Claudia Klett-Bay leidet seit drei Jahren an Long Covid, gibt die Hoffnung auf Heilung aber nicht auf. Foto: privat/dpa

Seit drei Jahren kämpft Claudia Klett-Bay aus Erdmannhausen mit Long Covid und dessen Folgen. Schon ein Ausflug zur Abschlussfeier ihres Sohnes zwingt sie danach für Tage ins Bett.

Den Gesprächstermin am Montagnachmittag muss Claudia Klett-Bay ausfallen lassen: Schwindel. „Das hatte ich noch fast nie, hoffentlich etabliert sich das nicht“, sagt die Erdmannhäuserin. Früher, da ist sie sich sicher, hätte sie sich solche Gedanken überhaupt nicht gemacht. Aber seit dem Herbst 2022 ist das anders. Damals erkrankte sie zum ersten Mal an Corona in Form einer heftigen Grippe. Seither leidet sie an Long Covid, hört ganz genau auf ihren Körper – und findet Unterstützung in einer Ludwigsburger Selbsthilfegruppe.

 

Es ist ein diffuses Krankheitsbild, die Symptome sind so vielfältig, dass sich kaum sagen lässt, ob plötzlich auftretender Schwindel dazugehört oder etwas Einmaliges bleibt. „Wenn man etwas nicht eindeutig zuordnen kann, denkt man trotzdem oft: Na ja, es wird halt auch wieder davon kommen“, sagt Klett-Bay.

Das schlimmste Symptom: Erschöpfung

Häufiger treten bei ihr andere Symptome auf: Erschöpfung, das ist das Schlimmste, sagt sie. Keine bloße Müdigkeit, „eher, als hätte man am Tag vorher extrem viel Sport gemacht, sich keine Regenerationszeit gegönnt und dann noch Alkohol getrunken“. Hinzu kämen Schlafstörungen, Reizempfindlichkeit oder der sogenannte „Brain Fog“, also Konzentrationsstörungen, Schwierigkeiten bei der Wortfindung oder Gedächtnisprobleme.

So geht das mittlerweile im vierten Jahr. Therapien hätte sie schon viele probiert, geholfen habe nichts. Sicher, es gebe auch gute Phasen, in diesem Sommer zum Beispiel. „Gut“ bedeute in dem Zusammenhang aber auch nur, dass hin und wieder ein Treffen mit Freunden oder ein Spaziergang am Tag möglich sei – und wenn, dann nur mit Pausen. An Sport, so wie früher, sei nicht zu denken.

Und manchmal, wenn es zu viel wird, gibt es vom Körper direkt die Quittung. Im Juli feierte ihr Sohn in Regensburg sein Staatsexamen, nach fünf Jahren Studium. „Es ist nachvollziehbar, dass man da als Mutter den Wunsch hat, dabei zu sein“, sagt sie und trat die Reise deshalb auch an. „Leider war es in der Summe dann zu viel. Zwei Veranstaltungen an einem Tag, eine fremde Umgebung – das hat mich Wochen zurückgeworfen.“

Dass sie den Ausflug bereue, wolle sie so aber auch nicht sagen. Denn wegen der Krankheit gar nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen zu können, das mache auch was mit der Psyche. „Manchmal mache ich Sachen, bei denen ich eigentlich weiß, dass sie für meinen Körper nicht so gut sind“, erklärt sie, wohlwissend, dass das nur funktioniert, weil ihr Krankheitsverlauf trotz allem noch verhältnismäßig milde sei.

Der Wunsch nach Normalität

„Ich muss aber immer in den Kalender gucken, ob ich mir das leisten kann. Wenn ich ins Kino oder für ein paar Stunden zu einer Geburtstagsfeier gehe, brauche ich danach mindestens zwei oder drei Tage Erholung“, erklärt die Erdmannhäuserin. Es ist eine Abwägungssache: Auf der einen Seite steht die Notwendigkeit, den Körper zu schonen. Gleichzeitig habe sie den Wunsch, zumindest einen Hauch von Normalität in ihrem Leben zu spüren. Denn in den vergangenen drei Jahren sei nicht nur ihr gesundheitlicher Zustand schlechter geworden. „Mein Freundeskreis wird kleiner“, sagt Claudia Klett-Bay. Freunde, die sich früher fast täglich gemeldet hätten, machten das immer seltener. „Ich glaube, manche trauen sich gar nicht mehr zu fragen, wie es mir geht – sie kennen die Antwort ja“, sagt sie.

Bei allem Verständnis will sie das aber nicht so richtig gelten lassen: „Ich bin zwar krank, aber man kann doch trotzdem noch mit mir befreundet sein.“

Hilfe im Fatigatio-Verein

Klett-Bay ist mit ihren Problemen, seien es die gesundheitlichen, die psychischen oder die sozialen, nicht allein. Das weiß sie spätestens, seit sie an den Treffen der Ludwigsburger Selbsthilfegruppe vom Verein Fatigatio teilnimmt. Der Verein richtet sich an alle Menschen, die am chronischen Erschöpfungssyndrom ME/CFS erkrankt sind. Dazu gehören auch viele Long Covid Patienten wie Claudia Klett-Bay. Neben praktischer Hilfe im Alltag, etwa bei Verwaltungsfragen, gehe es dort um den Austausch untereinander. „Man ist dort nicht allein mit seiner Krankheit und vor allem: Man fühlt sich verstanden“, sagt die Erdmannhäuserin.

Wie die Zukunft für Claudia Klett-Bay und die vielen anderen Patienten aussieht, lässt sich kaum sagen. Zugelassene Medikamente gibt es derzeit keine, erst im November hat der Bund eine neue Forschungsinitiative gestartet. „Man muss sich natürlich mit dem Gedanken beschäftigen, dass man nie mehr ganz gesund wird“, sagt Klett-Bay. Seit Juli beziehe sie deshalb auch Erwerbsminderungsrente.

Obwohl sie seit Jahren nicht mehr arbeitet und jeder Spaziergang eine Herausforderung ist, versucht Claudia Klett-Bay optimistisch zu bleiben. Die vergangenen Therapien, die Gespräche bei den Fatigatio-Treffen, jeder kleine Moment, in dem sie sich fit fühlt, seien nicht vergebens: „Es ist sicher noch ein langer Weg. Aber die Hoffnung zu verlieren, ist für mich keine Option.“

Long Covid

Krankheit
Als Long Covid werden Symptome zusammengefasst, die nach einer akuten Covid-19-Erkrankung auftreten und auch Wochen oder Monate später anhalten. In seiner schwersten Form geht Long Covid häufig mit dem chronischen Erschöpfungssyndrom ME/CFS einher. Zu den häufigsten Symptomen gehören Erschöpfung, Schlafstörungen oder Kurzatmigkeit. Bei vielen Erkrankten verschlechtern sich die Symptome nach bereits leichter körperlicher, mentaler und emotionaler Anstrengung.

Verein
Der Fatiagtio e.V. richtet sich an alle Menschen, die an ME/CFS erkrankt sind. Die Ludwigsburger Regionalgruppe trifft sich einmal monatlich, das nächste Treffen findet am 17. Dezember online statt. Weitere Informationen gibt es unter www.fatgatio.de.