Prince da Silva hat gerne und viel Zeit mit den Zwillingen des Freundes verbracht. So wie hier beim gemeinsamen Einkaufen. Emma und Sofia (von links) haben den 19-Jährigen geliebt – so wie ihr Vater Papy Tshimanga. Foto: privat

Prince da Silva brach am 8. Februar bei einem Fußballspiel zusammen und verstarb zwei Tage später. Wer war der 19-Jährige, der als Minderjähriger aus Benin geflüchtet war? Eine Spurensuche.

Es war ein schwerer Gang, den Papy Tshimanga Anfang März gehen musste. Ein Gang, der ihm Angst machte und wie eine zentnerschwere Last auf seinen Schultern lag. Wohlwissend, dass es ihn braucht, um besser loslassen zu können: Die Trauer, den Schmerz, die Verzweiflung.

 

Prince da Silva starb am 8. Februar. Der 19-Jährige brach bei einem Fußballspiel zusammen und verstarb zwei Tage später im Krankenhaus in Ludwigsburg. Der Tod des jungen Mannes, der 2022 aus Benin geflüchtet war, machte Schlagzeilen – über den Kreis hinaus. Die Anteilnahme war riesig.

Der Zufall bringt die Freunde zusammen

Von einer Sekunde auf die andere hatten Spieler ihren leidenschaftlichen Teamkollegen verloren, Arbeitskollegen einen liebenswürdigen, wissbegierigen Auszubildenden, die Kirchengemeinde einen jungen Mitchristen – und Papy Thsimanga seinen Freund.

Einen Freund, den der Zufall in sein Leben gespült hatte. Seit 2001 lebt der gebürtige Kongolese in Deutschland. Im Sommer 2023 war Tshimanga im Marstall Center einkaufen, als ihn ein junger Mann ansprach. „Er wollte Fußballsachen kaufen, konnte noch nicht so gut deutsch und fühlte sich durch meinen französischen Akzent verbunden“, erinnert sich Tshimanga. Die Sprache der Heimat schaffte Vertrauen, gab Halt. „Er bat mich um meine Telefonnummer.“

Prince da Silva und sein Auto, auf das er stolz war. Foto: Papy Tshimanga

Gerade mal eine Stunde später führte das Schicksal die beiden beim Shoppen in der Stadt erneut zusammen. „Eine Woche später hat er mich schon großer Bruder genannt“, erzählt der Ludwigsburger und lächelt. Großer Bruder – zwei Worte, die Papy Tshimanga nie mehr hören wird.

Anfangs schreiben sich die beiden nur – allerdings täglich. Tshimanga ist für seinen Arbeitgeber auf Montage in der Schweiz und kommt nur an den Wochenenden nach Hause zu Frau und Zwillingen. Als er dann im Dezember 2023 wieder ganz in Deutschland ist, gibt es ein zweites physisches Treffen. Aus Sympathie wird tiefe Verbundenheit.

Er hat nicht über die Flucht gesprochen

Persönliche Treffen gehören schnell zum Alltag. Tshimanga begleitet den Fußballer zu Spielen und teilt mit ihm die Leidenschaft für Musik und für Kinobesuche. „Prince wurde Teil unserer Familie. Die Mädchen liebten ihn. Er war oft bei uns zuhause, kochte für uns, spielte mit den Mädchen, verwöhnte sie mit kleinen Geschenken“, erzählt Tshimanga. „Er war ein ganz besonderer Mensch. Immer freundlich. Immer gut.“

Was brachte diesen besonderen Menschen dazu, Mutter und Schwestern, die er liebte, noch minderjährig zu verlassen und sich auf eine gefährliche Flucht zu begeben? Papy Tshimanga hält einen Moment inne. „Wir haben viel und über alles geredet – nur über seine Flucht und das Erlebte erzählte Prince nichts und ich wollte ihn auch nicht drängen“, sagt er.

Klar ist: Prince da Silva wollte eine Perspektive, ein besseres Leben, etwas erreichen – im Fußball, aber auch in einem Beruf. Und er wollte für seine Mutter und die Geschwister kämpfen. „Sein Vater starb, als Prince noch in Benin lebte und sein Bruder kam dann zum Onkel. Ich glaube, das wollte er für sich selbst nicht.“

Die Familie war dem 19-Jährigen wichtig. Der Kontakt war eng – auch nachdem er in Deutschland in einer Wohngruppe der Ambulanten Jugendhilfe Korntal eine Bleibe und 2023 bei der Ditzinger Gretsch-Unitas Baubeschläge GmbH eine Ausbildungsstelle als Produktdesigner gefunden hatte. „Als er verdiente, schickte er regelmäßig Geld nach Hause“, weiß Tshimanga. „Er war glücklich hier in Deutschland, hat seine Familie aber vermisst und war manchmal – trotz aller Fröhlichkeit und aller Zuversicht – auch etwas einsam.“

Videotelefonate mit Mutter und Schwestern

Die regelmäßigen Videotelefonate mit der Mutter und den Schwestern in Benin linderten die Sehnsucht. Und nachdem Prince da Silva seinen Aufenthaltstitel bekommen hatte, konnte er zum Jahreswechsel 2024 auch nach Benin reisen und die Familie besuchen. Die Freude in den Augen des Freundes in einem Videotelefonat mit den beiden Familien an Silvester wird Papy Tshimanga nie vergessen.

