Das Werk des Bildhauers Jürgen Goertz, erinnert seit 2009 im ZfP in Winnenden an die Schicksale der Opfer des Nationalsozialismus (links). Dietmar Prexl, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten (rechts), hat einen neuen Gedenkort einrichten lassen. Foto: ZfP Winnenden, Diakonie Stetten

Das heutige ZfP Winnenden erinnert am 27. Januar an deportierte Patientinnen und Patienten während der NS-Zeit. Auch die Diakonie Stetten aktualisiert ihre Erinnerungskultur.

Es war ein Ort der Heilung. Und wurde zum Ort des Verrats. Schloss Winnental, heute Sitz des Zentrums für Psychiatrie Winnenden (Rems-Murr-Kreis), war einst eine Zuflucht für psychisch kranke Menschen – bis das NS-Regime auch hier seine tödliche Ideologie durchsetzte.

 

Am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, lädt das ZfP zur Erinnerung und zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Dort, wo einst Patienten deportiert wurden, entsteht ein Raum des Innehaltens. Kein Schlussstrich, sondern ein Doppelpunkt: Was lernen wir heute daraus?

Ausgrenzung beginnt mit Angst – und mit Sprache

Im Mittelpunkt steht der Vortrag „Aus Angst wird Ausgrenzung – aus Erinnerung Verantwortung“ von Dr. Andreas Raether, Chefarzt für Alterspsychiatrie und Mitglied des Klinischen Ethikkomitees. Darin geht es um die psychologischen Mechanismen, die hinter Diskriminierung und Entmenschlichung stehen. Angst, sagt Raether, sei ein Nährboden: für Vorurteile, für soziale Kälte – und letztlich für Verbrechen.

„Die Erinnerung an die NS-Zeit ist eine Mahnung, wachsam zu bleibem“, sagt Dr. Andreas Raether, Chefarzt für Alterspsychiatrie. Foto: ZfP/Werner Kissel.

Die Erinnerung an die NS-Zeit sei dabei mehr als ein historischer Rückblick. Sie sei eine Mahnung, wachsam zu bleiben. „Was damals geschah, war kein Zufall“, betont Raether. „Es war das Resultat einer Gesellschaft, die zuließ, dass Angst zu Ausgrenzung wurde – und Ausgrenzung zu Vernichtung.“

ZfP Winnenden: Teil einer tödlichen Maschinerie

Die Gedenkveranstaltung ist auch ein Bekenntnis zur eigenen Geschichte. Zwischen 1940 und 1941 wurden 396 Patienten der damaligen Heilanstalt Winnental, dem heutigen ZfP, nach Grafeneck und Hadamar deportiert – in den Tod. Ermordet, weil sie in den Augen der Nationalsozialisten „lebensunwert“ waren.

Wie das ZfP berichtet, gehörten psychisch Kranke und Menschen mit Behinderungen zu den ersten Opfern der NS-Ideologie. Unter dem zynischen Deckmantel der „ökonomischen Nützlichkeit“ wurden rund 300.000 von ihnen systematisch ermordet.

Mahnmal im Schlosspark: Ein Appell für Menschlichkeit

Seit 2009 erinnert ein Mahnmal des Bildhauers Jürgen Goertz im Schlosspark an die Opfer. In den Granit gemeißelt steht: „Zur Mahnung, die Würde des Menschen jederzeit zu respektieren.“

Begleitet wird die Gedenkveranstaltung von dem Musiktherapeuten Georg Hampel. Nach dem Vortrag folgt eine gemeinsame Kranzniederlegung im Schlosspark. Ein stilles, aber sprechendes Ritual. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht erforderlich.

Veranstaltung im ZfP Winnenden:

  • Datum: Dienstag, 27. Januar 2026
  • Uhrzeit: Beginn um 11 Uhr (Einlass ab 10:30 Uhr)
  • Ort: Andachtssaal im ZfP Schloss Winnenden, Schlossstraße 50, 71364 Winnenden
  • Vortrag: Dr. Andreas Raether („Aus Angst wird Ausgrenzung – aus Erinnerung Verantwortung“)
  • Im Anschluss: Kranzniederlegung am Mahnmal im Schlosspark
  • Eintritt: kostenlos, keine Anmeldung erforderlich

Widerstand durch Erinnerung: Schulen, Kunst, Engagement

Die Vergangenheit des Ortes wird seit Jahren öffentlich gemacht – durch Denkmäler, Ausstellungen, Schulprojekte. Besonders eindrucksvoll: 396 Wimpel einer Schulklasse der Geschwister-Scholl-Realschule erinnerten 2015 an die Namen der getöteten Patienten.

