Christopher Dilger (17) vom Gymnasium Rutesheim wird für seine Arbeit über die Waldenser in Perouse ausgezeichnet. Er zeigt, wie ihre Integration einst gelang – ein Vorbild für heute.
„Es war etwas erschreckend, wie viele Parallelen ich zwischen den Waldensern und der heutigen Zeit festgestellt habe.“ Christopher Dilger ist immer noch über die Ergebnisse seiner eigenen Recherchen erstaunt. Der Schüler des Rutesheimer Gymnasiums hat eine Arbeit zu den Waldensern verfasst – eine Glaubensgemeinschaft, die im 17. Jahrhundert Zuflucht auch in Perouse gefunden hatte. Der Aufwand des 17-Jährigen hat sich gelohnt: Beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier hat er jetzt den zweiten Preis auf Bundesebene gewonnen.
Als die Pädagogin Stefanie Neidhardt ihm die Teilnahme am Wettbewerb vorgeschlagen hatte, war Christopher Dilger begeistert: „Das hat mich total angesprochen, weil Geschichte mein Lieblingsfach ist.“ Das Thema der Waldenser aus dem späten 17. Jahrhundert stand zwar im Gegensatz zu seinem eigentlichen Interessengebiet, der Neuzeit. Doch im Gespräch mit seinen Eltern erfuhr der junge Heimsheimer mehr über die Glaubensvertriebenen – und fand ihre Geschichte so spannend, dass er direkt mit der Recherche begann.
Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten: Thema Grenzen in der Geschichte
Sechs Monate lang, vom vergangenen September bis diesen Februar, hatten der Rutesheimer Schüler und seine 6720 Konkurrenten aus ganz Deutschland Zeit für die Erstellung einer historischen Forschungsarbeit. Thema des Wettbewerbs waren Grenzen in der Geschichte, mit dem Ziel, sich mit lokaler Historie auseinanderzusetzen. Daher kam der Hinweis seiner Eltern zu den Waldensern von Perouse wie gerufen. An ihrem Beispiel hat der 17-Jährige untersucht, inwiefern Privilegien Grenzen schaffen, aber auch Konflikte lösen.
Doch wie forscht man zu einem Ereignis, das fast 350 Jahre zurück liegt? „Ich habe damit angefangen, mich mit Leuten vor Ort auszutauschen, die sich mit Heimatgeschichte auskennen. Das hat mir am meisten geholfen und hat sich auch durch die komplette Arbeitsphase gezogen“, erzählt Christopher Dilger . Unter anderem mit der Präsidentin der Deutschen Waldenservereinigung, Karina Beck aus Gerlingen, führte er Interviews. Außerdem las er viel Fachliteratur und beschaffte sich Ortschroniken.
Exil bei Heimsheim: Waldenser von Perouse waren Glaubensflüchtlinge
1699 kamen die Waldenser, die in ihrer italienischen Heimat verfolgt wurden, in Schwaben an und wurden bei Heimsheim ansässig. Bei seiner Recherche fand Christopher Dilger heraus, dass die 242 Waldenser bei ihrer Ankunft und in den Jahren danach von den nur rund 100 Heimsheimern mit großem Argwohn betrachtet wurden. Der württembergische Herzog Eberhard Ludwig hingegen erhoffte sich von der Ansiedlung der Waldenser einen Wirtschaftsaufschwung.
In der Folge bekamen die Glaubensflüchtlinge verschiedene Privilegien, um ihnen das Ankommen zu erleichtern. So erhielten sie Steuernachlässe, Religionsfreiheit oder das Recht, selbst über neue Dorfbewohner zu entscheiden. Wie Dilger den Überlieferungen entnahm, führten diese Sonderrechte jedoch zu Neid und Misstrauen bei manchem alteingesessenen Heimsheimer Bürger.
Der Rutesheimer Schüler forscht und lernt viel über Integration
Den Schüler wundert das nicht, obwohl er die Privilegien grundsätzlich als essenziell für die Lebensgrundlage der Waldenser erachtet. „Man muss einfach Verständnis für beide Seiten haben“, sagt er. Denn auch den Heimsheimern sei es rund fünfzig Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs nicht besonders gut gegangen. Kroatische Truppen hatten das Dorf niedergebrannt, entsprechend schlecht war die wirtschaftliche Lage.
Dennoch klappte die Annäherung mit der Zeit, wie Dilger herausfand – dank Integrationsbemühungen und der wirtschaftlichen Entspannung, zu der die Waldenser beitrugen. „Ich finde es ein ermutigendes Beispiel, wie die Heimsheimer es geschafft haben, trotz Differenzen und kulturellen Unterschieden die Waldenser anzunehmen“, erzählt der Zwölftklässler. Positiv aufgefallen ist ihm, dass die Leute aus Heimsheim den „Neuen“ sogar Brennholz abgaben, damals ein hohes Gut. „Man kann von dieser Geschichte die Idee von Integration lernen, und wie andere Kulturen hier bei uns aufgenommen werden.“
Preis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten als Türöffner in die Berufswelt?
Seine Forschungsergebnisse hat Dilger in einer vollständig selbst gestalteten Zeitschrift festgehalten – inspiriert von seinem Lieblingsmagazin „GEO Epoche“. Schulalltag und historische Forschung: Das war ganz schön aufwendig. Doch es hat sich für ihn gelohnt. Dilger hofft, dass ihm der renommierte Preis als Türöffner in die Berufswelt dient. Denn sein Ziel ist es, Geschichte zu studieren.
Schon jetzt steht der 17-Jährige im Austausch mit Lehrkräften und Universitätsvertretern und sammelt praktische Erfahrungen im historischen Umfeld – etwa im Landtag, in einer Bücherei und möglicherweise bald auch in einem Archiv. Ein großer Traum wäre für ihn zudem der Erhalt eines Stipendiums: Durch den Preis hat er sich bereits für eine Sonderauswahl der Studienstiftung qualifiziert.