Wer war Prince da Silva? Wer war dieser junge Mann, der in so kurzer Zeit, so viel erreicht und die Herzen vieler Menschen bewegt hat? Man habe ihn als einen ganz, ganz besonderen jungen Mann schätzen gelernt, sagt eine Mitarbeiterin der Jugendhilfe bei der von Prince’ Kirchengemeinde organisierten Trauerfeier im Film- und Medienzentrum in Ludwigsburg. Einen jungen Mann, der positive Impulse gesetzt habe. „Er war für Jüngere in der Gruppe ein Vorbild – auch in dem, wie er nicht auf Konflikte einging.“

Prince da Silva war ehrgeizig

Die beiden Freunde haben viel Zeit miteinander verbracht – auch auf Spaziergängen. Foto: privat

Wobei er manchmal auch schwierig gewesen sei, erzählt sie und lächelt: „Weil er viel wollte und dann waren wir im Stress, weil wir nicht immer alles sofort erfüllen konnten“. Der 19-Jährige war ehrgeizig – das schwingt in den Erzählungen über den jungen Mann mit den Rastalocken immer mit. Ein Ehrgeiz, der zum Erfolg führte. „Er hat unglaublich viel erreicht in dieser sehr, sehr kurzen Zeit in Deutschland“, berichtet sie, während auf einer Leinwand Bilder aus der zweieinhalbjährigen Zeit, die Prince in einer Wohngruppe verbrachte, zu sehen sind.

Es sind Momentaufnahmen eines glücklichen Lebens. Prince mit anderen auf dem Minigolfplatz, Prince beim Grillen, Prince beim gemeinsamen Weihnachtsfest, Prince beim Rollschuhlaufen. Wenn es um Sport gegangen sei, sei er immer vorne mit dabei gewesen, erinnert sie sich.

Ein Zuhause in Korntal gefunden

Der 19-Jährige hat auch gern für seinen Freund gekocht. Foto: Papy Tshimanga

Neben dem Fußball spielte Musik eine große Rolle im Leben des 19-Jährigen. „Wir erinnern uns noch genau an den Tag, als wir dich das erste Mal in Korntal am Bouleplatz an der Musikschule sahen“, tragen Mutter und Tochter einer Korntaler Familie vor, in der Prince Halt fand. Die Musik, die der junge Fremde hörte, habe sie auf ihn aufmerksam werden lassen.

Seit diesem Tag im Oktober 2022 kreuzten sich die Wege der Familie und des Geflüchteten regelmäßig. Man habe wunderschöne Momente erlebt tragen die beiden in deutscher und französischer Sprache vor, damit auch die Familie in Benin die Worte versteht. Es wurden gemeinsam Weihnachtsplätzchen gebacken, es gab Spielabende und Princes 18. Geburtstag am 21. Dezember 2023 wurde im Kreis der Familie gefeiert. Ein Video zeigt, wie ein glücklicher volljähriger junger Mann die Kerzen auf einem Kuchen ausbläst.

Schwere Stunden in der Klinik

Prince mit einem Pokal – dieses Foto wies den Trauergästen den Weg im Film- und Medienzentrum. Foto: Karin Götz

Als die Bilder bei der Trauerfeier über die Leinwand flimmern, muss Papy Tshimanga immer wieder die Augen schließen. „Ich war beim Einkaufen als der Pastor mich anrief“, erinnert er sich an den 8. Februar. „Ich fuhr sofort in die Klinik, durfte aber nicht zu ihm, weil ich kein Familienmitglied war.“

Schließlich darf Papy Tshimanga doch zu seinem kleinen Bruder, der auf der Intensivstation im Koma liegt. Stundenlang sitzt er bei ihm, hält seine Hand, betet, redet mit ihm. „Ich habe ihm immer wieder gesagt, dass er kämpfen soll, dass er nicht hierher gehört.“ Am frühen Morgen geht der Ludwigsburger für ein paar Stunden nach Hause. Am nächsten Tag telefoniert er mit Prince’ Schwester. „Das war schwer“, sagt er und die Stimme bricht. Doch es wird noch schwerer, denn er verspricht der Familie, im Krankenhaus ein Videotelefonat zu machen.

In der Stunde des Todes war er nicht allein

Am Montagmorgen, gerade als er bei Prince zu Hause in Korntal ist, erreicht ihn der Anruf aus der Klinik, vor dem er so große Angst hatte. „Sie sagten, ich solle kommen. Er würde es nicht schaffen.“ Papy Tshimanga eilt nach Ludwigsburg begleitet von Prince Nachbarin, die ihn auch noch einmal sehen möchte. Doch als die beiden ankommen, ist sein Freund schon nicht mehr am Leben. Dafür haben sich viele Wegbegleiter versammelt, um sich zu verabschieden – von der Arbeit, vom TSV Benningen, von der Jugendhilfe. Der 19-Jährige war auf seinem letzten Weg nicht allein – für den Freund ein Trost.

„Nach seinem Tod ging es mir sehr schlecht“, erzählt Papy Tshimanga und kämpft mit den Tränen. „Wir wollten noch so viel zusammen erleben. Ein gemeinsamer Urlaub in Italien war Prince’ großer Traum.“ Ein Traum, der unerfüllt blieb.