Das Schlimmste an der Schule sind die Eltern. Stimmt dieser gängige Spruch? Eine Grundschullehrerin und eine Elternbeirätin erzählen von nächtlichen Telefonaten, übergriffigen Whatsapp-Chats und folgenreichen Elternsprecherwahlen.
Um 22 Uhr klingelt bei Kerstin Ottmar das Telefon. „Mein Kind kann nicht schlafen! Er hatte Ärger mit einem Jungen aus einer anderen Klasse“, berichtet eine aufgeregte Mutter der Grundschullehrerin. Kerstin Ottmar ist perplex. Sie unterrichtet seit mehr als 20 Jahren in Stuttgart-Untertürkheim, doch das hat sie noch nie erlebt. Trotzdem bleibt sie ruhig und antwortet in ihrer unaufgeregten Art: „Ich kläre das morgen mit den Kindern in der Schule.“ Am nächsten Tag entpuppt sich die vermeintliche Bedrohung als harmlose Schubserei.
„Dass Eltern einen nachts wegen so etwas noch anrufen, das hätte es vor zehn Jahren nicht gegeben!“, sagt Ottmar. Ihre Privatnummer hat sie Eltern schon immer gegeben – auch vor Corona. „Früher war die Distanz zu den Lehrern größer“, beobachtet die Pädagogin. Heute sei das anders, weil Kinder früher betreut würden. „Die Erzieherinnen tauschen sich sehr eng und regelmäßig mit den Eltern aus, weil die Kinder ja noch sehr klein sind. Die Eltern denken, dass das in der Schule genauso intensiv weitergeht.“
Eltern kommen auch mit Eheproblemen in die Sprechstunde.
Von Grundschullehrerinnen wollen Eltern heute nicht nur etwas über die Lernentwicklung ihres Kindes erfahren, sie erhoffen sich auch Lebens- und Erziehungshilfe. „Manche kommen mit ihren Eheproblemen zu mir“, erzählt Ottmar. Da Wartezeiten für einen Termin im Sozialpädiatrischen Zentrum lang sind, suchen Eltern auch wegen Entwicklungsverzögerungen ihren Rat.
Alles sofort regeln, lautet der Anspruch
„Eltern arbeiten heute mehr als früher und verbringen so weniger Zeit mit ihren Kindern“, benennt Ottmar den entscheidenden Unterschied zwischen der heutigen und früheren Elterngenerationen. Dass sie vielen Erstklässlern noch die Schuhe binden muss, belächelt die Lehrerin. Trauriger findet sie es, dass Eltern auch nach der Arbeit oft noch gestresst sind, ständig ihr Handy checken und die Kinder lautstark um Aufmerksamkeit betteln müssen. „Wenn ich bei Fragen im Unterricht nicht sofort zur Stelle bin, rufen manche Kinder ständig: ,Frau Ottmar!’. Sie sind gewöhnt, dass sie schreien müssen, bis jemand reagiert.“
Bitte rufen sie sofort zurück!
Ständig erreichbar zu sein und den damit verbundenen Anspruch, immer alles sofort regeln zu können, bemerkt Kerstin Ottmar auch in ihrem Posteingang. Da gehen viele Mails ein mit der Bitte um dringenden Rückruf. Meldet sich die Lehrerin dann sofort, geht es oft um Lappalien: Hausaufgaben, die ein Kind nicht geschafft hat, oder ein Schimpfwort, das gefallen ist. „Einmal wollte mir eine Mutter auch unbedingt erklären, dass ihr Kind die Wörter nur aus Versehen falsch geschrieben hat.“ Die vermeintlichen Dringlichkeitsanfragen erklärt sie so: „Einige Eltern entwickeln, wenn das Kind eigentlich ins Bett gehen soll, noch eine übertriebene Fürsorge, weil sie erst abends die Gelegenheit haben, ihrem Kind zuzuhören.“
Die zunehmende Berufstätigkeit beider Elternteile, wirkt sich auch auf die Themen aus, mit denen es Tabea Lunghamer als Elternvertreterin zu tun bekommt. Die 41-Jährige aus Eppingen hat drei Kinder, 14, 12 und 8 Jahre alt. Seit 2016 fungiert sie als Elternsprecherin und sitzt im Landeselternbeirat. Früher habe sie sich um Organisatorisches gekümmert, um Schulfeste oder die Einschulungsfeiern. Heute habe sich das „stark verändert“, sie vermittle jetzt viel mehr zwischen Eltern und Schule. „Spätestens seit Corona ist das wirklich explodiert“, sagt Lunghamer. Angesichts des Personalmangels und der krankheitsbedingten Ausfälle würden sich die Eltern Sorgen über die Qualität der Ganztagsschule machen. „Sie wollen nicht, dass ihre Kinder nur irgendwie betreut werden, sondern dass sie auch gut Wissen vermittelt bekommen.“
Selbst in die Schule zu laufen, ist wichtig für das Selbstbewusstsein.
