Während seiner Zeit in Untertürkheim wird Gerd Commentz befördert. Er feiert das im „Eisernen Kreuz“. Weitere Eindrücke aus seinen fünf Monaten in Stuttgart zeigt die Bilderstrecke.Foto: Stadtarchiv Stuttgart Foto:  

Im Jahr 1942 wird der Soldat Gerd Commentz zur Arbeit bei Daimler Benz nach Stuttgart beordert. Das Tagebucharchiv in Emmendingen bewahrt seine Erinnerungen an diese Zeit auf, die wir leicht gekürzt veröffentlichen.

Stuttgart - Infolge der sich im Osten dramatisch zuspitzenden Situation wird nun die Studentenkompanie in Breslau leider reduziert und nur die älteren Semester können noch ihr technisches Studium fortsetzen. Müssen wir Anfänger nun wieder zurück zum Ersatztruppenteil und von dort an die Front? Nein, einige von uns werden zur Firma Daimler Benz nach Stuttgart-Untertürkheim abgestellt. Nach einer Fahrt über Dresden, wo ich noch mal Zwischenstation machen kann, treffen wir am 1. Dezember in Stuttgart-Untertürkheim ein, wo wir uns im Gasthof „Krone“ melden sollen. Die „Krone“ ist als Quartier vorgesehen, der Hauptfeldwebel teilt uns aber mit, wir könnten, so möglich, auch bei Verwandten oder Bekannten wohnen.

 

Wir machen uns somit alle auf die „Suche nach Verwandten“, wobei uns die so freundlichen Untertürkheimer behilflich sind und uns diesen und jenen Hinweis, wo man eventuell unterkommen kann, geben. So kommen wir alle gut unter. Mein Freund Zacho und ich finden am Ende der Gehrenwaldstraße beim Apotheker Fischer im Dachstock zwei geeignete Zimmer, wobei wir bloß für das Frühstück selbst sorgen müssen. Da haben wir mal wieder Glück gehabt!

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen unseres Geschichtsprojekts „Stuttgart 1942“

Am nächsten Tag melden wir uns beim „Daimler“, wo wir unseren Fähigkeiten entsprechend eine Arbeit zugewiesen bekommen. Wir landen im Zeichenbüro für Marine-Motoren, von dem aus man einen Blick auf den in Gaisburg befindlichen Gaskessel hat. Die Arbeit gefällt uns, und überanstrengen müssen wir uns auch nicht. Mittags können wir in der Werkskantine essen und auch am Abend sorgt diese für uns Soldaten. So sind wir in Stuttgart doch recht gut aufgehoben!

Die Lage ist kritisch

Auch die Abende bringen wir gut herum. Des öfteren fahren wir in die Stadt, gehen mal ins Kino oder die Oper, besuchen ein Konzert oder genehmigen uns nur in der Halle vom Hotel Marquardt ein „Viertele“. Hin und wieder dürfen wir ein solches auch bei unserem Apotheker „schlotzen“, einen „Untertürkheimer“, der aber recht sauer ist. Auch verfügt Herr Fischer noch über einen Zigarrenbestand!

Trotzdem gibt es Sorgen: Die Kämpfe in und um Stalingrad werden immer härter. Die Lage ist überaus kritisch. Ein Ausbruch und Entsatz ist gescheitert, die Armee sitzt in der Falle. Die Versorgung wird immer schlechter. Wenig Munition, wenig Verpflegung, große Kälte und keine ordentliche Winterkleidung. Dafür aber Erfrierungen, Krankheiten und Sterben. Und die Verwundeten können nicht mehr ausgeflogen werden. Was müssen die Soldaten erdulden und erleiden? Und wo ist Gott? Bei den stärkeren Bataillonen? Kaum, denn auch die angreifenden Russen frieren und sterben. Muss das alles sein? Warum? Weil der „GröFaz“ (als Spottname gebrauchtes Akronym für den „Größten Feldherr aller Zeiten“ Adolf Hitler, Anmerkung der Redaktion) eigensinnig ist und seine Generäle ihn nicht an dem Wahnsinn hindern!

An einem schönen Wintertag leihe ich mir die Skier vom Sohn meines Apothekers aus und fahre mit diesen zur Katharinenlinde hoch. Es ist ein wunderschöner Tag. Nur bei der Abfahrt komme ich in den Tiefschnee und breche eine Skispitze ab. Das war nun nicht mehr so schön und bei der Rückgabe der Skier recht peinlich!

Die Kämpfe in Stalingrad und die Kapitulation einer ganzen Armee ist sehr bedrückend! Eine ganze Armee wird „verheizt“, um eine andere zu retten, die von Hitler leichtsinnig in den Kaukasus getrieben worden ist! Überall kommt man mit Menschen zusammen, die Männer oder Söhne in Stalingrad haben! Was soll man da bei den eigenen Zweifeln sagen?

