So soll es mal aussehen: Ein Poster zeigt, wie die Architekten die Taksim-Moschee in Istanbul planen. Foto: Getty

Die Umgestaltung des Taksim-Platzes in Istanbul zeigt das Problem der neuen Türkei: Es ist nicht alles schlecht, was Staatschef Recep Tayyip Erdogan plant – nur darf keiner mitreden oder widersprechen.

Istanbul - Am Taksim-Platz im Herzen von Istanbul brummen die Baumaschinen. Auf der Westseite entsteht eine Moschee, die schon jetzt alles andere überragt; auf der Ostseite beginnt demnächst der Abriss des Atatürk-Kulturzentrums, das bisher den Taksim dominierte und nun von einem neuen Opernhaus ersetzt werden soll. Bis zu den Wahlen in der Türkei im kommenden Jahr soll die Umgestaltung des Platzes abgeschlossen sein. In Beton, Glas und Baustahl soll der Taksim dann die neue Türkei repräsentieren, so wie Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und seine AKP sie sehen: wohlhabend, modern und islamisch-konservativ. Unbeabsichtigt illustriert die Umgestaltung aber auch das Problem der neuen Türkei: Es ist nicht alles schlecht, was Erdogan plant, nur darf keiner mitreden oder widersprechen – und davon ist noch nie etwas besser geworden.

Über den Bau einer Moschee am Taksim wird schon lange nachgedacht in der Türkei, nicht erst seit Erdogan dies 1994 im Wahlkampf für das Oberbürgermeisteramt von Istanbul zu seinem Versprechen gemacht hat. Schon vor einem halben Jahrhundert wollte die Regierung von Süleyman Demirel hier eine Moschee errichten; das Vorhaben scheiterte nach langem Rechtsstreit 1983 am Verwaltungsgerichtshof, der darin „keinen öffentlichen Nutzen“ sah. Es brauchte noch fast 35 Jahre und den politischen Aufstieg der konservativ-islamischen Anatolier in Gestalt der AKP, bis die Richter schließlich zustimmten, dass ein zu 99 Prozent ­islamisches Land eine Moschee an seinem zentralen Platz vertragen könne.

Sowjetisch in der Ästhetik

Im Eiltempo wird diese Moschee nun hochgezogen. Mit einer 30 Meter hohen Hauptkuppel, einem Dutzend kleinerer Kuppeln und zwei Minaretten wird sie den Taksim künftig dominieren. Klein und zierlich wirken neben dem Rohbau die Türme der orthodoxen Aya-Triyada-Kirche aus dem 19. Jahrhundert, die bisher die Skyline am Taksim prägten. Die Baupläne für die Taksim-Moschee stammen von dem Architekten Sefik Birkiye, der auch den 1000-Zimmer-Präsidialpalast von Erdogan in Ankara entworfen hat. Recht konventionell wirkt Birkiyes Konstruktion; verzichtet wurde auf die Gelegenheit, für die Moschee mit einem innovativen Design zu experimentieren, wie das andernorts in Istanbul schon mit Erfolg geschehen ist.

Am anderen Ende des Platzes dämmert das Atatürk-Kulturzentrum seinem baldigen Ende entgegen. Einige Fenster an dem Bau sind schon eingeworfen oder zersprungen; von innen ist das Gebäude verfault und verfallen. 1946 begonnen und erst 1969 vollendet, galt das Kulturhaus als Wahrzeichen des türkischen Strebens nach westlicher Kultur. Einst war das staatliche Istanbuler Symphonieorchester darin beheimatet, doch seit zehn Jahren wird hier nichts mehr aufgeführt: Weil der Bau nicht erdbebenfest sei, wurde ein Renovierungsprojekt damals aufgegeben. Nun soll er endgültig abgerissen werden und einem neuen Opernhaus weichen, für das Erdogan selbst vor einigen Wochen die Pläne präsentierte.

Eine gläserne Front, viel Licht und eine rote Halbkugel im Foyer, die an eine aufgehende Sonne erinnert, prägen das Design des neuen Opernhauses, das von dem Architekten Murat Tabanlioglu entworfen wurde – dem Sohn von Hayat Tabanlioglu, der das alte Kulturzentrum gebaut hatte. Die Istanbuler Architektenkammer warf ihm dafür „Verrat“ vor und kündigte eine Klage gegen den Abriss des Kulturzentrums an, das architekturgeschichtlich unersetzlich und deshalb geschützt sei. In der Öffentlichkeit kamen Tabanlioglus Pläne besser an, denn das alte Kulturzentrum wirkt bei aller architekturhistorischen Bedeutung auf den Laien eher sowjetisch in der Ästhetik und wenig anziehend – vor ­allem in seinem heutigen Zustand.

Der Schatten der Moschee wird auf Atatürk liegen

Schon vor einigen Jahren hatte die AKP-Regierung den Taksim untertunnelt und verkehrsberuhigt, wozu auch der Bau eines überfälligen U-Bahn-Netzes für Istanbul beitrug. Eine langwierige Renovierung des Istiklal-Boulevards, der Prachtstraße auf der Südseite, ist nun fast abgeschlossen. Im Nordwesten des Platzes ist die Verwandlung des Armenviertels Tarlabasi in Luxusresidenzen und Büros in vollem Gang. Bis zum Frühjahr 2019 sollen auch das Opernhaus und die Moschee fertig sein, also rechtzeitig zu den Kommunalwahlen im März und den Parlaments- und Präsidentenwahlen im Herbst des Superwahljahres in der Türkei.

Gehen die Wahlen so aus, wie Erdogan sich das wünscht, dürfte das nächste Taksim-Projekt auf die Tagesordnung kommen: der Wiederaufbau einer osmanischen Kaserne an der nordöstlichen Seite des Platzes, wo heute der kleine Gezi-Park liegt. Am ersten Anlauf zu diesem Projekt hatten sich 2013 die Proteste entzündet, die zu Massendemonstrationen gegen Erdogan und die AKP eskalierten und brutal niedergeschlagen wurden. Die Kaserne werde gebaut, „ob es ihnen passt oder nicht“, sagt Erdogan über die Gegner des Projekts.

Der Wiederaufbau der osmanischen Kaserne würde die Umgestaltung des Taksim vollenden, der durch die Errichtung des Republik-Denkmals 1928 zum symbolisch zentralen Platz der kemalistischen Republik geworden war. Fünf Jahre nach Gründung der Türkischen Republik erschaffen, zeigt die Plastik den Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk mit seinen Mitstreitern gleich zweimal: auf der einen Seite in militärischer Kluft beim Befreiungskrieg, auf der anderen als Staatsmann im westlichen Anzug. Keine hundert Meter von dem Denkmal wächst nun die neue Moschee aus dem Boden, und zwar westlich davon. Wenn die Sonne sich nachmittags senkt, wird auf dem Taksim künftig der Schatten der Moschee auf Atatürk liegen.

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