In Böblingen war das Wohnhaus von Antonio La Marra vorübergehend nicht mehr bewohnbar. Foto: factum/Weise

Der Allianz werden die ersten Rechnungen über die Häuserschäden vorgelegt. Sie beziehen sich aber zunächst nur auf die nötigsten Sanierungen. In Rudersberg dagegen behebt die verantwortliche Baufirma die Häuserschäden auf eigene Kosten. In Leonberg überwies die Allianz 1,5 Millionen Euro an die Betroffenen.

Böblingen - Eberhard Haaf hat sich in diesen Tagen richtig viel Arbeit gemacht. Der Jurist vom Büro Lübbert Rechtsanwälte in Freiburg „dröselt“ nach eigenen Angaben fünf bis sechs Musterfälle von Böblinger Hausbesitzern auf, an deren Gebäuden nach Erdwärmebohrungen enorme Schäden aufgetreten sind. Das Paket wolle er demnächst der Allianz-Versicherungen zukommen lassen. Dies konnte sich Haaf in Rudersberg (Rems-Murr-Kreis) sparen. Dort hob sich nach Geothermiebohrungen ebenfalls die Erde, die verantwortliche Firma nahm dort aber selbst die Reparaturen an den Gebäuden vor, die Risse bekommen hatten und in Schieflage geraten waren. Und sie trug die Kosten. Für die Betroffenen zeichnet sich – anders als in Böblingen – ein Happy-End ab. Zumal in Rudersberg die Sanierung der schadhaften Sonden abgeschlossen ist – während die Reparatur der Bohrlöcher in Böblingen wegen technischer Probleme gestoppt wurde.

Stadt Staufen übernahm Notfall-Reparaturen

Seit Jahren kämpft der Freiburger Rechtsanwalt auf breiter Front für die Geschädigten von Erdwärmebohrungen. Er war zunächst maßgeblich an der Einrichtung einer Schlichtungsstelle in Staufen im Breisgau beteiligt, wo sich ein noch größeres Desaster abspielte als in Böblingen. Mehr als 400 Verfahren habe es gegeben, sagt Haaf, die Hausbesitzer bekamen Geld von der Stadt und vom Land. Die Schadenshöhe wiederum ist mit rund 50 Millionen Euro etwa so hoch wie in Böblingen. Das Land sicherte insgesamt 24 Millionen Euro zu, die Stadt sechs Millionen. Zudem übernahm das städtische Bauamt Notfall-Reparaturen. „Die Betroffenen in anderen Kommunen blicken neidisch nach Staufen“, sagt Haaf. Die Stadt selbst hatte 2008 die Bohrungen veranlasst und sah sich in der Verantwortung.

„Die Eigentümer müssen andernorts selbst aktiv werden“, betont Haaf, der wie in Rudersberg auch in Böblingen dafür gesorgt hat, dass eine Interessengemeinschaft ins Leben gerufen wurde. In Rudersberg haben sich 26 von rund 50 Hausbesitzern zusammengeschlossen. In Böblingen gehören die allermeisten der rund 200 Geschädigten einer Solidargemeinschaft an, die als eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts geführt wird. Ihr hat die Allianz, die Versicherung der in die Insolvenz gegangen Bohrfirma Gungl, etwas mehr als 200 000 Euro für Gutachten zur Verfügung gestellt. Für die nötigsten Reparaturen zahlt sie bisher jedoch nichts. Haaf sagt, er rolle fünf, sechs Fälle auf von Geschädigten, die zwischen 2500 und 15 000 Euro ausgegeben haben, um jetzt im Winter die schlimmsten, teilweise mehr als zwei Zentimeter dicken Risse zu flicken.

„Wenn die Schäden anerkennt werden , sind wir weiter“

Am stärksten betroffen ist Antonio La Marra, der aus seinem Haus vorübergehend ausziehen musste, weil es als einsturzgefährdet galt. Er hat es statisch sichern lassen und ein zinsloses Darlehen der Stadt über 5000 Euro eingesetzt. Wie und wann er es zurückzahlen kann, weiß er aber noch nicht. Erkenne die Versicherung die Schäden an, „sind wir ein Stück weiter“, erklärt Haaf. Notfalls könne er dann die Modellfälle zum Ausgleich weiterer Kosten und Schäden auch vor Gericht verwenden. Zwar haben sich die Erdhebungen nach der Sanierung von 13 der 17 schadhaften Bohrlöcher deutlich verlangsamt. Doch wird man das ganze Ausmaß der Schäden – mitsamt der Wertminderung der Häuser – erst in ein paar Jahren bilanzieren können.

Auch in Rudersberg hebt sich die Erde kaum noch, dort sind zwei fehlerhaft durchgeführte Bohrungen fertig saniert. Laut Armin Dellnitz, dem Sprecher der Interessengemeinschaft der Geothermiegeschädigten, wickelten das Landratsamt, die Stadt Rudersberg und die Bohrfirma die Sache ab, während in Böblingen der Landkreis bei den Kosten für die Bohrlochsanierung mit fünf Millionen Euro in Vorleistung ging. Das Land sagte dafür bisher drei Millionen Euro zu.

Allianz bezahlte 1,5 Millionen Euro

Abgesehen von den Schäden, die erst errechnet werden können, wenn die Hebungen zum Stillstand gekommen sind, sei man in Rudersberg mit der Regulierung der Sanierungsfälle zufrieden, sagt Haaf: „Das hat bisher gut geklappt.“ Wie auch in Leonberg-Eltingen, wo ebenfalls nach Geothermie gebohrt wurde, die Erde allerdings durch dadurch entstandene Hohlräume absackte. An fast 30 Gebäuden traten Schäden auf. Die Allianz bezahlte den betroffenen Hausbesitzern insgesamt 1,5 Millionen Euro.

Hebungen und Senkungen

Schadensursache: 
­Wenn durch eine unsachgemäß durchgeführte Bohrung in eine Gipskeuperschicht Wasser eindringt, quillt die Erde auf. In den Schadensgebieten hoben sich die Häuser bis zu einem halben Meter. Manchmal entstehen auch Hohlräume – der Boden senkt sich.

Schadensfälle
:  In der Region hat es auch in Schorndorf (Rems-Murr-Kreis) Probleme gegeben. 2009 wurden eine Schule und Wohnhäuser durch Bodenabsenkungen beschädigt. Die Sanierung kostete 400 000 Euro, die die Bohrfirma beziehungsweise die Versicherung bezahlten. Zudem wurde in Renningen (Kreis Böblingen) zwei Mal nicht ordnungsgemäß gebohrt. Gebäudeschäden entstanden nicht. Die Firma sorgte selbst für die Sanierung.

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