Die Statue zeigt den letzten König Württembergs mit seinen Hunden. Diese nahm der Monarch vor seinem Sturz 1918 gerne auf Spaziergänge durch Stuttgart mit. Foto: /Max Kovalenko

Die ehemalige Leiterin der Stadtbibliothek Hannelore Jouly ist bei der Sendung „Stadtpalais Live“ zu Gast. Sie bringt eine überraschende Lösung für die Diskussion um den Standort der Wilhelmstatue ins Gespräch.

S-Mitte - Vielleicht war alles es ein Zufall oder ein kluger Schachzug Torben Gieses. Der Stadtmuseumsleiter lud die ehemalige Leiterin der Zentralbibliothek im Wilhelmspalais, Hannelore Jouly, zu der Sendung „Stadtpalais Live“ in das Museum an der Konrad-Adenauer-Straße. Jouly leitete die Stuttgarter Stadtbücherei von 1991 bis 2001.

Die 1941 in Berlin geborene Diplom-Bibliothekarin erlebte 1993 die Aufstellung der König-Wilhelm-Statue vor dem heutigen Stadtmuseum. Sie präsentierte in der Sendung einen überraschenden Vorschlag für die Lösung einer Kontroverse. In deren Mittelpunkt stand Torben Giese. Der Museumsleiter lehnte Ende vergangenen Jahres eine Rückverlegung der 2017 im Garten des Stadtpalais aufgestellten König-Wilhelm-Statue vor das Museum ab. Der Bezirksbeirat Mitte hatte dafür Ende 2019 plädiert. Giese erntete in der Öffentlichkeit dafür Kritik. Einige Stuttgarter warfen dem Museumsleiter vor, den Bürgerwillen zu missachten.

Jouly macht Vorschlag

Die frühere Leiterin der Stadtbibliothek, Hannelore Jouly, zeigte in der in Zeiten der Coronapandemie im Internet ausgestrahlten Diskussion nun eine Alternative zu der nur mit Ja oder Nein beantwortbaren Frage einer Rückverlegung des Denkmals auf. Am Ende des Beitrags platzte ihre Bombe und es bleibt das Geheimnis Gieses und Joulys, ob sie ihre Gesprächsführung auf die Überraschung hin miteinander im Vorfeld miteinander abgesprochen hatten.

Giese reagiert mit Freude

Giese kündigte eine Ausstellung über Württembergs letzten Herrscher für das kommende und hoffentlich coronafreie Jahr an. Der Museumsleiter wünschte sich dafür einen Rat von Jouly für den Umgang mit dem Gedenken an König Wilhelm II. Die frühere Bibliotheksleiterin regte ein „neues Zeichen“ vor dem Museum an, dass parallel zu der geplanten Ausstellung an unterschiedliche Facetten des Herrschers erinnern soll. Die jetzige Plastik sei ihr zufolge im Garten gut aufgehoben. „Er steht zwischen Rosen und das ist ein guter Platz“, meinte sie. Giese bedankte sich für ihr „wunderschönes Schlusswort“. Er ließ offen, ob das Museum den Ratschlag beherzigen werde.

Eine neue Idee ist nun aber in der Welt: Die von Giese als verklärend gewertete Statue verbleibt an ihrem Standort. Ein modernes Denkmal vor dem Museum könnte dafür ab 2021 an verschiedene Facetten des Monarchen erinnern.

Giese wendet sich gegen Verklärung

Jouly und Giese hatten in ihrer Diskussion Eckpunkte entwickelt, die Künstler bei einem Entwirf für eine neue Statue anleiten könnten. Sie waren sich einig, dass die von Herrmann-Christian Zimmerle geschaffene Plastik den Herrscher auf eine Rolle als jovialen Landesvater reduziere und damit Wesentliches verschweige. Sie zeigt König Wilhelm II. mit seinen beiden Spitzen. Der 1918 in der Novemberrevolution am Ende des Ersten Weltkriegs gestürzte Monarch war bekannt dafür, dass er gerne in Stuttgart mit seinen Hunden spazieren ging und sich unter sein Volk mischte. Für den Historiker Torben Giese steht fest, dass eine solche Darstellung verklärend ist, leitete Wilhelm II. als Herrscher doch eine Monarchie im Deutschen Kaiserreich.

Die frühere Leiterin der Stadtbibliothek stimmte ihm zu, dass die vielfach kolportierte Volksnähe die Bedeutung Wilhelm II nicht umfassend beschreibt. Sie spricht von „herzerwärmenden“, an anderer Stelle aber auch von „alten Geschichten“, auf die sich die Erinnerungskultur nicht beschränken sollte. Jouly hat anders als Giese keine Hemmungen, Wilhelm II. als liberal zu etikettieren.

Jouly nennt Wilhelm II liberal

Jouly verweist darauf, dass der Herrscher 1907 einen im ganzen Reich verfemten internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart genehmigte. Ebenso ermöglichte Wilhelm II. die Aufführung von Stücken des damals umstrittenen Frank Wedekinds, die in anderen Teilen des Reiches verpönt waren, meinte Jouly. „Er hat Zensur absolut abgelehnt“, sagt sie. Wilhelm II. verdiene es, als ein Vertreter des württembergischen Liberalismus gewürdigt zu werden, schlussfolgerte die ehemalige Leiterin der Stadtbibliothek.

Giese wollte diese Bewertung nicht ganz zu seiner eigenen machen und, wie er es ausdrückte, Wilhelm II. in einem Atemzug mit Friedrich Schiller nennen. Der Museumsleiter betonte aber mehrmals in der Sendung, für wie wichtig und dabei komplex auch er die Erinnerung an Wilhelm II. halte. „Dieses Denkmal blickt ein bisschen verklärend auf einen netten alten Herren und seine Bedeutung kommt zu kurz“, sagte er. Jouly und Giese waren sich einig, dass neue Formen nötig seien, um gerade bei jüngeren Generationen Interesse an Wilhelm II. zu wecken.

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