Viele Eltern verbringen weniger Zeit mit ihren Kindern, entwickeln aber parallel dazu eine zunehmende Überfürsorglichkeit – das betrifft nach Ottmars Erfahrung nicht nur Akademiker. „Stopp! Liebe Eltern, ab hier kann ich allein gehen“, ist das Schild, das Besuchern an Ottmars Arbeitsplatz überall begegnet – vor der Turnhalle, vor dem Neubau, vor dem Altbau. Eltern, die Kindern den Ranzen an den Platz tragen wollen und sie mit dem Auto vor die Schule fahren, diese Themen sind Dauerbrenner auf jedem Elternabend. Wer seine Kinder in die Schule fahre, müssen nicht so früh aufstehen, erklärt Ottmar das Phänomen Elterntaxi. Viele Familien seien morgens knapp dran, weil es abends immer später werde.
Viele fürchteten aber auch einfach, dass ihrem Kind auf dem Schulweg etwas passieren könnte. Dabei sei es so wichtig für das Selbstbewusstsein der Kinder, dass sie es schaffen, selbst in der Schule anzukommen, erklärt Ottmar. „Das oberste Ziel der Erziehung ist die Selbstständigkeit“, sagt sie „das ist vielen Eltern heute nicht mehr bewusst.“ Schule sei eigentlich Kindersache. Doch inzwischen verwende sie viel Zeit darauf, Eltern zu betreuen. „Ich fände es eigentlich viel schöner, wenn ich jede Woche eine Kindersprechstunde anbieten könnte, als mich darum zu kümmern, aufgeregte Eltern wieder einzufangen“, sagt Ottmar.
Von Überfürsorglichkeit und großen Emotionen kann auch die Elternvertreterin Tabea Lunghamer berichten. Immer wieder hat sie das in den Whatsapp-Klassengruppen erlebt, die heute zum Schulalltag gehören. „Darin machen sich die Eltern teilweise wirklich verrückt!“, sagt sie. Der Klassenchat sei zu einem sozialen Netzwerk geworden, in dem Eltern, statt sachlicher Infos häufig ihre Sorgen und Gedanken teilen: „Mein Kind hat erzählt, dass es heute Streit gab, was erzählen eure?“ Häufig werde Whatsapp auch genutzt, um die Hausaufgaben zu kontrollieren: „Was haben wir heute in Mathe auf? Haben Eure Kinder Aufgabe 3 verstanden?“ Lehrerinnen wie Kerstin Ottmar ist das ein Graus. Mama besorgt alle Infos zu den Hausaufgaben, warum sollten sich die Kinder die Hausaufgaben dann gründlich aufschreiben oder sich anstrengen, sie zu machen?
Freiwilliges Zurück zum E-Mail-Verteiler
Eine Whatsapp-Diskussion der besonderen Art hat Tabea Lunghamer erst kürzlich erlebt. Da wollten Eltern im Klassenchat die Benotung ihres Kind diskutieren, die sie als unfair empfanden. „Das fand ich sehr schräg und habe das gestoppt“, sagt die Elternbeirätin. Anstelle einer Whatsapp-Gruppe wurde nun wieder ein E-Mail-Verteiler eingerichtet. „Im Chat bauscht sich alles immer so schnell auf, weil jeder etwas anderes in das Geschriebene reininterpretiert“, meint Lunghamer. Auch mit gegenseitigen Beleidigungen werde nicht gespart. Einmal habe es ein Schulvorfall, der im Klassenchat wüst diskutiert wurde, sogar in die Facebook-Gruppe ihrer Stadt geschafft.
Querdenker als Elternsprecher
In der Schulgemeinde werde heute viel mehr übereinander als miteinander geredet, stellt Lunghamer fest. Immer wieder müsse sie Eltern einfangen, die gar nicht erst mit den Lehrern reden, sondern sofort beim Schulamt vorstellig werden wollen.
Eines aber hat sich in der Elternschaft nicht verändert: „Nur eine Handvoll Eltern übernimmt Verantwortung“, sagt Lunghamer. Die Dauer von Elternvertreterwahlen hat sich ausgeweitet. Seit Corona hat dieses Zögern aber eine neue Dimension erreicht. In Lunghamers Stadt haben Querdenker die beschwerlichen Elternvertreterwahlen genutzt, um sich über mehrere Klassen und Schulen hinweg aufstellen zu lassen. Mangels anderer Kandidaten wurden diese gewählt. „Mit ihren Positionen haben sie massiv Unruhe in die Elternschaft und in die Schulen gebracht.“ Inzwischen sind diese Vertreter wieder abgewählt. „Jedes demokratische System ist anfällig, wenn irgendwann nur noch Leute bereit sind, ein Amt zu übernehmen, die ihre Ideologie voranbringen“, sagt Lunghamer. Sie selbst hat deshalb – entgegen aller Vorsätze – zu Schuljahresbeginn dann doch wieder kandidiert.