Can Dündar gilt als einer der Erzfeinde des türkischen Präsidenten Erdogan. In einer Lesung im Literaturhaus hat er unter anderem über sein neues Buch geredet.
Am Ende von Can Dündars Lesung im Literaturhaus in Stuttgart wird die Runde für Fragen geöffnet. Es scheint der Moment zu sein, auf den viele der Gäste gewartet haben. Menschen aus der türkischen Gemeinde sind gekommen, um dem Journalisten zuzuhören, den der türkische Präsident Erdogan einst zum Erzfeind erklärt hat.
Es sind auch Menschen dabei, die in den letzten Jahren aus ähnlichen Gründen wie er aus der autokratischen Türkei fliehen mussten. Ein Mann fragt den türkischen Journalisten in seiner Muttersprache, wie er damit umgehe, dass er hier in Deutschland in Sicherheit lebe, während die Menschen in der Türkei unter immer schlimmer werdenden Repressalien litten und ob man von Deutschland aus wirklich was erreichen könne.
Can Dündar antwortet mit einer Anekdote über den ehemaligen Daimler-Chef Edzard Reuter. Der 1928 geborene und 2024 gestorbene Stuttgarter und Dündar hatten sich in den Jahren vor seinem Tod kennengelernt. Die Familie Reuter musste damals wegen des politischen Engagement des Vaters aus Nazi-Deutschland in die Türkei fliehen, wo Reuter seine Kindheit verbracht hatte. Dündar wiederum ist vor fast Jahren aus der Türkei nach Deutschland geflohen. „Er hat mir damals erzählt, wie es in den 30ern als Deutscher war, in die Türkei zu fliehen und ich habe davon gesprochen, wie es war von der Türkei nach Deutschland zu fliehen“, erzählt Dündar den Zuschauern des Literaturhauses.
Briefkontakt mit Thomas Mann
Die Familie Reuter habe zudem Briefkontakt mit Thomas Mann gehalten. Und Ernst Reuter, der Vater von Edzard, habe Mann in einem Brief die selbe Frage danach gestellt, ob man vom Exil aus das Land retten könne. Wahrer Umbruch könne nur vom Inneren des Landes kommen. So habe Mann Reuter damals geantwortet.
Dündar beschreibt eindrücklich, wie er auch vom deutschen Exil aus unermüdlich daran arbeitet, die türkische Bevölkerung mit seinen Nachrichten zu erreichen. „Es ist ein bisschen wie ein Katz-und-Maus-Spiel. Wenn sie mich auf Twitter sperren, gehe ich eben wieder auf Instagram oder Facebook“, sagt er.
Anschlag auf Dündar in 2016
Journalismus in Deutschland sei nicht wie in der Türkei, erzählt Dündar weiter. „In der Türkei ist es Teil der Arbeit, verprügelt, vor Gericht gebracht und inhaftiert zu werden“, sagt er. Dündar und ein Kollege hatten einst über mutmaßliche Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an extremistische Gruppen in Syrien berichtet. Seit dem gilt er als Persona non grata in seiner Heimat. Man habe damals noch vor der Veröffentlichung des Textes gewusst, dass es kurz darauf eine Razzia geben würde.
Ein Höhepunkt der Anfeindungen, die Dündar erleben musste, war ein versuchter Anschlag auf sein Leben im Jahr 2016 gewesen. Jahre später hat Dündar in Deutschland einen handgeschrieben Brief erhalten, von jenem Mann, der einst versucht hatte, ihn umzubringen. „Ich habe mich damals von meiner journalistischen Neugierde leiten lassen und ihm geantwortet“, sagt Dündar.
Der Briefkontakt endet schließlich damit, dass Dündar sich in ein Flugzeug nach Buenos Aires setzt, um den Attentäter im Gefängnis zu besuchen. Wie dieser Mann in Südamerika geendet ist, wer die Hintermänner hinter dem Anschlag waren und die enge Verstrickung zwischen Mafia und der türkischen Regierung: All das habe Dündar auf Grundlage der Informationen recherchieren können, die er von dem Attentäter erhalten habe.
Buch erscheint nur auf Deutsch
Das Ergebnis dieser Recherche ist Dündars neuestes Buch mit dem Titel „Ich traf meinen Mörder“, das im Berliner Galiani-Verlag veröffentlicht wurde. Es sei eine therapeutische Aufarbeitung des Anschlags gewesen, sagt Dündar über das Buch. Gleichzeitig ist es eine investigative Recherche über die Verbindungen der türkischen Regierung zum organisierten Verbrechen. Die Lesung fand im Rahmen der Veranstaltung Literatür vom Deutsch-Türkischen-Forum statt.
Am Ende des Abends kommt noch eine weitere Frage aus dem Publikum. Ob das Buch auch auf Türkisch erscheinen werde. „Ich habe schon Ärger von meiner Frau bekommen, weil ich überhaupt dieses Buch geschrieben habe“, sagt Dündar. In der Türkei habe er keine Hoffnung, dass es veröffentlicht würde. Daher gibt es nur eine deutsche Übersetzung von seiner langjährigen Übersetzerin Sabine Adatepe. Der Kampf im Exil gegen den autokratischen Staat ginge jedoch ungebrochen weiter – auch wenn man auf Deutsch schreiben müsse.