Sieht nicht so aus – ist aber alles vegan. Der Markt reagiert aufdie verstärkte Nachfrage. Foto: mauritius

Immer mehr Menschen definieren sich über ihre Ernährung. Sie lassen manche Lebensmittel weg oder folgen bestimmten Diäten. Werden Veganismus und Co zur Ersatzreligion?

StuttgartZunehmend ernähren sich Menschen in besonderer Art: Sie halten spezielle Diäten ein oder lassen bestimmte Nahrungsmittel weg. Die Soziologin Jana Rückert-John erklärt, inwiefern dieser Trend einer komplexen Welt geschuldet ist und was sonst dahinter steckt.

Frau Rückert-John, die Vielfalt an Ernährungsrichtungen war nie größer. Es gibt Veganer, Frutarier oder Anhänger der Paläo-Diät, um nur einige Beispiele zu nennen. Was sind die Gründe?
Soziologisch sind der Veganismus und andere Trends vor allem auf die enorme Komplexitätszunahme auf dem Feld der Ernährung zurückzuführen. Der Überfluss in den westlichen Gesellschaften bringt eine nie da gewesene Vielfalt an Nahrungsangeboten mit sich. Vor diesem Hintergrund fällt einer wachsenden Zahl von Verbrauchern die Orientierung schwer, viele haben auch das Gefühl, die Kontrolle über ihre Ernährung zu verlieren. Sie sind verunsichert und fragen sich: Was kann ich noch essen, und was soll ich überhaupt essen?
Und deshalb schränken sich die Leute lieber freiwillig ein?
Genau. Die Entscheidung, sich zum Beispiel vegan zu ernähren, ist eine Möglichkeit, die Komplexität zu reduzieren. Man vertraut nur noch auf eine ganz bestimmte Richtung. Wer es sich leisten kann, kauft dann zum Beispiel nur noch Bioprodukte. Oder er entscheidet sich für die Paläo-Diät, deren Anhänger sich wie Steinzeitmenschen ernähren wollen.
Manche Anhänger alternativer Ernährungsrichtungen sind derart überzeugt, dass sie versuchen, ihre Mitmenschen zu missionieren. Wird Ernährung immer mehr zur Religion?
Das kann durchaus religiöse Züge annehmen. Das sieht man auch an den Galionsfiguren der jeweiligen Trends wie etwa Attila Hildmann. Die inszenieren sich teilweise wie Gurus und werden auch so verehrt. Ganz nebenbei machen sie damit auch gute Geschäfte. Und ganz ähnlich wie bei Religionen gibt es auch bei der Ernährung verschiedene (Glaubens-)Richtungen, die sich untereinander oft uneinig sind.
Es mag ja sein, dass die Entscheidung für eine bestimmte Ernährungsweise das Leben des Einzelnen einfach macht. Aber im Alltag wird vieles komplizierter – zum Beispiel ein gemeinsames Essen mit Freunden.
Spezielle Esswünsche führen natürlich zu einer Abgrenzung. Auf der anderen Seite schaffen sie Identität – man könnte auch sagen: eine Möglichkeit zur Selbstinszenierung. Eine wachsende Zahl von Menschen definieren sich heute nicht mehr über ihren Job, ihr Einkommen, ihr Auto oder ihr Handy, sondern auch darüber, was sie essen – oder besser: was sie nicht essen. Deshalb gibt es immer mehr Produktkennzeichnungen, in denen erklärt wird, dass Nahrungsmittel frei von bestimmten Zutaten sind. Sogar Tee bekommt das Etikett „vegan“, obwohl tierische Zutaten hier noch nie eine Rolle gespielt haben.
Was bedeuten Ernährungseinschränkungen für die soziale Teilhabe von Kindern? Es gibt Fälle, da wird bereits der Besuch eines Kindergeburtstags zum Problem – denn dort könnte es das „falsche“ Essen geben.
Da kann es natürlich zu Ausgrenzungserscheinungen kommen. Auf der anderen Seite bilden sich in Großstädten entsprechende Subkulturen heraus – etwa in Form veganer Kindergärten. Das wirkt dann einer möglichen Stigmatisierung entgehen. Bei Kindern sollte man aber auch ernährungsphysiologische Aspekte nicht außer Acht lassen – etwa die Möglichkeit von Mangelerscheinungen durch vegane Ernährung. So rät die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, kleine Kinder besser nicht vegan zu ernähren. Ähnliches gilt für Schwangere. Alle übrigen sollten sich gut vom Arzt beraten lassen.
