Vor zehn Jahren hat Fatma Sahin als Aushilfe in der Bäckerei im Asemwald angefangen. Heute leitet sie diese Filiale. Foto: Caroline Holowiecki

Fatma Sahin kam 2003 als Asylbewerberin ohne jegliche Deutschkenntnisse nach Stuttgart. Heute leitet sie die Bäckereifiliale im Asemwald. Ein schönes Beispiel für gelungene Integration.

Asemwald - Fatma Sahin hat fürs Interview eine rote Tasche mit Unterlagen gepackt. Ihre Deutsch-Zertifikate hat sie dabei, auch handschriftliche Notizen. Darunter: ein Zitat auf Türkisch. Erfolg braucht Mut, so übersetzt sie es nach kurzem Nachdenken ins Deutsche. „Das passt zu mir“, sagt sie, und ihre Augen zeigen, dass sie hinter ihrer Maske lächelt.

 

In der Tat, Fatma Sahins Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte. Sie begann vor 47 Jahren in einem Dorf im Süden der Türkei, in einer armen Gegend. Die Kurdin alevitischen Glaubens lebte dort mit ihrer Familie, als zweitältestes von sieben Kindern. „Mit 13 habe ich angefangen, in einer Textilfabrik zu arbeiten, deswegen konnte ich keine Schule machen. Zwölf Stunden am Tag – plus Samstag“, erzählt sie.

Aus politischen Gründen beantragte die Familie Asyl

Ende 2003 folgten sie und die fünfjährige Tochter mit einigen Monaten Abstand ihrem Mann nach Stuttgart. Die Familie beantragte aus politischen Gründen Asyl, lebte zunächst in einer Unterkunft. Nach fünf Jahren gab es dann endlich die erhoffte Aufenthaltsgenehmigung.

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An diesem Vormittag sitzt Fatma Sahin im Café der Bäckerei Veit im Asemwald. Unter ihrem schwarzen Haar glitzern Ohrstecker, an ihrem weißen Poloshirt prangt ihr Namensschild. Seit Oktober 2021 leitet Fatma Sahin diese Filiale. Während sie von ihrem Leben erzählt, wirbelt ihre Tochter hinter der Theke. Die junge Frau hat kürzlich ihr Eventmanagement-Studium beendet und jobbt in der Bäckerei, bis sie ihren neuen Job antreten kann. Auch ihr jüngerer Bruder hilft ab und an neben der Schule aus. „Eine nette Filialleiterin bin ich“, sagt die Mutter und kichert. Vor zehn Jahren hat sie selbst hier angefangen – als Aushilfe. Zuvor machte sie ihren Hauptschulabschluss. Mit 35. „Ich war die Älteste in der Klasse“, sagt sie. „Trotzdem habe ich mich gut gefühlt.“

In Stuttgart fühle sich die Familie wohl

Seit 2013 hat Fatma Sahin den deutschen Pass. Die Familie lebt in Steckfeld. Jeder im Asemwald kennt die fröhliche Frau hinter der Bäckereitheke. „Ich bin sehr froh, dass ich hier angefangen habe“, sagt sie. Nebenbei betreibt sie ein Taxiunternehmen. Fast ein Jahr habe sie für die IHK-Prüfung gelernt. In Stuttgart fühle sich die Familie wohl.

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Dennoch erinnert sich Fatma Sahin auch an schwere Zeiten. Die größten Probleme habe die Sprache verursacht. „Damals konnte man keine Deutschkurse machen, der Staat hat das nicht übernommen“, sagt sie. In den ersten Jahren ereilte die Familie zudem ein Schicksalsschlag: Fatma Sahins Mann wurde schwer krank. Heute ist er deswegen Frührentner. „Beim Arzt haben wir nichts verstanden. Wir haben immer einfach ja gesagt“, erzählt sie. Bis sie über eine Stiftung einen Platz in einem Kurs erhalten habe, habe sie sich vieles selbst beigebracht. „Deutsch ist eine sehr schwierige Sprache. Aber wenn man will, geht es.“

Man muss sich integrieren, findet sie

Für die eigene Integration muss man etwas tun, betont Fatma Sahin. „Wo man lebt, muss man sich integrieren“, findet sie. Familien in ähnlichen Situationen habe sie oft beraten, etwa in der Zeit, als sie beim Verein ADGW, der in Stuttgart Flüchtlinge betreut, als Übersetzerin tätig gewesen sei. „Ich habe immer meine Geschichte erzählt. Manche haben es mir gar nicht geglaubt.“

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Fatma Sahin hat noch ein zweites Zitat parat. Das übersetzt sie aus dem Türkischen so: Es gibt kein Alter zum Träumen. Die einstige Asylbewerberin sitzt im Café der Bäckerei, die sie seit einigen Monaten leitet, und sagt: „Ich bin am richtigen Platz.“