Junge Menschen kommen aus unterschiedlichsten Beweggründen zur Bundeswehr. Eines aber eint sie: der Wunsch, „dem Land zu dienen.“
Stuttgart - Das Foto vom Rekruten, der mit schwerer Ausrüstung durch den Matsch robbt, hat über Jahrzehnte das Bild der Bundeswehr geprägt. Bis zur Abschaffung der Wehrpflicht im Sommer 2011 spaltete sich die Generation der männlichen Schulabgänger in Wehrdienstleistende und Zivis. Die jungen Menschen, die sich seitdem aus freien Stücken „verpflichten“, werden kurz FWDL genannt: Freiwillig Wehrdienstleistende. Bis zu 23 Monate können sie sich, sofern sie die Schulpflicht vollendet haben, militärisch ausbilden lassen. Nicht alle machen ihre Grundausbildung mit der Waffe in der Hand, manche streben stattdessen eine Verwaltungslaufbahn an.
Wir wollten von jungen Menschen wissen, was sie zu diesem Schritt motiviert hat. Auf Einladung von Oberstleutnant Ulrich Haller kamen vier Frauen und ein Mann ins Karrierecenter der Bundeswehr im Stuttgarter Norden. Dorthin, wo sich die Interessenten aus ganz Baden-Württemberg einem ausführlichen Bewerbungsverfahren unterziehen und wo viele Karrieren in der Armee beginnen.
Katalina Maric, 28 Jahre
Katalina Maric, 28 Jahre alt, hat sich nach einer Ausbildung zur Chemietechnikerin als Soldat auf Zeit, kurz SAZ genannt, für acht Jahre verpflichtet. Die Mutter von zwei Kindern wurde nach der dreimonatigen Grundausbildung in Bruchsal und einigen Monaten in einer Kompanie nach Stuttgart zum Karrierecenter versetzt, um ihrer Familie näher zu sein. Zu ihren Aufgaben gehören die Materialbeschaffung und die Logistik. Die gebürtige Stuttgarterin entstammt einer kroatischen Familie, in der das Militär positiv gesehen wird. „Ich fand die Bundeswehr spannend, es scheint in meiner Natur zu liegen, diese Action zu brauchen“, erzählt Katalina Maric. Vielleicht habe die Entscheidung auch mit ihrer Familiengeschichte zu tun: „Deutschland ist mein Land, und ich möchte etwas dafür tun. Ich bin stolz darauf, die Uniform zu tragen.“
Emily Rajowitz, 22 Jahre
Emily Rajowitz, 22 Jahre alt, stammt vom Bodensee und lebt seit vier Jahren in Stuttgart. Sie führte in erster Linie die Liebe zum Sport zur Bundeswehr. Nach ihrer Ausbildung zur Sport- und Fitness-Kauffrau hat sie im Oktober 2018 mit ihrer Grundausbildung begonnen, ebenfalls in Bruchsal. „Ich suchte nach der Ausbildung einen Job, in dem ich mich gefordert fühle“, sagt sie. Auch ihre Laufbahn hat im Karrierecenter begonnen. Der Tag des Eignungstests sei lang gewesen – mit einem Computertest, einer ärztliche Untersuchung, dem Gespräch mit einer Psychologin. Freiwillige absolvieren den Eignungstest an einem Tag, Soldaten auf Zeit müssen sich deutlich mehr Zeit dafür nehmen. „Das Gespräch mit einem Psychologen ähnelt einem Vorstellungsgespräch“, erklärt Oberstleutnant Ulrich Haller.
Ob die Rekruten fit genug sind, erweist sich schnell in der dreimonatigen Grundausbildung. „Das ist sehr anspruchsvoll, da halten nicht viele durch“, erzählt Emily Rajowitz. „Mir war es wichtig zu beweisen, dass ich das kann.“ Drei Tage Biwak (Feldlager im Wald), anschließend 28 Kilometer Marschieren – mit voller Ausrüstung. Allein die Koppel, das an den Körper gebundene Material, wiegt sechseinhalb Kilo, dazu kommen Rucksack, Nahrungsmittel und die Waffe.
Während Katalina Maric schon erste Erfahrungen im Schießen gemacht hat, hatte Emily Rajowitz bei der Grundausbildung zum ersten Mal eine Pistole oder ein Gewehr in der Hand. „Zwei Tage vorher waren wir im Simulator“, erzählt sie von ihren ersten Schießübungen. Gibt es ihr ein Gefühl der Macht, eine Waffe zu tragen? „Nein, man fühlt sich sicher, aber man hat auch Respekt davor“, sagt sie. „Es wird einem bewusst, dass man seinem Land dient.“
Vokabeln wie „Dem Land dienen“ oder „Stolz auf die Uniform“ gehen den jungen Menschen in dieser Gesprächsrunde leicht über die Lippen. Vor allem das altmodisch anmutende Wort „Kameradschaft“ scheint in ihren bisherigen Erfahrungen die größte Rolle zu spielen.
William Leibold, 22 Jahre
William Leibold, 22 Jahre alt, aus Bietigheim-Bissingen, ist nach 23 Monaten Freiwilligendienst als Reservist bei der Marine gelandet. Die Grundausbildung, so erzählt er, fasst die Bereiche Heer, Luftwaffe und Marine gleichermaßen zusammen. Leibold, anfangs in Bayern stationiert, hatte zunächst recht wenig mit Meer oder Schifffahrt zu tun. Zur Marine, sagt er, sei er erst durch die Beratung im Karrierecenter gekommen.