Bei vielen Ernährungstrends geht es aber nicht nur um die persönlichen Befindlichkeiten einer gut verdienenden und gebildeten Zielgruppe. Es gibt auch handfeste rationale Argumente.
Natürlich. Der Überfluss hat ja auch viele negative Nebenwirkungen – etwa die Klima- und Umweltbelastung durch die Nutztierhaltung oder die gesundheitlichen Folgen exzessiven Fleischkonsums. Auch die Defizite beim Tierschutz sind ein leicht nachvollziehbares Argument. Es gibt aber auch Ernährungsrichtungen, bei denen rationale Überlegungen nicht die entscheidende Rolle spielen. Generell sind die Motive vielfältig und geschlechtsspezifisch.
Inwiefern?
Vegetarismus und Veganismus sind weibliche Phänomene. Rund 80 Prozent der Anhänger sind Frauen. Zudem stellen weibliche Veganer eher ethische Argumente wie den Tierschutz in den Vordergrund, während Männer, die sich für fleischlose Kost entscheiden, vor allem gesundheitliche Argumente anführen. Das ist aber wie gesagt die Ausnahme, denn Fleisch ist nach wie vor hochgradig männlich besetzt. Männer essen doppelt so viel Fleisch wie Frauen.
Sind Landwirtschaft und Ernährungsindustrie ausreichend vorbereitet auf die neuen Ernährungstrends?
Viele haben erkannt, dass das ein Markt ist, der weiter wachsen wird. Ein interessantes Beispiel ist der Wursthersteller Rügenwalder, der seit Dezember 2014 auch vegetarische Wurst im Sortiment hat – die sich recht gut verkauft. Das war nicht unbedingt zu erwarten vor dem Hintergrund, dass Rügenwalder weiterhin konventionelle Wurstwaren herstellt.
Trotz Vegetarismus und Veganismus bleibt Fleisch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.
Unbedingt. Das geht manchmal ein bisschen unter in dem ganzen Medienhype um den Veganismus. Es gibt zwar tatsächlich eine rasante Zunahme an Restaurants, Geschäften und Kochbüchern, doch insgesamt ist es doch noch eine sehr kleine Nische. Der Fleischverzehr liegt in Deutschland mit 59 Kilo pro Kopf und Jahr weiter auf hohem Niveau. Und global betrachtet wird der Fleischkonsum in den nächsten Jahren deutlich zunehmen – etwa in den Schwellenländern.
Tierhaltung ist ein wichtiger Bestandteil der Biolandwirtschaft. Zudem gibt es Regionen der Welt, in denen ohne Weidetiere kaum Nahrungsproduktion möglich wäre.
Das stimmt. Deshalb kann man auch nicht sagen, dass vegane Ernährung per se nachhaltiger ist. So müssen zum Beispiel viele Zutaten importiert werden. Und auch im Bioladen ist längst nicht alles aus regionaler Produktion.
Interessant ist, wie sich die Wahrnehmung ändert. Früher regten sich die Leute über Analogkäse auf, der aus Fett- und Eiweißbestandteilen zusammengemixt wurde. Heute zahlen sie für vegane Käse- oder Milchimitate mehr als für konventionelle Milchprodukte. Gleichzeitig wollen alle möglichst natürliche und ursprüngliche Lebensmittel. Das passt doch nicht zusammen.
Das ist nur einer von vielen Widersprüchen, die es zwischen den Zielen bestimmter Ernährungsrichtungen gibt. Das Angebot ist heute so groß, dass sich jeder seine eigene Ernährungslegende schaffen kann. Dabei kommt naturgemäß nicht immer ein stimmiges Gesamtbild heraus, bei dem Anspruch und Wirklichkeit in jedem Fall zusammenpassen. Deshalb kaufen zum Beispiel längst nicht so viele Leute Bio, wie aufgrund von Umfragen zu erwarten wäre.
Essen Sie selbst Fleisch?
Ja, aber lieber weniger und dafür qualitativ besseres Fleisch aus dem Bioladen. Ich weiß allerdings, dass das auch eine Frage des Einkommens ist.
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