Die 95-jährige Doris Fels wuchs während der NS-Zeit auf. In der Hemminger Laurentiuskirche erzählt sie von ihrer Kindheit zwischen militärischem Drill und Luftangriffen.
Mit einer eindringlichen Mahnung beendet Doris Fels den Abend: „Ich habe Himmelangst, weil in Deutschland wieder die Rechten aufkommen. Deshalb hoffe ich aus ganzem Herzen, dass die Jugend es schafft, die Demokratie zu erhalten und dass die Umwelt nicht kaputt geht“, sagt die 95-jährige Hemmingerin vor mehr als 100 Zuhörerinnen und Zuhörern in der örtlichen Laurentiuskirche.
Unter dem Motto „Zukunft braucht Erinnerung“ haben Pfarrer Stefan Ziegler und die evangelische Kirchengemeinde die im hessischen Lollar geborene und aufgewachsene Doris Fels eingeladen. Nicht von ungefähr wird der Abend mit dem gemeinsam gesungenen „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht“ eingeleitet, dessen Text 1942 Schalom Ben-Chorin geschrieben hat.
„Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, schickt Doris Fels für das Schicksal ihre Familie ihren Erzählungen voraus. Es sind die Erzählungen eines deutschen Mädchens, das drei Jahre alt war, als Hitler an die Macht kam, neun als der Krieg begann und 15, als er endete. Die Zeiten seien düster und bedrückend gewesen – „die schlimmsten meines Lebens“, sagt sie.
Die Kindheit in dem bäuerlich geprägten Lollar, wo der Standort der Buderus-Werke mit den großen Gießereien war und wo man nicht sagte, „ich gehe arbeiten“, sondern „ich geh auf die Hütte“, sei unbeschwert gewesen. Der Vater war Feilenhauer und in der Werkstatt wurden die Kerben in die gesuchten Werkzeuge, noch wie Hunderte Jahre zuvor von Hand gehauen. Sie bescherten der Familie ein gutes Einkommen, das Leben war unbeschwert.
Uniform und Hitlertreue waren Pflicht
„Ernst und bedrohlich wurde es in der Schule“, erzählt Doris Fels. Die Mädchen mussten den nationalsozialistischen Organisationen Bund Deutscher Mädel (BDM) und die Jungs der Hitler-Jugend (HJ) beitreten. „Was erst spielerisch begonnen hat, wurde zum Drill und Erziehung zu blindem Gehorsam und Gefolgschaft. Wir mussten Hitlers Lebenslauf auswendig lernen.“ Bildung sei unwichtig gewesen, hauptsächlich sportlich sollte man sein, erinnert sich die Seniorin. Bis heute weiß sie: „Es hieß, wir müssen zäh wie Leder, hart wie Krupp-Stahl und schnell wie die Windhunde sein.“
„Wir mussten Hitlers Lebenslauf auswendig lernen“
Den Jugendlichen wurde eingebläut: „Ein deutsches Mädel trägt keine Ohrringe, sonst reißt sie dir die Gauführerin aus den Ohren.“ Uniformen waren Pflicht – schwarzer Rock, weiße Bluse und ein Halstuch bei den Mädchen und die HJ-Uniform bei den Jungen. „Ich erinnere mich noch, dass ein bekannter Tuchhändler aus Gießen zu einer Frau, die schwarzen Stoff für die Hose ihres Jungen kaufen wollte, gesagt hat, dass er für die Hitler-Jugend keinen Stoff verkaufen will.“ Der Mann sei dann später durch die Straßen geführt worden, um den Hals trug er ein Schild mit der Aufschrift „Volksverräter“. Aber irgendwie sei er wieder freigekommen.
Zum Volksfeind sei man rasch abgestempelt worden, erzählt die 95-Jährige und plötzlich schallen durch die stille Laurentiuskirche Klopfzeichen. Wie vier Paukenschläge – dreimal kurz, einmal lang – die Eröffnungstakte der Fünften Symphonie von Ludwig van Beethoven. „An dieses Erkennungssignal von BBC werde ich mich immer erinnern“, sagt Doris Fels.
Das Misstrauen der Deutschen gegenüber den Berichten des NS-Regimes wuchs im Verlauf des Krieges. „Die Amerikaner standen schon vor den Toren von Lollar, und aus der Goebbels-Schnauze, so nannte man das als Volksempfänger bekannte Radio, kamen Durchhalteparolen und Meldungen vom Endsieg und von Wunderwaffen.“
Dabei riskierten die BBC-Hörer ihr Leben, denn auf das Abhören des „Feindsenders“ stand die Todesstrafe. „Wir hatten ein Saba-Vorkriegsgerät aus dem Schwarzwald und jeden Tag wurde der Feindsender gehört.“ Ein Nachbar erzählte der Familie später, er habe durch die dünne Wand alles mitgehört. „Aber er hat uns nicht verraten – er war ein guter Mensch.“
Großmutter versteckte Tagebücher
Doris Fels sagte: „Niemand soll glauben, dass man im Dritten Reich nichts von dem Schicksal der Juden wusste, denn Hitler und Goebbels haben in ihren Reden immer unmissverständlich gedroht, sie werden die Volksfeinde vernichten.“ Als jüdische Bürger in einer Nachbarstraße auf Lkw geladen und forttransportiert wurden, habe sie ihre Großmutter gefragt: „Sie werden doch nur umgesiedelt?“ Worauf diese geantwortet habe: „Hoffentlich hast du Recht, Kind.“
„Niemand soll glauben, dass man vom Schicksal der Juden nichts wusste“
Diese Großmutter, eine einfache Frau, habe schnell erkannt, wes Geistes Kind der Führer ist, der versprochen habe, Deutschland wieder groß zu machen. „Solche Sprüche kommen heute erschreckenderweise aus Amerika“, ist die Seniorin besorgt. Im Keller des Wohnhauses in Lollar hat die Familie später Tagebücher und Aufzeichnungen der Großmutter gefunden. Es seien auch etliche Gedichte gegen die Nazis darin gewesen. Auf eines gegen Hitler könne sie sich noch erinnern: „Er hat viele friedliebende Völker überfallen. Gott, befrei die Welt von diesem schrecklichen Despoten!“
An der Konfirmation gibt es Kuchen und Luftangriffe
Doris Fels erinnert sich auch an die Lebensmittelkarten, die Verdunklung, die Angriffe der Jagdflieger auf Menschen, die auf dem Feld arbeiteten und den großen britischen Bombenangriff im Dezember 1944 auf Gießen, wo sie mit elf Jahren ins Gymnasium kam. Bei dem starben etwa 390 Menschen und die Altstadt wurde fast völlig zerstört.
An ihrem Konfirmationssonntag 1945 wurde auch Lollar aus der Luft angegriffen. „Die Kirche wurde verschont, aber drei Menschen starben im Ort.“ Zuhause habe die Mutter einen Kuchen gebacken und von einer Nachbarin habe sie ein Usambara-Veilchen geschenkt bekommen. Man habe sich immer gefragt, wieso die riesigen Buderus-Werke nie bombardiert wurden, sagt Doris Fels im Rückblick. „Es gab immer irgendwelche Gerüchte, von englischen Offizieren, die hier gearbeitet haben sollen, aber niemand wusste wirklich den Grund.“
Dann war der Krieg zu Ende. Doris Fels erzählt davon, wie vieles zwar besser, aber lang nicht gut wurde.
„Als die Spruchkammern eingerichtet wurden, gab es plötzlich nur noch Unschuldige“, sagt die 95-Jährige über die Zeit direkt nach Kriegsende. Die sogenannte „Entnazifizierung“ begann, und die Kammern sollten prüfen, welche Rolle die Menschen in Deutschland während der NS-Zeit gespielt hatten. Die Verfahren ähnelten denen eines Gerichts, allerdings fällten die Spruchkammern keine Strafurteile. Sie klassifizierten die Deutschen in Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Entlastete.
Ein Freund der Familie, der Jurist war, habe erzählt, dass kaum jemand Reue gezeigt habe, sondern alle sich darauf berufen hätten, nur Befehle ausgeführt zu haben. In den Jahren darauf sei nur noch der Wiederaufbau wichtig gewesen und über die Verbrechen, das Leid, die Not und das Elend in der Zeit des Dritten Reiches wurde fast nicht mehr gesprochen. Ihr Appell: „Aber heute, wo wieder Krieg ist und machthungrige Politiker die Welt bedrohen, muss immer wieder an diese dunkle Zeit in Deutschland erinnert werden, damit die Menschen daraus lernen.“