Der türkische Justizminister Bekir Bozdag sagt, die Freilassung der Christenmörder sei nicht beabsichtigt gewesen. Foto:  

Als Folge einer Justizreform der Regierung Erdogan sind mutmaßliche Mörder eines deutschen Missionars auf freien Fuß gesetzt worden. Die Drohungen gegen Christen in der Türkei nehmen zu.

Istanbul - Rober Koptas hat einen der gefährlichsten Jobs der Türkei. Er ist Chefredakteur der türkisch-armenischen Zeitung „Agos“. Sein Vorgänger Hrant Dink wurde im Januar 2007 vor dem Redaktionssitz in der Istanbuler Innenstadt von einem Rechtsextremisten erschossen. Auch Koptas steht auf der Hass-Liste militanter Rechtsradikaler. „Du hast den Tod verdient“, schrieb ein Unbekannter vor zwei Monaten in einer E-Mail an Koptas. Und auf der Internetseite von „Agos“ kommentierte jemand: „Selbst wenn es auf der ganzen Welt nur noch einen einzigen Türken geben sollte, wird er hinter euch her sein.“

Drohungen wie diese gegen Christen in der Türkei erhielten in den vergangenen Wochen eine neue Dimension. Anfang März wurde einer der mutmaßlichen Drahtzieher des Attantats auf Dink, Erhan Tuncel, aus der Untersuchungshaft entlassen. Im ostanatolischen Malatya kamen zeitgleich fünf Männer frei, die gestanden hatten, im April 2007 den deutschen Missonar Tilman Geske und zwei türkische Protestanten brutal ermordet zu haben. Die Opfer waren in den Räumen eines kleinen Bibelverlages an Stühle gefesselt und misshandelt worden, bevor ihnen die Kehlen durchgeschnitten wurden. Die später Angeklagten wurden am Tatort festgenommen und gestanden. Für ihre Tat haben sie religiös-nationalistische Motive angegeben.

Die mutmaßlichen Christenmörder profitierten von einer kürzlich beschlossenen Justizreform: Die maximale Untersuchungshaftzeit wurde auf fünf Jahre reduziert. Die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wollte damit vor allem die Freilassung inhaftierter Militärs erreichen, um sich im Machtkampf mit der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen die Rückendeckung der Armee zu sichern. Die Freilassung der Christenmörder sei dagegen nicht beabsichtigt gewesen, sagte der türkischen Justizminister Bekir Bozdag.

In dem Fall hatte es mehrfach Kritik an den Justizbehörden gegeben. Ihnen wurde vorgehalten, die Hintergründe der Tat und mögliche Verstrickungen des Polizeiapparats nicht ausreichend aufzuklären. Der Prozess kam in den vergangenen Jahren kaum voran. „Es ist absolut unverständlich, dass die Taten nach sieben Jahren noch immer nicht aufgeklärt sind“, sagte Erika Steinbach, Sprecherin für Menschenrechte der Unions-Bundestagsfraktion. Gewalt gegen religiöse Minderheiten dürfe nicht straffrei bleiben.

Susanne Geske, die Witwe des deutschen Mordopfers, lebt nach wie vor mit ihren drei Kindern in Malatya. Bei einem Treffen mit Minister Bozdag sagte sie vor wenigen Tagen, ihre Kinder wollten aus Angst nicht mehr alleine zu Hause bleiben. Der Minister zeigte sich bestürzt. Er wolle dafür sorgen, dass die mutmaßlichen Mörder von Geske sowie den beiden türkischen Christen Necati Aydin und Ugur Yüksel in Malatya erneut festgenommen werden. Derzeit würden sie mit elektronischen Fußfesseln überwacht, um sie an der Flucht zu hindern. Denn der Prozess gegen sie läuft weiter.

Die Freilassungen haben die kleine christliche Gemeinde in der Türkei geschockt. Mit nur rund 150 000 Menschen in einem muslimischen Land mit einer Bevölkerung von knapp 76 Millionen sind die Christen diverser Konfessionen die Minderheit. Trotz einiger Reformen in den vergangenen Jahren haben sie mit rechtlichen Problemen und mit Anfeindungen zu kämpfen. Türkische Nationalisten, die den Islam als Symbol der Einheit des Landes sehen, betrachten Andersgläubige als Bedrohung für den Staat. Auch die Mörder von Malatya handelten aus diesen Motiven.

Semir Serkek, ein protestantischer Pfarrer in Istanbul, hat beobachtet, dass insbesondere junge Christen deshalb inzwischen darüber nachdenken, die Türkei zu verlassen. Erst kürzlich habe ein junger Familienvater ihm über seine Auswanderungspläne berichtet, weil er sich Sorgen um seine Kinder mache, sagte Serkek der türkischen Zeitung „Taraf“. Serkek selbst war am Osterfest vor zwei Jahren in seiner eigenen Kirche von vier Jugendlichen verprügelt worden, die ihn zwingen wollten, ein muslimisches Glaubensbekenntnis abzulegen. Als der Pfarrer zur Polizei ging, musste er feststellen, dass die Behörden die Gewalt gegen Christen nicht ernst nehmen. „Der zuständige Beamte sagte mir: Lass‘ doch, das sind nur Kinder.“

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