsgemeinde Zug oder in Gemeinden am Luganer oder am Vierwaldstätter See, sind derzeit in Planung.

Den Bodensee hält der Gewässerphysiker Wüest für einen nahezu perfekten Energiespeicher, den man nur anzuzapfen brauche. „Eine große Badewanne, mit optimalen Strömungen und großen Städten als Energieabnehmer außen herum“, sagt er. „Das passt alles optimal.“

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