Die Beimers zu ihren Anfängen (v. li.): Vater Hans (Joachim Hermann Luger), Tochter Marion (Ina Bleiweiß), Sohn Benny (Christian Kahrmann), Mutter Helga (Marie-Luise Marjan) und Sohn Klausi (Moritz A. Sachs) und Foto:  

Am Sonntag feiert die „Lindenstraße“ ihr 30-jähriges Jubiläum mit einer Live-Episode. Hans W. Geißendörfer spricht über die Serie als Spiegel der Republik und Pläne für die Zukunft.

Sie läuft und läuft und läuft: Am 8. Dezember 1985 wurde die erste Folge der „ Lindenstraße“ ausgestrahlt. Geht es nach dem Erfinder der Seifenoper, könnte das ewig so weitergehen.
Herr Geißendörfer, die „Lindenstraße“ wird 30  Jahre alt. Erklären Sie mal, warum man sich die Serie auch heute noch anschauen soll.
Anordnen will ich das ja gar nicht. Aber ich freue mich, wenn die Leute gucken. Und wenn ich Gelegenheit habe, die Zuschauer selber zu fragen, warum sie einschalten, kriege ich meistens die Antwort: Weil die „Lindenstraße“ authentisch Schicksale und Geschichten aus diesem Land erzählt, wie man sie selber schon erlebt hat oder von Bekannten kennt. Ich glaube, die „Lindenstraße“ ist die einzige Serie, die sich um die Ereignisse in diesem Land kümmert.
Ist die „Lindenstraße“ typisch deutsch?
Ja, sie ist typisch deutsch und wäre sicherlich interessant für Ausländer, die das Land kennenlernen wollen, weil sie sich mit Deutschland beschäftigt. Schauen Sie sich Hauptfiguren wie Frau Beimer oder Klausi an – jede Figur hat ihre Wurzeln in unseren Werten. Was konkret ist das typisch Deutsche? Vielleicht die Ernsthaftigkeit und der Versuch, glaubwürdige Geschichten zu erzählen, und diesen Realitätsbezug wichtiger zu nehmen als den Thrill des Fiktiven.
Welche gesellschaftlich relevanten Themen kommen denn als Nächstes dran?
Das darf ich nicht so genau sagen. Aber grundsätzlich können Sie sich darauf verlassen, dass es immer um die Themen geht, die uns gerade bewegen. Wenn unsere Republik sich verändert, dann ist das auch in der „Lindenstraße“ ein Thema. Es ist vollkommen klar, dass die Serie sich mit den Flüchtlingen beschäftigen muss, mit der Problematik, aber auch mit der großen Bereicherung für die deutsche Gesellschaft. Ansonsten gibt es natürlich immer das, was menschlich ist: Liebe, Tod und Vollmondnächte.
Die Jubiläumsfolge wird live gesendet, sogar die Musik wird live gespielt . . .
Die Musik werde ich selber mitgestalten, in der Titelmelodie ist ja eine Mundharmonika dabei, und ich kann das ganz gut. Über sein Zweitgerät, etwa Handy oder Laptop, kann der Zuschauer gleichzeitig hinter die Kulissen gucken und beobachten, wie die Schauspieler sich bereitstellen und das alles.
Besteht nicht das Risiko, dass bei einer Livesendung etwas schiefgeht?
Ja klar, das ist nicht auszuschließen. Wir freuen uns alle sehr darauf, sind aber auch wahnsinnig gespannt, ob wir das überhaupt hinkriegen. Ich hoffe auf jeden Fall, dass nix passiert, nicht irgendwo ein Scheinwerfer auf die Bühne fällt oder so etwas. Wir proben natürlich, aber es wird keine Aufzeichnung geben, die ersatzweise eingespielt werden kann – wenn schon live, dann mit allem Risiko.
Es soll in der Jubiläumsfolge einen Toten geben. Wird es eine wichtige Person sein?
Alle Personen sind wichtig in der „Lindenstraße“. Das muss ich jetzt als Produzent so sagen (lacht).