Damals stand ein Beton-Bus vor dem Haupteingang – ein Mahnmal in Form der grau lackierten Fahrzeuge, mit denen die „Gemeinnützige Kranken-Transport GmbH“ Menschen zur Vergasung nach Grafeneck brachte. Ein stummes Monument für einen unfassbaren Schrecken.

Kernen-Stetten: Tonfiguren erzählen vom stummen Leid

Auch die Diakonie Stetten öffnet am 27. Januar einen weiteren Raum der Erinnerung. Wie die Einrichtung, die sich um Menschen mit Handicap kümmert, mitteilt, wurde im Erdgeschoss des Wildermuthhauses – gegenüber dem bereits bestehenden „Stein des Gedenkens“ – ein neuer Gedenkort eingerichtet. Im Zentrum: Tonfiguren des Künstlers Jochen Meyder, die vor einer großformatigen Fototafel mit einem historischen Bild der Transportbusse stehen.

Der neue Gedenkort „ist ein weiterer Baustein in unserer Erinnerungskultur an diese grausame Zeit, die nicht in Vergessenheit geraten darf“, sagt Dietmar Prexl, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten. Foto: Gottfried Stoppel

406 Bewohner und Bewohnerinnen der damaligen Anstalt Stetten wurden in Bussen der Deutschen Reichspost in die Vernichtungslager Grafeneck und Hadamar deportiert. Die Anstalt selbst wurde zwangsweise geschlossen. Das Foto auf der Gedenktafel zeigt, wie ein Kind sowie weitere Bewohnerinnen zum Bus geführt werden. „Es wurde heimlich aus dem Verwaltergebäude aufgenommen“, sagt Andreas Stiene vom Historischen Archiv der Diakonie Stetten. „Die Fenster der Busse waren lackiert, damit niemand hineinsehen konnte.“

Handgefertigte Tonfiguren erinnern an 10.654 Opfer

Die Tonfiguren von Jochen Meyder symbolisieren die Opfer der sogenannten „Euthanasie“ – insgesamt 10.654 an der Zahl. Jede Figur wurde in Handarbeit gefertigt. Seit 2017 sind einige von ihnen Teil der Gedenkarbeit in Stetten. Jetzt haben sie einen würdigen Ort gefunden. Eine Erklärung in einfacher Sprache erläutert ihre Bedeutung. Ein QR-Code führt zu weiterführenden Informationen auf der Website der Diakonie Stetten.

Gedenkort der Diakonie Stetten:

  • Ort: Wildermuthhaus, Diakonie Stetten, Kernen-Stetten
  • Öffnungszeiten: täglich von 8 bis 18 Uhr
  • Zugang gegenüber dem „Stein des Gedenkens“
  • Eintritt frei, keine Anmeldung erforderlich

„Es war uns wichtig, dass jede und jeder diesen Ort versteht“, sagt Dietmar Prexl, der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Stetten. Der neue Gedenkort sei ein weiterer Baustein der gelebten Erinnerungskultur. „In aktuellen Debatten wird wieder gefragt, was Menschen mit Behinderung ‚kosten‘. Solche Stimmen vergiften – und zeigen, wie notwendig Erinnerung bleibt.“

Gedenken ist keine Pflichtübung – es ist Haltung

Diakonie und ZfP verstehen Erinnerung als aktive Aufgabe. Nicht als Pflichtprogramm, sondern als lebendige Auseinandersetzung. In einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt bröckelt und populistische Narrative wieder lauter werden, wird diese Haltung zur Notwendigkeit.

„Nie wieder“ ist keine historische Formel. Es ist ein Auftrag an jede Gegenwart – und jede Zukunft.