Zuweilen scheint es ratsam, sich von der Vorstellung des Bahnhofs als Transitort zu verabschieden. Wer sich auf einen längeren Aufenthalt dort einstellt – und sei es mit einem Basketball –, wird weniger enttäuscht. Foto: imago/Uwe Umstätter

Um das Bahnfahren in Deutschland erträglich zu finden, ist Gleichmut vonnöten. Selbsterfahrungsbericht eines Vielfahrers, der auf ein Auto verzichtet.

Eine halbe Stunde nach Mitternacht verwandelt sich Mannheim in Timbuktu. Genauer gesagt: Der Fatalismus, mit dem sich Bewohner der Wüstenstadt zu helfen versuchen, wenn sie erfolglos probieren, ihre Heimat im Norden Malis mittels öffentlicher Verkehrsmittel in Richtung der 400 Kilometer südlich gelegenen Stadt Mopti zu verlassen, stellt sich auch am Mannheimer Hauptbahnhof ein.

 

Die Anzeigetafel am Bahnsteig zeigt zwar die 25-minütige Verspätung an, mit der der ursprünglich für Mitternacht annoncierte ICE nach Stuttgart abfahren soll. Aber auch um 0.25 Uhr ist kein Zug zu sehen. Um 0.30 Uhr auch nicht. Die Anzeige am Mannheimer Bahnsteig jedoch beharrt mit einer gewissen Sturheit auf einer Abfahrt um 0.25 Uhr, ehe sie gegen 0.40 Uhr kommentarlos erlischt.

Fatalismus macht sich breit

Offenbar wirkt das lautlose Verschwinden der Buchstaben- und Zahlenkombination, die immerhin eine Art von Hoffnung vermittelt hat, am Mannheimer Bahnsteig auf die potenziellen Fahrgäste als Signal, ihrem Fatalismus freien Lauf zu lassen. Elegant gekleidete Menschen setzen sich nun auf den schmutzigen Boden, die Einhegung des Raucherbereichs spielt plötzlich keine Rolle mehr. Und ein von Frau und zwei Kindern begleiteter Familienvater stößt trocken das englischsprachige Schimpfwort aus, das im amerikanischen Fernsehen im Nachhinein meistens durch einen Piepton ersetzt wird.

Manche seufzen auch nur oder verdrehen die Augen und starren dann stumm auf die völlig leere Anzeigetafel über den Köpfen der Gestrandeten – so wie erfolglose Beinahe-Passagiere in Timbuktu nach der Enttäuschung gerne mal gen Himmel blicken.

Der Sammel-Toyota zum Niger

Der von keiner Lautsprecherdurchsage vermisste ICE nach Stuttgart rollt am Mannheimer Hauptbahnhof um 0.57 Uhr überraschenderweise doch noch ein. Ehe sich der Zug um 1.08 Uhr in Bewegung setzt, sagt der Zugbegleiter, dass er leider „weitere 30 Minuten Verspätung aufbauen“ werde, da die Normalstrecke nicht verfügbar und die Umleitung auf obskure Nebengleise unumgänglich sei. Nachdem sie das gehört hat, spricht eine junge Frau in ihr Handy: „Du brauchst mich nicht zu holen. Es wird zu spät. Ich nehme ein Taxi.“

Ähnliches war damals auf dem Weg zurück nach Timbuktu zu hören, wenn auch ohne Taxi-Ankündigung. Der Sammel-Toyota-Landcruiser, die dortige Form des öffentlichen Personen-Fernverkehrs, fährt mit sechs Passagieren am frühen Nachmittag vom Grand Marché in Timbuktu ab, in der sicheren Gewissheit, dass nach einer halben Stunde Fahrt am kleinen Fährhafen des Flusses Niger sechs weitere Passagiere nach Mopti zusteigen werden, sodass sich die insgesamt zwölfstündige Fahrt nach Mopti für den Besitzer des Autos auch lohnt und am Ende nicht zu einem Verlustgeschäft mutiert.

Als am Fluss wider Erwarten keine weiteren Passagiere warten, kehrt der Landcruiser unverrichteter Dinge nach Timbuktu zurück. Der Fahrer stellt einen weiteren Versuch am nächsten Morgen in Aussicht. Während sich die beiden deutschen und der französische Möchtegern-Passagier aufregen, ertragen die drei malischen Fahrgäste die Fahrtverschiebung mit einem stoischen Gleichmut.

Mehr Fallstricke, als wenn man irgendwo in Südasien in einen Zug steigt

Der ist zunehmend auch an Bahnsteigen in Deutschland vonnöten: Während in Mannheim der verspätete Zug letztlich doch noch irgendwann nach Stuttgart fuhr, ist dies für Fahrgäste, die mit der Bahn von München nach Salzburg gelangen wollen, nicht unbedingt gewährleistet. Neulich, im Münchner Hauptbahnhof, kam der als verspätet annoncierte Regionalzug nach Salzburg einfach gar nicht an. Viel später konnte man am Infopoint der Deutschen Bahn erfahren, dass es einen „Gleiswechsel“ gegeben habe und der Zug längst von einem anderen Bahnsteig abgefahren sei. Den vergeblich Wartenden am Ursprungsgleis wurde dies freilich nicht mitgeteilt.