Beförderung zum Unteroffizier

Eines Tages kommt unser Apotheker mit dem Witz, Hitler würde jetzt „Tengelmann“ heißen, da er so viele Niederlagen habe.

Im Februar besuche ich an einem Wochenende auch mal Inge in Friedrichshafen. Besonders die Fahrt durch die Geislinger Alb gefällt mir sehr. Und das Wochenende ist dann sehr schön, und wir können über dieses und jenes sprechen. Die Zeit vergeht nur zu rasch.

Nach wie vor sind wir Angehörige der Studentenkompanie in Breslau. So erreicht mich hier in Stuttgart auch die Nachricht, dass ich zum Unteroffizier befördert worden bin. Wohl eine Formalität für den Angehörigen einer Studentenkompanie. Diese Beförderung feiern wir dann auch etwas im „Eisernen Kreuz“, ein alte und vielleicht auch sogar ehrwürdige Gaststätte in der Großglocknerstraße im Stuttgarter Vorort Untertürkheim.

Bereits seit dem Frühjahr 1941 hat sich bei der in Russland befindlichen Heeresgruppe Mitte eine Verschwörergruppe gebildet unter dem Obersten Henning von Tresckow, der schon seit Mitte 1942 verschiedene Anschläge auf Hitler plante, die aber infolge widriger Umstände scheiterten. Um die Wehrmacht vor einem Putsch „eidesfrei zu machen“, ist eine Ermordung Hitlers unumgänglich.

Das gescheiterte Attentat

Jetzt im März besucht Hitler die Heeresgruppe Mitte. Beim Abflug wird ein mit einem Zeitzünder versehenes und als „zwei Flaschen Cointreau für einen im Führerhauptquartier befindlichen Obersten“ getarntes Sprengstoffpaket mit in Hitlers Flugzeug geschmuggelt. Die Bombe aber ist nicht detoniert, und die Verschwörer sind tief enttäuscht, als bei der Heeresgruppe die ordnungsgemäße Landung von Hitlers Flugzeug gemeldet wird. Das bisher aussichtsreichste Attentat ist damit gescheitert.

Ich treffe auch mal mit Inga Siebert, einer Bekannten aus Hamburg-Langenhorn, zusammen, die sich hier mit Innenarchitektur beschäftigt. Durch diese lerne ich auch deren Freundin Marlies kennen, die es mir gleich angetan hat. Leider ist sie schon vergeben. Einmal machen wir dennoch einen sehr schönen Spaziergang vom Westbahnhof zum Hasenberg hoch und von dort entlang der Kräherwaldstraße zur Doggenburg und zum Killesberg. Noch weiß ich nicht, dass ich diesen Weg noch des öfteren in angenehmer Begleitung einer lieben Stuttgarterin gehen werde.

Wie gut geht es uns doch! Aber wie lange wird das noch „heben“?

Stuttgart ade!

An diesem Tage soll der Oberst von Gersdorff Hitler durch eine im Zeughaus befindliche Ausstellung von russischen Beutewaffen führen. Von Gersdorff hat unter dem Uniformrock einen Sprengsatz versteckt, deren Zeitzünder er 10 Minuten vor dem Rundgang in Gang setzt. Hitler hat jedoch wenig Interesse an den Beutewaffen und bricht die Besichtigung bereits nach 2 Minuten ab. Von Gersdorff gelingt es gerade noch, auf einer nahe gelegenen Toilette den noch nicht abgelaufenen Zeitzünder aus dem Sprengsatz zu entfernen.

Seit dem Februar schwebt aber auch über uns das „Damoklesschwert“! In jeder Woche wird in der „Krone“ eine Weisung ausgehängt, gemäß der sich dieser oder jener von uns bei seinem Ersatztruppenteil melden muss, was im Allgemeinen die Versetzung an die Front zur Folge hat. So hofft man von Woche zu Woche, dass man noch etwas in dem von uns so geschätzten Stuttgart bleiben darf.

Ende März ist es dann aber soweit! Wir müssen nun alle zum Ersatztruppenteil zurück. „Stuttgart ade“! Es war eine so schöne und erinnerungsreiche Zeit! Ob und wann werde ich Stuttgart wohl mal wiedersehen?

Gerd Commentz, geboren im September 1919 in Bremen, sollte Stuttgart schon bald wiedersehen. Der spätere Patentanwalt zog im März 1946 wieder nach Stuttgart, wo er sich verheiratete und bis 1984 in verschiedenen Wohnungen lebte.