Birgit Hannemann sitzt nur noch wenige Monate im Rathaus von Erdmannhausen. Foto: dpa/Marijan Murat

Birgit Hannemann mag ihren Job als Bürgermeisterin im kleinen Erdmannhausen – eigentlich. Doch der Druck, dem ihre Familie – vor allem die drei kleinen Söhne – ausgesetzt ist, wurde zu viel. Sie hört auf.

Erdmannhausen - Bürgermeisterin Birgit Hannemann wird nicht für eine zweite Amtszeit kandidieren. Sie will ihre Kinder schützen. Seit 2012 ist Hannemann in der 5000-Einwohner-Gemeinde Erdmannhausen (Kreis Ludwigsburg) im Amt, ihr Beruf macht ihr eigentlich „sehr, sehr viel Spaß“. Doch ihre Familie werde ständig in Themen hineingezogen, in denen sie nichts verloren habe, sagt sie. Nun hört sie auf - um ihre Kinder aus der Öffentlichkeit zu halten.

Ihre drei Söhne - ein Fünfjähriger und ein Jahre alte Zwillinge - müssten auf viel verzichten, erzählt Hannemann. An die „Bürgermeisterkinder“ würden andere Maßstäbe gelegt. Immer wieder seien sie damit konfrontiert, Vorbild sein zu müssen. „Jedes andere einjährige Kind, das während des Gottesdienstes schreit, ist ein kleines Kind, das schreit. Wenn es mein Kind ist, heißt es: Wie geht denn das? Wie kann denn das sein?“ Sie habe ihrem Ältesten Sätze sagen müssen wie: „Jeder andere dürfte es. Aber lass du es bitte sein.“

Bedroht wurde Birgit Hannemann nie

Erst vor eineinhalb Wochen hatte die Bürgermeisterin im sächsischen Arnsdorf nach monatelanger Hetze ihre vorzeitige Versetzung in den Ruhestand beantragt. Hannemann sagt, sie habe zwar E-Mails bekommen, die „hart an der Grenze“ gewesen seien. In irgendeiner Form bedroht sei sie aber nie worden - anders als rund 20 Prozent der mehr als 1000 Bürgermeister, die in einer Umfrage des Deutschen Städte- und Gemeindebunds (DStGB) angegeben hatten, Hass-Mails bekommen zu haben oder bedroht worden zu sein. Hannemann findet es „erschreckend, wenn man sich überlegt, dass Sonderstellen eingerichtet werden müssen, die Kommunalpolitikern ein Sorgentelefon bieten, wenn sie bedroht werden“.

„Ich finde schon, dass der Ton rauer wird. In den sozialen Medien, aber auch sonst“, sagt sie. Das Politische und das Private würden nicht mehr getrennt. Das bekämen auch ihre drei Söhne zu spüren: „Die eigentliche Belastung liegt darin, dass die Familie in Themen hineingezogen wird, wo sie nichts verloren hat. Dass sich mein Mann oder meine Kinder für Entscheidungen von mir rechtfertigen müssen, das gibt es in keinem anderen Beruf“, sagt sie. Durch ihre herausragende Stellung bekämen die Kinder in der 5000-Einwohner-Gemeinde einen Stempel aufgedrückt. Ähnliches habe sie auch von Bürgermeistern anderer Gemeinden gehört.

„Ich bin gern Bürgermeisterin“

Anfang Oktober hat sie ihre Entscheidung offiziell gemacht, bei der Kommunalwahl im März 2020 nicht mehr anzutreten. Und das, obwohl sie an dem Amt hängt: „Ich bin gern Bürgermeisterin. Mir macht der Beruf sehr, sehr viel Spaß“, sagt sie.

Laut Städte- und Gemeindebund wird ohnehin nur jedes zehnte Rathaus in Deutschland von einer Frau geführt. Um das zu ändern, soll laut dem kommunalen Spitzenverband etwa die Arbeitszeit der Bürgermeister - laut Hannemann sind 60 Stunden pro Woche realistisch - reduziert werden oder flexibler gestaltet werden können. „Homeoffice-Regelungen, Job-Sharing-Modelle und die Aufwertung von Stellvertreterinnen können ein geeigneter Weg sein“, sagte ein DStGB-Sprecher.

„Der Sohn der Bürgermeisterin hat etwas angestellt – kein Wunder“

Hannemann findet: „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf funktioniert genauso gut wie bei anderen Berufen auch.“ Nach den Geburten sei sie in Elternzeit gegangen und währenddessen mit ihren Stellvertretern in Kontakt geblieben. Das habe gut funktioniert. Die Gesellschaft sei aber in Teilen noch nicht so weit, es fehle an Akzeptanz. Sie habe von Lästereien mitbekommen: „Der Sohn der Bürgermeisterin hat etwas angestellt. Aber es ist ja kein Wunder, dass der das macht. Die Mutter hat ja keine Zeit!“ Es müsse ein Umdenken in der Gesellschaft her, sagt Hannemann.

Kürzlich, erzählt sie, habe ein Mädchen zu ihr gesagt: „Gell, du bist doch die Bürgermeisterin.“ Ihr Sohn habe der Kleinen erwidert: „Ja, aber meine Mama sucht sich nen neuen Job.“ Hannemann habe gedacht, bei ihrem Sohn sei eine gewisse Erleichterung zu hören gewesen. „Nach dem Motto: Jetzt hört dieses Theater endlich auf.“

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