Nach der Sanierung des Bohrlochs am Heinrich-Heine-Weg waren die Erdhebungen umgehend gebremst. Foto: factum/Granville

Eine amtliche Studie belegt, dass die Erdhebungen in Böblingen von drei statt zwei Bohrlöchern ausgingen. Damit müsste die Haftungssumme auf 15 Millionen Euro steigen – falls die Versicherung das Ergebnis anerkennt.

Böblingen - Den Kern der Botschaft verkündete Roland Bernhard schon vorab. „Wir waren immer schon der Auffassung, es sind zwei Hebungsgebiete, und das heißt für uns zwei mal fünf Millionen Euro“, sagte der Landrat. Die Allianz-Versicherung möge „nicht mehr rummachen“.

Damit war das Schlusswort zur gut zweistündigen Veranstaltung bereits zu ihrem Beginn gesprochen. Das Landratsamt hatte ins örtliche Berufsschulzentrum gebeten, um über ein weiteres Gutachten des geologischen Landesamtes zu den Erdhebungen in Böblingen zu informieren. Dahingestellt bleibt, wie viele der Besucher die wissenschaftlichen Vorträge über die geologische Zusammensetzung des Untergrunds, die chemischen Beimischungen im Grundwasser oder Kristallisierungsprozesse im Anhydrit verstanden haben. Was unter dem Strich steht, war den meisten schon vorab klar: mehr Geld.

Schon 2011 hatten die Schadensmeldungen sich gehäuft

Rund 200 Häuser sind im Wortsinn zerrissen, weil sich wegen fehlerhafter Erdwärme-Bohrungen der Untergrund hob. 2006 wurden die ersten Bohrungen niedergebracht. 2011 begannen die Schadensmeldungen sich zu häufen. Die Allianz hatte im Mai 2017 grundsätzlich anerkannt, dass sie die Schäden bezahlen muss. Allerdings geht die Versicherung davon aus, dass sie für ein nördliches und ein südliches Hebungsgebiet zahlen muss. Pro Hebungszentrum beschränkt die Haftung sich auf fünf Millionen Euro. Die Summe wird nicht reichen, um die Schäden zu reparieren. Die Geologen des Landesamtes glauben nun bewiesen zu haben, dass im Süden mit zwei statt einem Zentrum zu rechnen ist, mithin mit insgesamt dreimal fünf Millionen Euro.

In den Worten des Landrats formuliert, will die Allianz aber weiterhin rummachen. Schon vor der Veranstaltung hatte die Versicherung mitgeteilt, dass sie die beiden Professoren Ingo Sass und Oliver Brand damit beauftragt hat, das neue Gutachten zu begutachten. Sass ist Geologe und hat sich auf die Erforschung von Erdwärme spezialisiert. Brand ist Jurist mit Schwerpunkt auf Versicherungsrecht. Dass die Haftungssumme sich erhöhen müsse, sei zunächst „Interpretation des Landratsamts“, ist in der Allianz-Mitteilung zu lesen.

Das geologische Gutachten dürfte schwer zu widerlegen sein

Zumindest dürfte es schwer fallen, die auf 200 Seiten niedergeschriebenen Erkenntnisse des geologischen Landesamts zu widerlegen. Sieben Wissenschaftler beschäftigen sich im Auftrag der Behörde mit dem Böblinger Hebungsgebiet, dies bereits seit 2013 und in aller Gewissenhaftigkeit. Sie haben das Temperaturgefälle in den Bohrlöchern gemessen, die Dicke der Gesteinsschichten bis zu einer Tiefe von 163 Meter ermittelt, vom Satelliten aus mittels Radarstrahlen die Hebungsgeschwindigkeit beobachtet, Bohrkerne mineralogisch untersucht und die Daten mit geologischem Wissen über die gesamte Region im Süden Stuttgarts abgeglichen.

Die Gesamtheit „lässt sich geologisch gut erklären“, sagt Clemens Ruch, der im Landesamt die Abteilung für Ingenieurgeologie leitet. „Nach der Bohrung am Heinrich-Heine-Weg galoppiert die Hebung noch mal deutlich schneller.“ Was bedeutet, dass eines der letzten von 17 Bohrlöchern zusätzlichen Schaden verursacht hat. Nach dessen Sanierung hatten sich die Hebungen überdies deutlich verlangsamt.

Gleichsam nebenbei haben die Landes-Gutachter den Verdacht bestätigt, dass die Bohrfirma Gungl seinerzeit Zement verwendet hatte, der unzulässig war. Aus gutem Grund: Das Material hatte sich im Untergrund zum breiigen Mineral Thaumasit zersetzt. Das Abdichten der Bohrlöcher war deshalb weit schwieriger und langwieriger als üblich.

In den nächsten Monaten sollen zunächst Messungen belegen, dass die Erde auch rund um die letzten abgedichteten Bohrlöcher zur Ruhe gekommen ist. Ist es so, wird die Allianz beginnen, die Schäden an den Häusern erfassen zu lassen – unabhängig von der Haftungssumme. Die Professoren Sass und Brand haben angekündigt, dass das Ergebnis ihrer gutachterlichen Arbeit bereits in wenigen Wochen vorliegen wird.

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