Erfolgreich in Stuttgart: Eric Gauthier Foto: dpa

2007 begann die Geschichte von Eric Gauthier am Stuttgarter Theaterhaus. Sein Erfolg ist inzwischen Inspiration für andere Städte.

Stuttgart - Um das Verhältnis der Stuttgarter zum Tanz besser zu verstehen, empfiehlt es sich, ins Jahr 2007 zurückzublicken. Damals im Oktober feierte das Stuttgarter Ballett den 80. Geburtstag seines Gründers John Cranko mit einer Festwoche. Bereits im Sommer machten die Festivalmacher unter dem Motto „Dance The Cranko“ der ganzen Stadt Beine; niemand war vor dem choreografischen Überfallkommando sicher. Und so kann man bis heute auf dem Videokanal Youtube bewundern, wie einstige Funktionsträger – vom OB Wolfgang Schuster bis zum VfB-Präsidenten Erwin Staudt – ein paar Tanzschritte wagten und fast ein bisschen erstaunt wirkten über die eigene Beweglichkeit.

Damals ist irgendwie das Eis gebrochen. Seither ist die Stadt in Bewegung, sind Dinge möglich, die es vorher nicht waren. Eine zweite Kompanie neben dem Stuttgarter Ballett, ein neues Festival? Warum nicht? Die Stadt, die die Biennale „Sprachen des Körpers“ weggespart, die dem Tanzrebellen Ismael Ivo 1996 den Laufpass gegeben hatte, obwohl er durch eine Kooperation mit Weimar für wenig Geld zu halten gewesen wäre, war nun bereit für mehr Tanz. So begann im Herbst 2007 die Erfolgsgeschichte von Gauthier Dance am Theaterhaus. So kam Stuttgart dank der Initiative von Eric Gauthier 2015 zum Festival „Colours“, das von diesem Donnerstag an seine zweite Auflage erlebt und für das bereits 88 Prozent der insgesamt verfügbaren 18 300 Tickets verkauft sind.

Stadt und Land fördern das Theaterhaus-Ensemble

Dass Eric Gauthier, damals noch Solist des Stuttgarter Balletts, den Song zum „Dance The Cranko“-Sommer beitrug, verwundert nicht. Mit der Gitarre in der Hand konnte er verfolgen, wie seine Melodie alle mobilisierte – und wurde dabei für die eigene Arbeit inspiriert. Unter dem Motto „Gauthier mobil“ bringen er und sein Ensemble seither Tanz zu Menschen, die, aus welchem Grund auch immer, nicht zum Tanz kommen können. Von sechs ist seine Kompanie auf heute 16 Tänzer angewachsen. In den vergangenen fünf Jahren hat sich auch die Zahl der Förderer von ­Gauthier Dance, die Friends und Best Friends, auf heute 450 nahezu verdoppelt. Mehr geworden sind ebenso die Auftritte von Gauthier Dance im Theaterhaus, die im vergangenen Jahr mit fünfzig und 32 679 Zuschauern einen Höchstwert erreichten; gleichbleibend hoch ist mit rund 95 Prozent die Auslastung der Kompanie. Die Stadt Stuttgart fördert das Theaterhaus-Tanzensemble, das auch vom Land unterstützt wird, mit jährlich 337 500 Euro. Andere Städte wie München nahmen die erfolgreiche Konstellation als Modell für ein eigenes Engagement.

Neben dem Schwergewicht Gauthier Dance hat es der Rest der freien Szene freilich nicht leicht. Mit rund 500 000 Euro im Jahr fördert die Stadt ihre Tanz- und Theaterproduktionen. Doch weil die freien Künstler keine eigene Spielstätte haben, verlangt ihnen jede Aufführung eine Extraportion Energie ab. Die Choreografinnen Nina Kurzeja und Christine Chu haben bereits aufgegeben. Nicki Liszta hat im Theater Rampe eine Heimat gefunden; diese neue Kooperation ermöglicht einen spannenden Dialog von Tanz und Theater.

Beispielhaft könnte auch die Nachbarschaft von Gauthier Dance und der freien Szene werden: In einem Ergänzungsbau fürs Theaterhaus sollen Proben- und Aufführungsräume nicht nur für Gauthier Dance, sondern auch für die freie Szene entstehen; laufen Architekturwettbewerb und Planungen wie von den Künstlern erhofft, dann wäre die Halle 2020 bespielbar. Dieser Bau könnte beispielhaft dafür werden, dass Stuttgart auch der Sprung von der Ballett- zur Tanzstadt gelingt.

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