Aber Klausi Beimer, der seit der ersten Folge dabei ist, wird ja wohl nicht gerade abtreten. Dem Schauspieler Moritz A. Sachs, der damals gerade mal sieben Jahre alt war, widmen Sie zum Jubiläum sogar ein Porträt, das an diesem Sonntag auf Einsfestival läuft . . .
Es ist nichts ausgeschlossen, aber das Por­trät ist auf jeden Fall sehr spannend. Ich habe mich mit ihm 16 Stunden ins Studio gesetzt, mit einer Flasche Wein, und wir haben einfach drauflos geplaudert. Er hat deutlich und bildhaft berichtet, was mit einem Menschen passiert, der über 30 Jahre lang ein zweites Leben hat. Wer beeinflusst wen? Ist die Kunstfigur des Klaus Beimer stark in seine Entwicklung eingedrungen, ist Moritz Sachs Klaus Beimer geworden? Das ist sehr spannend und für uns in Deutschland eine einmalige Studie, weil wir solche Langzeitserien bislang nicht hatten.
Was waren in Ihren Augen denn die Höhepunkte in den vergangenen 30 Jahren?
Oh mein Gott. Das soll nicht kokett sein, aber es gibt für mich nicht das eine Highlight oder fünf Momente, die mich am meisten bewegt haben. Das eigentliche Highlight ist doch, dass der Sender uns immer noch sendet und dass die Zuschauer uns immer noch wollen.
Wie lange geben Sie der „Lindenstraße“ noch?
Wir haben immer Verträge von zwei oder drei Jahren, aktuell verhandeln wir wieder. Natürlich gibt es bei Verhandlungen immer wieder Diskussionspunkte, nicht zuletzt die Finanzierung. Aber ich denke doch, dass wir die nächsten 30 Jahre noch weitersenden.
Schauen Sie sich eigentlich auch andere Serien an?
Ehrlich gesagt nein – das machen teilweise meine Autoren für mich. Ich habe Angst, meine Spontaneität zu verlieren. Es heißt ja schließlich: „Eine Serie von Hans W. Geißendörfer“, und die ist nicht zusammengeklaut aus anderen Versatzstücken.
Erwartet der Sender denn von Ihnen, dass die „Lindenstraße“ flotter wird und sich dabei an modernen Serienformaten orientiert?
Bisher nicht so richtig. Wir sind aber gerade mitten in einem Prozess, wo bestimmte Dinge verjüngt werden, vor allem in der Ausstattung. Es ist mir leider entgangen, dass es den alten Supermarkt in der „Lindenstraße“ so in keiner deutschen Stadt mehr geben würde. Wir haben ihn deshalb jetzt modernisiert. Die „Lindenstraße“ soll ja nicht nur im Inhalt aktuell sein, sondern auch im Zeitgeist, in der Mode oder etwa in der Möbeleinrichtung. Ein Sofa in der „Lindenstraße“ soll so aussehen wie das, das viele Zuschauer auch benutzen, also zum Beispiel wie von Ikea – und sicherlich kein Biedermeier.
Ihre Kindheit in einem Mehrfamilienhaus diente Ihnen neben der britischen Serie „Coronation­ Street“ als Inspiration. Welche persönlichen Details sind konkret in die „Lindenstraße­“ eingeflossen?
Ich bin in einem ähnlichen Mietshaus aufgewachsen, mit ziemlich genauso vielen Familien wie jetzt in der „Lindenstraße“. Das prägt und war Vorbild. Man wusste, wenn die Leute in der Wohnung obendrüber Streit hatten, und hat sich zu Weihnachten besucht. Das Treppenhaus als Kommunikationsstelle, das Miterleben des Schicksals des anderen – ich vermute, in vielen Mietshäusern ist das heute nicht mehr so. Insofern ist die „Lindenstraße“ ein Stück weit Fiktion.

Jubiläumsausgabe der „Lindenstraße“, ARD, Sonntag, 18.50 Uhr live