Personen sollen durch das neue entwickelte Fernlicht nicht geblendet werden Foto: OSRAM Licht AG

Sechs Partner haben unter der Projektführung des Lichtherstellers Osram ein Fernlichtsystem für Kraftfahrzeuge entwickelt, das die Sicht von Autofahrern deutlich verbessern soll ohne den Gegenverkehr zu blenden.

München - Es hört an sich wie der wahnwitzige Aufruf zum schweren Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung. „Sie brauchen auf der Landstraße nie mehr abblenden“, sagt Stefan Kampmann und schmunzelt. Er ist kein Verkehrsrüpel sondern der Technikvorstand des Münchner Lichtkonzerns Osram. Und das Abblenden bei Gegenverkehr will der Manager abschaffen, weil eine technische Revolution das gefahrlos erlaubt. An eine solche glauben die Schöpfer des intelligenten Autolichts der Zukunft fest. Nach dreieinhalbjähriger Entwicklungszeit demonstrieren sie es in einer Münchner Tiefgarage an einer Mercedes E-Klasse erstmals halböffentlich. Auf den ersten Blick sieht der Wagen normal aus. Das ändert sich schlagartig, wenn die Scheinwerfer eingeschaltet werden und beliebig veränderbare Lichtbilder auf Boden und Wand werfen. Jeder Lichtkonfiguration gemeinsam ist, dass es irgendwo schwarze Flecken etwa von der Größe eines menschlichen Kopfes gibt.

Die intelligenteste Autolichtgeneration

„Das ist die Königsdisziplin, das Aussparen von Licht“, erklärt ein Techniker. Denn das neu erfundene Autolicht ist so intelligent wie noch keine Generation vor ihm. Es leuchtet alles im Blickfeld eines Fahrers aus, nur eben nicht die Köpfe von Insassen entgegenkommender Fahrzeuge oder von Passanten auf der Straße. Denn niemand soll geblendet werden. „Teilfernlicht ist die wichtigste Lichtinnovation der letzten Jahre“, erklärt Jörg Moisel. Er ist Leiter der Lichttechnik im Stuttgarter Daimler-Konzern, einem der Miterfinder. Heute erlaube es die Technik nur, die eigene Fahrbahn mit Fernlicht zu beleuchten. Die Spur entgegenkommender Fahrzeuge dagegen bleibe komplett abgeblendet, was nachts die Sicht erheblich einschränkt. „Da bleiben schwarze Löcher“, so Moisel. Das soll sich aber durch intelligente Scheinwerfer bald ändern. 2020 sollen sie in der demonstrierten Form auf die Straße kommen, schätzen dessen Entwickler einmütig. Das sind neben Osram und Daimler als zweites Dax-Unternehmen der Chipkonzern Infineon, der Münchner Schweinwerferhersteller Hella sowie zwei Fraunhofer-Institute.

Projekt wurde vom Bundesforschungsministerium unterstützt

Unterstützt vom Bundesforschungsministerium ist es diesem exklusiv deutschen Hightech-Verbund gelungen, Autolicht in eine neue Dimension zu bringen. Der heute beste Autoscheinwerfer, den Mercedes seit einem halben Jahr in der E-Klasse einsetzt, strahlt mit der Präzision von 84 Leuchtdioden (LED), erklärt Moisel. Die Erfindung der sechs Forschungspartner arbeitet mit über 3000 Lichtpixeln, die zudem alle einzeln ansteuer- und stufenlos dimmbar sind. Das signalisiert in der Tat einen Quantensprung. „Es wie der Wechsel von der VHS-Videokassette zur DVD“, veranschaulicht Kampmann. Intelligent wird das Licht der Zukunft im Zusammenspiel mit Kameras und Software. Die sagen dem Computer im Scheinwerfer, welches Lichtbild er in der aktuellen Fahrsituation gerade werfen muss, um dem Fahrer nachts optimale Sicht zu verschaffen aber gleichzeitig niemand zu blenden.

Kampmann weiß von keinem Wettbewerber, der an Vergleichbarem arbeitet weder in den USA noch in Japan, wo die schärfste Konkurrenz sitzt. Die deutschen Forschungspartner räumen freimütig ein, dass es keiner von ihnen im Alleingang geschafft hätte. „Es war ein Risiko und ob was daraus wird, konnte anfangs niemand sagen“, stellt Gesamtprojektleiter Stefan Grötsch von Osram klar. Nun ist sich das Sextett aber sicher, alle Hürden überwunden zu haben, die einer Serienproduktion binnen drei bis vier Jahren im Wege stehen könnten. Das Autolicht der Zukunft soll allen Herstellern angeboten werden. „Wir wollen keine Exklusivität, aber wir wollen die ersten sein“, sagt Moisel. Durch die Kooperation am Projekt habe sich Mercedes gegenüber Premiumrivalen einen Entwicklungsvorsprung von rund einem Jahr verschafft. Ziel der Entwicklung sei es gewesen, die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen, betonen die sechs am Projekt beteiligten Partner.

Die Hälfte der tödlichen Unfälle passieren nachts

„Die Hälfte aller tödlichen Unfälle gibt es nachts, obwohl dann nur ein Viertel aller Fahrstrecken zurückgelegt werden“, erklärt Kampmann. Ein Hauptgrund dafür sei schlechte Sicht. Die werde mit der Erfindung deutlich aufgehellt. In Serie dürfen die neuen Scheinwerfer dennoch nicht teuerer sein als heutige Modelle, die viel weniger können, stellt Moisel klar.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: