Werner Huber hat ein Faible für Italien. Das hat er mit Goethe, Rilke und anderen Berühmtheiten gemeinsam. Foto: Gottfried Stoppel

Von Goethe über Nietzsche bis Lord Byron: Werner Huber aus Schwaikheim hat sich auf die Spur berühmter Italienreisender gemacht. Sein Buch berichtet, welche Gefahren und Genüsse damalige Touristen erwarteten.

Schwaikheim - Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn“ – diese Verszeile aus dem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ ist weit bekannt. Johann Wolfgang von Goethe wusste, wovon er schrieb: Er hat Italien ausgiebig erkundet – von Bozen über Florenz, Rom und Neapel bis Sizilien. Der Poet und Minister am Hofe zu Weimar reiste auf Kosten seines Dienstherrn Herzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach höchstselbst.

„Eigentlich haben also die armen Steuerzahler Goethes Grand Tour gesponsert“, sagt Werner Huber trocken. Der 68-jährige Schwaikheimer, der von sich sagt, er habe ein Faible für Bella Italia und seine Menschen, hat ein Buch über die großen Italienreisenden zur Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts geschrieben, das dieser Tage im Kröner-Verlag erscheint. Die Idee zum Buch stamme vom Verlag, erzählt Huber, der erst skeptisch war. „Ich habe das Thema für sehr bildungslastig gehalten und wollte auf keinen Fall ein Bildungsbuch schreiben, sondern ein Erlebnisbuch.“

Allerlei Geschöpfe im Wasserglas

Das ist geglückt: Es menschelt kräftig auf den knapp 280 Seiten des Bandes. Da klagt etwa Theodor Fontane in Neapel: „Der ganze Vesuv saß mir im Leibe und das unheimliche Rollen und Grollen nahm kein Ende“, während Goethe in seiner Herberge ein Wasserglas mit „unzähligen Geschöpfen von ungeheuren Gestalten“ serviert bekommt und das Glas dennoch tapfer leert – mit dem Argument: „Eßen wir doch Krebse und Aal und schaden nicht, so werden diese zarten Thierchen es auch nicht thun und nähren vielleicht.“ Goethe hat das Experiment bekanntlich überlebt.

Erlebnisbuch hin oder her – dass sich der Leser nach der Lektüre ein bisschen gebildeter fühlt, dürfte für Werner Huber kein Problem darstellen. Er ist nach seinen anfänglichen Zweifeln in „die Katakomben der Landesbibliothek abgetaucht“ und hat sich in Reiseberichte Goethes vertieft, Nietzsches Briefe an die Daheimgebliebenen studiert, Fontanes Reisetagebuch gelesen – das übrigens zeitweise dessen Frau Emilie schrieb – und Lyrik und Prosa verschlungen, zu welcher Italien Rilke, Lord Byron oder Grillparzer inspirierte. Seine älteste Quelle ist der Bericht der Dänin Friederike Brun aus dem Jahr 1816, die noch mit dem Segelschiff reiste und Unwetter und „Raubboote“ fürchten musste.

Bella Italia lockte Liebeshungrige

„Reisen war gefährlich“, sagt Werner Huber – auch wenn er denkt, dass der Dichter Franz Grillparzer etwas dick aufgetragen hat mit seiner Schilderung der „zerrissenen Überreste“ von Reisenden, alles Opfer von Räubern und Mördern, welche er vor Rom gesehen haben will. Glaubwürdiger erscheint Huber die Beschreibung des nüchternen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel, der einen Überfall unweit von Segesta schildert und anmerkt: „Fast jeder bedeutende Besitzer jener Gegenden zahlt Tribut, um in Ruhe zu bleiben“ – die Vorform der Mafia. Für Goethe begann das Abenteuer schon im norditalienischen Malcesine: Als er das Burgschloss am Gardasee zeichnete, das ein Teil der Grenzbefestigung war, geriet er in Verdacht, ein österreichischer Spion zu sein.

Trotz aller Risiken war Italien das Land zahlreicher Verheißungen. Zu einer Zeit, die als „kleine Eiszeit“ gilt, in der Bodensee, Seine oder Themse zufroren und hitzige Temperaturen von mehr als 30 Grad hierzulande kein Thema waren, lockte Goethe die „milde sanfte Luft“, der angeschlagene Nietzsche erhoffte einen positiven Effekt auf seine Gesundheit. „Etliche der Protagonisten sind vor allem wegen ihrer Lebensprobleme gereist, ob die nun physischer oder psychischer Natur waren“, sagt Werner Huber. Grillparzer reiste nach dem Selbstmord von Mutter und Bruder, den homosexuellen August von Platen wie auch Goethe lockte der Ruf Italiens als freizügiger Liebesmarkt. „Mal war es Flucht, mal Therapie“, sagt Werner Huber über die Reisegründe.

Seume reiste vor allem per Pedes

Hubers Lieblingsreisender ist Johann Gottfried Seume – „weil er ein Quereinsteiger ist und wenig Geld hatte. Er musste weite Passagen zu Fuß gehen und brachte viel Interesse für das Leben in Italien mit und hat bei seiner Reise quasi Sozialstudien betrieben“. Ein Quereinsteiger ist auch Werner Huber: er ist von Hause aus Physiker – und ein Fan von „Reiseliteratur mit Tiefgang“. Der mit einer Schwäbin verheiratete Oberbayer hat dazu schon das Buch „Mit Dichtern auf Reisen“ verfasst.

Hauptverkehrsmittel war bis in die 1860er-Jahre die „Postchaise“. Der Fahrplan der Kutschen, sagt Huber, „war durchgetaktet, mit Nachtdurchfahrten und Soll-Ankunftszeiten“. Vermögende mieteten sich eine eigene Kutsche nebst Chauffeur. „Der war Italiener und managte die Hotelbuchungen.“ Dann kam die Bahn – Fontane etwa reiste 1874 im Zug über den Brenner.

Auch Werner Huber ist überwiegend mit dem Zug unterwegs gewesen, als er die Reisewege seiner Protagonisten nachvollzogen hat. Insgesamt fünf Mal ist er jeweils etwa zehn Tage durch Italien getourt. Erholsam sei das nicht gewesen, sagt er: „Ich bin zum Teil um 5 Uhr aufgestanden und erst gegen 23 Uhr in meine Unterkunft gekommen.“ Gereist ist er im Frühjahr, im Frühsommer und im Herbst. Getreu Goethes Ratschlag, der zwar vom Land der Zitronen schwärmte, aber riet: „Reise nur nicht im Anfang August, wo man des Tags von der Sonne gebraten und des Nachts von den Flöhen verzehrt wird.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: