Tom Kussmann aus Großbettlingen hat in China ein Unternehmen gegründet. Mit 30 Jahren ist er Chef einer Firma, deren Geschäftsmodell in Deutschland nahezu unbekannt ist – obwohl es weltweit immer mehr Verbreitung findet.
Diese Geschichte beginnt mit einer Mail. Er stamme aus Großbettlingen, schreibt Tom Kussmann darin, einer kleinen Gemeinde aus dem Kreis Esslingen. In China habe er ein Unternehmen gegründet und wolle auch andere junge Menschen dazu motivieren, solch einen Schritt zu gehen. Ob das nicht Stoff für eine Geschichte sei?
Das ist es, zumal noch zwei interessante Aspekte hinzu kommen. Zum einen ist die Art der Firma, die Tom Kussmann betreibt, in Deutschland einer breiten Öffentlichkeit noch ziemlich unbekannt – ganz im Gegensatz zu internationalen Investoren. Zum anderen wirft die Geschichte ein Schlaglicht auf die oft beklagte deutsche Bürokratie und Bräsigkeit. Und schließlich entpuppt sich der junge Mann, der im Januar 30 geworden ist, als ausgesprochen sympathischer Zeitgenosse. Aber der Reihe nach.
In Asien herrscht ein anderer Zug
Dass Deutschland irgendwann ein wenig klein werden könnte für Tom Kussmann, das zeichnete sich schon ab, als er noch in Nürtingen auf dem Gymnasium war. Damals ging es für ein Jahr zum Austausch in die Vereinigten Staaten. Und an der Universität in Tübingen empfand der Wirtschaftsstudent die Lehre als etwas langweilig. Seit dem zweiten Semester hat Tom Kussmann Kurse in Chinesisch belegt, im fünften war er zum Praktikum in Hongkong und Shanghai. „Asien hat mich gepackt“, sagt er heute, „alles geht schneller, ist viel dynamischer, da ist ein anderer Zug.“
Neben dem Studium an der Fudan-Universität in Shanghai hat Tom Kussmann das gemacht, was man die Augen offenhalten nennt. Er hat Start-ups kommen und gehen sehen, Kontakte zu Expats – also im Ausland arbeitenden Unternehmensangehörigen – geknüpft, deren Sorgen und Nöte gehört und neben dem Studium in einer Unternehmensberatung gearbeitet.
Junge Uniabsolventen bekommen in China zum Teil das doppelte Gehalt wie in Deutschland, zumindest wenn sie von so renommierten Spitzeneinrichtungen wie Fudan kommen. Trotzdem kehrte Tom Kussmann zunächst nach Hause zurück – zu einem geregelten Job bei Porsche in Hemmingen. Für viele Menschen wäre das ein Traum gewesen, das weiß auch Tom Kussmann. „Ich habe aber gelernt, dass genau dies nicht das ist, was ich will“, sagt er heute und lächelt. Zu langsam, zu hierarchisch sei das alles gewesen, „und ich habe so viele Ideen“.
Firmengründung in zwei Tagen
Im April 2018 schlug Tom Kussmann wieder in Shanghai auf, im Juni gründete er zusammen mit Franzosen die Firma. Zwei Tage habe das gedauert, sagt Kussmann, der ein paar Jahre später eine Tochter des Unternehmens in Deutschland gründen sollte. „Da haben wir zehn Monate gebraucht, bis alle Papiere beieinander waren.“ „Employer of the Record“ nennt sich die Geschäftsidee, die aus den USA stammt, Horizons heißt das Unternehmen. Und so funktioniert das Ganze: Firmen, die in China tätig werden wollen, ohne dort gleich ein eigenes Tochterunternehmen zu gründen, sind die Kunden von Horizons. Horizons stellt die Mitarbeiter an, kümmert sich um deren Verträge, um Lohn und Urlaubsanspruch und um Steuern – tatsächlich arbeiten die Menschen aber für die Firma im Ausland.
China war der Beginn, inzwischen ist das Unternehmen in 75 Ländern aktiv. In Südafrika und Indien, in Spanien und Singapur. Und durch die Coronapandemie gab es noch einmal einen Schub nach vorne. Indische Softwareingenieure können in ihrer Heimat bleiben und dort für Unternehmen arbeiten, die in Hamburg oder Chicago ansässig sind – offiziell angestellt bei der Firma eines jungen Mannes, der aus Großbettlingen stammt. Knapp 2000 Mitarbeiter hat die Firma inzwischen für andere Unternehmen angestellt, mehr als 100 Menschen arbeiten direkt bei Horizons.
Investoren wittern ein Milliardengeschäft
Das Modell riecht nach Arbeitnehmerüberlassung, und die hat in Deutschland nicht den besten Ruf. Doch auch auf Nachfrage können die deutschen Gewerkschaftshauptquartiere von DGB und Verdi nichts Negatives sagen zu dieser Idee – sie ist in Berlin schlicht unbekannt. Internationale Investoren haben dieses Geschäftsmodell hingegen erkannt – es gehört zu den am schnellsten wachsenden Märkten weltweit. Der größte Wettbewerber auf diesem Gebiet komme aus den USA und sei etwa zwölf Milliarden Euro wert, ein anderer, ein in der Größe mit seiner Firma vergleichbares Unternehmen aus Großbritannien, sei gerade mit einem Wert von mehr als einer Milliarde Euro bewertet worden, sagt Tom Kussmann. Inzwischen sei man auch selbst mit Investoren im Gespräch, um weiteres Wachstum voranzutreiben. Auf einen „dreistelligen Millionenbetrag“ bewertet Kussmann sein Unternehmen, im ersten Halbjahr 2022 habe der Umsatz bei rund 50 Millionen gelegen.
Unterstützung für die heimischen Fußballer
Über Zahlen in dieser Größenordnung zu reden, bereitet Tom Kussmann sichtlich Unbehagen. Lieber erzählt er von der Zeit, als er mit seinem französischen Partner vor der Nudelküche in Shanghai die letzten Geldstücke zusammengelegt hat, um etwas Warmes in den Bauch zu bekommen. Darüber, wie in China und vielen anderen Teilen der Welt die Kommunikation mit den Behörden digital und per App funktioniert, während hierzulande dicke Briefumschläge mit Kopien auf dem Postweg versandt werden. Und darüber, dass er die Fußballer des TSuGV Großbettlingen in der nächsten Saison als Sponsor zumindest ein wenig unterstützen will.
Der Zukunft offen zugewandt
Dann lächelt Kussmann, der weltoffene junge Mann aus Großbettlingen, und erklärt, dass das Beste an alledem darin bestehe, wie viel er selbst gelernt habe, mit seinem Unternehmen, der praktischen Arbeit und all den internationalen Kontakten. „Auch wenn wir nächste Woche pleitegehen würden, dann wäre das nicht schlimm“, sagt er. Schließlich bliebe die Erfahrung, und die Chance auf etwas Neues gebe es immer. Eine ernsthafte Option ist das freilich nicht.