„Ich habe nach der Schule mental und physisch eine Herausforderung gesucht“, sagt der junge Mann. Als Reservist habe er die Möglichkeit, die aktiven Soldaten zu unterstützen. „Ohne Reservisten“, meint William Leibold, „sind viele Übungen gar nicht möglich.“ Er wird im Frühjahr an einer zivilen Universität ein Studium beginnen und ist überzeugt davon, dass er viel Gutes aus seiner Bundeswehrzeit mitnehmen kann: „Wir haben alle soziale Kompetenzen entwickelt und Werte wie Kameradschaftsgeist mitbekommen.“
„Das fängt schon in der Grundausbildung an“, stimmt ihm Emily Rajowitz zu. Spätestens, wenn ein Kamerad nicht mehr weiter könne, werde er von anderen gestützt. Das Zusammengehörigkeitsgefühl spiele eine große Rolle. „Die Gruppe ist immer so stark wie ihr schwächstes Glied“, betont die 22-Jährige.
Natascha Götz, 27 Jahre und Isabella Schaller, 23 Jahre
Natascha Götz, 27 Jahre alt, und Isabella Schaller, 23 Jahre alt, haben sich zwar für die Bundeswehr, aber gegen den Dienst an der Waffe entschieden. Beide haben sich an der Hochschule des Bundes in Mannheim zur Regierungsinspektorin ausbilden lassen. Die Karlsruherin Isabella Schaller wollte nach einem Auslandsjahr in Chile, das sie als 16-Jährige absolviert hat, ursprünglich Spanisch studieren. Das erwies sich jedoch nicht nach ihrem Geschmack. So wechselte sie zur Bundeswehr. Ihr ging es darum, möglichst bald finanziell auf eigenen Füßen zu stehen und einen sicheren Arbeitsplatz zu finden.
Der Sold ist, wenn auch nicht alle das zugeben möchten, ein starkes Motiv, bei der Bundeswehr mitzutun. Seit dem vergangenen Frühjahr ist Isabella Schaller beim Karrierecenter für die Wiedereingliederung von Soldaten ins zivile Leben zuständig. Sie hält Kontakt zu Firmen und erstellt Trennungsgeldbescheide. „Soldaten bringen Lebenserfahrung mit, sie sind absolute Teamplayer und zudem an Hierarchien gewöhnt“, erklärt sie, warum Arbeitgeber ihrer Klientel durchaus großes Interesse entgegenbringen.
Die 27-jährige Natascha Götz ist die einzige in der Runde, die bereits mehrere Auslandseinsätze absolviert hat. Sie war vier Monate und später noch einmal drei Monate lang im afghanischen Masar-i-Scharif stationiert. Sie hatte sich freiwillig gemeldet, um das dortige Feldlager zu organisieren. Die Familie sei erst nicht begeistert gewesen, erzählt die 27-Jährige. „Aber wenn man im sicheren Camp lebt, kann man ausblenden, dass die Lage dort nicht ungefährlich ist“, meint Natascha Götz.
Zum Schluss des Gesprächs kommt die Gruppe auf unterschiedliche Werbekampagnen der Bundeswehr zu sprechen. In der Bevölkerung sind sie zum Teil heftig umstritten. Hießen die Slogans in früheren Jahren noch „Folge Deiner Berufung“ oder „Wir kämpfen auch dafür, dass Du gegen uns sein kannst“, so richtet sich die aktuelle Kampagne mittlerweile ebenso an junge Menschen, für die Shooter-Spiele am Computer Alltag sind. Dass in der Werbung Begriffe wie „Multiplayer“ verwendet wurden, sehen nicht wenige kritisch. Auch die Youtube-Serie „KSK – Kämpfe nie für dich allein“, in der über eine Eliteeinheit berichtet wird, ist nicht nach jedermanns Geschmack. „Ich finde die Kampagne authentisch, sie gibt den Alltag gut wieder“, meint dagegen Isabella Schaller. Ihre Gesprächspartner nicken zustimmend: Es gehe in erster Linie darum, die Scheu vor der Bundeswehr zu nehmen.
In Baden-Württemberg, so konstatiert Oberstleutnant Ulrich Haller, sei bisher nur ein geringer Rückgang an Bewerberzahlen festzustellen. Haben sich 2017 noch 4625 Interessenten für die Bundeswehr interessiert, so waren es im Jahr 2018 insgesamt 4300. Bundesweit ist die Zahl der Bewerber von 56 940 im Jahr 2017 auf 52 200 im Jahr 2018 gesunken. „Es gibt eine starke Konkurrenz auf dem zivilen Arbeitsmarkt“, sagt dazu Oberstleutnant Ulrich Haller. Steigt mit der gezielten Werbung nicht auch die Gefahr, die falschen Interessenten anzulocken? Da, so sind sich die Teilnehmer des Gesprächs einig, gibt es den Filter des Eignungstests. Dabei werde rasch deutlich, wenn jemand Fantasie und Realität nicht auseinander halten kann.