Schon im Jahr 2001 wurde gegen die Sendemasten des Vatikan protestiert Foto: dpa

Gutachten sieht in Sendeanlage des Vatikans den Grund für Zunahme von Krebsfällen.

Cesano - Rund 60 Antennen von Radio Vatikan gibt es in den Dörfern rund um Rom. Jetzt kommt der Gutachter Andrea Micheli zu dem Schluss, dass der dadurch verursachte Elektrosmog für den Anstieg von Krebserkrankungen bei Kindern ist.

"Die jetzt vorliegende Untersuchung, die zwischen 2005 und 2010 von unabhängigen Experten erstellt wurde, bestätigt das, was wir seit über zehn Jahren zu beweisen versuchen", sagt Agnese Otgianu. "Meine Geschichte ist die vieler anderer Mütter hier in der Umgebung. Im Jahr 2000 habe ich mein Kind verloren." Die Zehnjährige sei an Blutkrebs gestorben. Agnese Otgianu ist verbittert, wenn sie über diesen Schicksalsschlag spricht. Doch sie kann kämpfen: Für die Bürgerinitiative "Kinder ohne Strahlen" ist sie seit Jahren im Einsatz.

Dass jetzt die von Gerichten in Auftrag gegebene Studie zu dem Schluss kommt, wonach ein Zusammenhang zwischen den elektromagnetischen Emissionen der Sendeanlagen von Radio Vatikan und den Krebserkrankungen ein Zusammenhang besteht, freut die Frau, auch wenn diese Nachricht ihr die Tochter nicht wieder zurückgibt. Jetzt könne endlich die Schuld von Radio Vatikan nachgewiesen werden.

Ave Maria aus dem EKG-Gerät

Die Verantwortlichen stehen wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht. Es ist ein Prozess, der dem Vatikan peinlich ist. Äußern will sich der Kirchenstaat dazu nicht. Es heißt nur: "Radio Vatikan befolgt seit 2001 in Sachen Sendestrahlen internationale und italienische Vorgaben". Agnese Otgianu und die anderen Bewohner in der Gemeinde Cesano bei Rom, wo sich Antennen von Radio Vatikan befinden, sehen das anders. Für sie stellt die riesige Sendeanlage in der Nähe ihrer Wohnhäuser, eine der größten weltweit, nach wie vor eine Gefahr für ihre Gesundheit dar.

Das aktuelle Programm von Radio Vatikan kann man in Cesano nicht nur im Radio hören. Immer wieder sind die Sendungen auch bei der Inbetriebnahme von Gegensprechanlagen in Häusern zu hören oder beim Einschalten von Haushaltsgeräten. Auch bei Antonio Santi, einem Arzt in Cesano, ist Radio Vatikan zu hören - unfreiwillig. "Wir hatten neulich einen Elektrosmog, der besonders gravierend war", erklärt der Arzt. "Wir konnten das Ave Maria aus unserem EKG-Apparat heraus hören."

Behörden haben Gefahr jahrelang verschwiegen

Zwischen den 1980er Jahren und 2003 starben im kleinen Cesano 19 Kinder an einer besonders aggressiven Form von Blutkrebs. Zahlreiche Strahlenexperten machten als Ursache dafür die Überschreitung der zulässigen Strahlengrenzwerte von Radio Vatikan verantwortlich. Der Sender legte seinerseits Expertisen vor, die das genaue Gegenteil nachzuweisen versuchten.

Augusto Rossi und Maria Angelone waren Anfang zu Beginn des Jahrzehnts die ersten Bürger von Cesano, die den Fall in die italienischen Medien brachten. Ihre Tochter Flavia war an Leukämie erkrankt. Von ihren Nachbarn erfuhren die Eltern, dass eine ähnliche Diagnose bei verschiedenen anderen Kindern in Cesano gestellt wurde. "Bei uns riefen Leute aus der Nachbarschaft an, um mir ihre Solidarität auszudrücken und mir von ihren Krankheitsfällen zu berichten", erzählt Maria Angelone. "Nachbarn, die ihre Geschwister, ihre Eltern oder Kinder verloren hatten."

Italiens Experten streiten sich über die Gefahr der Sendemasten

Nach der Erkrankung ihrer Tochter taten sich Maria und ihr Mann mit anderen betroffenen Bürgern zusammen. Man beauftragte Strahlenforscher mit der Erstellung von Gutachten. Diese fielen zu Ungunsten von Radio Vatikan aus. Schließlich schaltete sich die römische Staatsanwaltschaft ein. Das Ehepaar stellte eine umfangreiche Dokumentation zusammen - mit den Geschichten von Dutzenden von Leukämiefällen in Cesano. Diese Krankheit, so das Fazit sämtlicher Studien, taucht in Cesano im Vergleich zu anderen Orten in Italien überdurchschnittlich häufig auf.

Auch die Justiz scheint das so zu sehen. "In der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft findet sich auch die Aussage eines Verantwortlichen einer Militärschule hier bei uns in der Nähe", berichtet Augusto Rossi. "Der untersagte seinen Studenten den Aufenthalt auf der Dachterrasse, die sich in der Nähe des Sendemasts befindet." Solche Hinweise auf die Gefahr der Strahlen, klagt der Mann von Maria Angelone, seien von den Behörden jahrelang geheimgehalten worden.

Italiens Experten sind in ihrer Einschätzung der Gefahr, die von der Antennenanlage von Radio Vatikan für die Bevölkerung ausgeht, allerdings gespalten. Immer wieder wird das Thema diskutiert, aber auf einen gemeinsamen Nenner kommen die Fachleute nicht, auch nicht angesichts der neuesten Studie. Für Settimio Grimaldi, Strahlenschutzexperte des Nationalen Forschungsinstituts CNR in Rom, liegen die Dinge auf der Hand. "Wenn klar ist, dass eine elektromagnetische Strahlung das Wachstum menschlicher Zellen beeinflusst - und das ist im Fall von Cesano eindeutig der Fall - , dann haben wir es mit einer potenziellen Gefahr für die menschliche Gesundheit zu tun."

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