Der Bahnverkehr in Deutschland birgt allein schon wegen der Vielzahl an theoretischen Möglichkeiten, von A nach B zu gelangen, inzwischen mitunter mehr Fallstricke, als wenn man irgendwo in Südasien in einen Zug steigt. Dort muss man bei einer zweistündigen Fahrt zwar davon ausgehen, dass die Bahn eine Viertelstunde später abfährt und eine halbe Stunde später ankommt als annonciert. Damit lässt sich aber wenigstens planen.

Wie sich die Zeit vom Start zum Ziel verdoppelt

Genau das fällt bei der Deutschen Bahn zunehmend schwer. Banales Beispiel: Man will den Regionalzug vom Stuttgarter Hauptbahnhof um 10.59 Uhr nehmen, um nach einem Umstieg in Pforzheim um 11.58 Uhr in Bad Liebenzell anzukommen. Neulich geschah bei der Verfolgung dieses nicht sonderlich komplexen Vorhabens Folgendes: Kurz vor der (leicht verspäteten) Abfahrt des Zuges wies eine Stimme aus dem Lautsprecher auf eine nicht alltägliche Verwechslung hin: „Die Anzeige am Bahnsteig ist falsch. Dieser Zug fährt nach Karlsruhe, nicht nach Heilbronn.“

Um 11.06 Uhr (statt um 10.59 Uhr) setzte sich der Zug in Bewegung, zwei Minuten später wurden die Fahrgäste mit einem ungewöhnlichen Versprecher aus dem Lautsprecher begrüßt: „Das Team begrüßt Sie auf unserer Weiterfahrt nach Stuttgart . . . äh, entschuldigen Sie, Karlsruhe.“ Um 11.45 Uhr (statt um 11.30 Uhr) erreichte dieser Zug den Umsteigebahnhof Pforzheim, wo der für 11.36 Uhr annoncierte Zug Richtung Horb selbstverständlich verpasst wurde, den besteigen muss, wer nach Bad Liebenzell will. Eine Stunde später, also um 12.36 Uhr, fuhr der nächste Zug nach Horb, der dann tatsächlich auch um 12.58 Uhr in Bad Liebenzell ankam. Aus einer Stunde Reisezeit wurden zwei, die Zeit vom Start zum Ziel hatte sich wieder mal verdoppelt.

Manche der Leute, die unfreiwillig eine knappe Stunde in Pforzheim verbringen mussten, tranken dort Espresso, andere Cappuccino, die meisten zückten ihr Handy. Niemand regte sich lautstark auf, so wie auch niemand mehr schimpft, wenn die Stadtbahn der Stuttgarter Straßenbahn AG auf dem Weg zur Arbeit ohne Erklärung in irgendeinem Tunnel einen fünfminütigen Halt einlegt. Es scheint, als hätten die Leute in Mali oder in Mannheim oder in München Fatalismus gelernt.

Der letzte Zug nach Stuttgart ist längst abgefahren.

Der wird auch dann benötigt, wenn man versucht, mit der Bahn von einem Ausflug nach Franken abends nach Stuttgart zurückzukehren. Der Weg von Dettelbach nach Stuttgart führt freilich über einen Umstieg am Würzburger Hauptbahnhof, der leicht zur Endstation werden kann, wenn man den Anschluss verpasst. Wer sich um 21.04 Uhr in Dettelbach in den Regionalexpress setzen möchte, geht davon aus, um 21.16 Uhr am Würzburger Hauptbahnhof anzukommen. Das Erreichen des letzten Anschlusszuges nach Stuttgart um 21.37 Uhr sollte also kein Problem sein. Kurz vor Mitternacht, um 23.53 Uhr, um genau zu sein, würde man in der baden-württembergischen Hauptstadt ankommen. Wenn allerdings der Würzburg-Zug nicht oder nach bekanntem Häppchen-Muster viel zu spät in Dettelbach haltmacht (zum Beispiel wegen einer Baustelle auf der Strecke Nürnberg–Würzburg oder wegen einer sogenannten „Störung im Betriebsablauf“), dann kommt man lange nach 21.16 Uhr und auch deutlich nach 21.37 Uhr am Würzburger Hauptbahnhof an. Der letzte Zug nach Stuttgart ist dann längst abgefahren.

Taxigutschein mit Vollpreis-Flexticket

Das weiß auch der Bahnmitarbeiter am Würzburger Infopoint. Man könne sich für knapp 300 Euro ein Taxi nach Stuttgart nehmen und hinterher eine Erstattung beantragen, heißt es dort. Einen Taxigutschein erhalte jedoch nur, wer im Besitz eines Vollpreis-Flextickets sei. Wer lieber nicht für knapp 300 Euro ins Taxi steigen möchte, der kann sich mit dem Deutschlandticket um 22.29 Uhr in den Zug nach Frankfurt setzen und um 0.48 Uhr (oder ein bisschen später) dort ankommen. Stuttgart kann man auf diese Weise nach einigen Umstiegen um 6.55 Uhr am Morgen erreichen, sofern man bereit ist, die Nacht statt im Bett in Zügen und auf Bahnsteigen zu verbringen.

Einen Vorteil hat eine derartige nächtliche Odyssee: Man versetzt sich damit in die Lage, sogar den langen Steg über die Stuttgart-21-Baustelle, die dem Bahnpassagier bei jeder Abfahrt und bei jeder Ankunft je nach Fitnesslevel bis zu zehn Minuten Lebenszeit raubt, als eine Art Befreiung vom Zug wahrzunehmen. Für diese Sichtweise ist allerdings ein hohes Maß an Fatalismus erforderlich.