Das Stroh erleichtert die Ernte und schützt die Beeren vor Schmutz. Denn die empfindlichen Früchte dürfen vor dem Verkauf nicht gewaschen werden. Foto:  

Die Saison für die beliebten Früchtchen beginnt erst im Juni. Frühernter kassieren aber saftig, weshalb immer neue Wege gesucht werden, das Wachstum anzutreiben. Eine Landwirtin erzählt, warum sie bei diesem Wettrennen nicht mitmacht.

Stetten - Sobald man den Laden vom Bärenhof in Stetten betritt, fällt der Blick auf den Tisch: Schachteln voller Erdbeeren reihen sich dort aneinander. Doch die hat Gudrun Vohl-Grözinger nicht vom eigenen Feld geerntet. Derzeit ist sie auf die Früchte eines anderen Landwirts angewiesen, denn eigentlich haben die roten Früchte noch keine Saison. Normalerweise seien sie erst Mitte Juni reif.

Die Verkaufsstände am Straßenrand und die Supermarktauslagen vermitteln da freilich ein anderes Bild. Schon seit ein paar Wochen gibt es Erdbeeren aus Deutschland. Das sei nur möglich, weil Bauern mit Verfrühung arbeiten, erklärt Gudrun Vohl-Grözinger. Heißt, dass sie den Reifungsprozess antreiben.

Eine Möglichkeit ist, die Pflanzen mit Folie und Flies abzudecken. Ein bis zwei Wochen könne man dadurch eher ernten. Man kann die Erdbeeren aber auch in Tunneln anbauen, dadurch kann man zwei zusätzliche Wochen gutmachen. Und es gibt sogar Bauern, die ihre Erdbeerfelder mit Warmwasserschläuchen beheizen.

Doch das alles kostet Geld. „Es ist eine Frage der betrieblichen Gegebenheiten, ob man da mitkommen kann“, sagt Vohl-Grözinger. „Ich bin der Meinung: wenn die Pflanze sich so entwickelt, wie die Natur es will, entfaltet sich das Aroma am besten.“ Deshalb klinkt sie sich aus beim Wettbewerb um die frühesten Früchtchen. Ihre Erdbeeren wachsen unter freiem Himmel, ohne Folie oder Tunnel.

Das Stroh schützt die Erdbeeren

Derzeit tragen die Pflanzen weiße Blüten, aus denen sich dann die Erdbeere entwickelt. Anders als der Name suggeriert, ist die Erdbeere botanisch gesehen keine Beere. „Das, was wir als Erdbeere wahrnehmen, ist eigentlich der Boden der Früchte“, erklärt Vohl-Grözinger. Die Frucht an sich ist nämlich nicht die Erdbeere, sondern die kleinen gelben Pünktchen. Das rote Fruchtfleisch der Erdbeere ist ein verdichteter Blütenboden. Die Erdbeere ist eine sogenannte Sammelnussfrucht. Dafür gelten Tomaten, Zitronen oder auch Kiwis in der Botanik als Beere: Sie haben mehrere Kerne im Fruchtfleisch, die von einer Hülle umgeben sind.

Bevor die Erdbeeren reif sind, muss Vohl-Grözinger Stroh auf dem Boden auslegen. Das erleichtert ihr die Ernte. „Wenn es richtig nass ist, zieht es einem sonst die Gummistiefel aus.“ Das Stroh schützt aber vor allem die Erdbeeren. Diese würden sonst nämlich im Schlamm hängen und bei Regen verschmutzen. Während Möhren dreckig geerntet werden können, sei das bei Erdbeeren nicht drin, erklärt Vohl-Grözinger. Denn: Die Beeren dürfen vor dem Verkauf nicht geputzt werden. Die Haut der Erdbeeren sei zu empfindlich, sie würde beim Waschen verletzt werden, zudem würden die Früchte dann leichter faulen oder schimmeln.

Die ersten Pflanzen auf dem Stettener Feld werden Anfang oder Mitte Juni Erdbeeren tragen, in einer frühen Saison auch mal ab Ende Mai. „Stetten, genauer gesagt die Weidacher Höhe, ist kühler als zum Beispiel Möhringen. Wir sind kein prädestiniertes Anbaugebiet mit unserer Lage auf 460 Höhenmetern“, sagt Vohl-Grözinger. Das sei der Grund dafür, warum sie ihre Beeren erst ein paar Tage später als andere Landwirte ernten könne. „Das ist nicht schlimm für die Erdbeere, das ist nur ein Problem, wenn man früher Erdbeeren haben will“, sagt sie. Doch im Wettbewerb um Erdbeeren sind ein paar Tage entscheidend. Wer die Schalen früher anbieten kann, der kassiert auch mehr. Vohl-Grözinger schätzt, dass man zu Beginn der Saison etwa das Doppelte für Erdbeeren verlangen könne als später zur Haupterntezeit.

Keine Selbstpflückerfelder mehr

Trotzdem bietet die Stettener Landwirtin jetzt schon Erdbeeren in ihrem Hofladen zum Verkauf an. Die ersten Kunden hätten schon Anfang Mai nach heimischen Erdbeeren gefragt. Kaum ein anderes Obst erweckt bei den Menschen solch eine Vorfreude: „Das ist das erste Obst der Saison. Kirschen, Himbeeren – all das kommt später“, erklärt sich Vohl-Grözinger die Ungeduld. Früher habe man im Winter fast nur Äpfel essen können. Erst mit der Erdbeere sei wieder ein anderes Obst auf den Tisch gekommen.

Die Anbieter passen sich der gierigen Nachfrage an, suchen nach immer neuen Wegen, um die Erdbeeren noch früher pflücken zu können. Aus dem Grund sei die Lust der Kunden auf Erdbeeren allerdings meist schon gestillt, wenn die Saison naturgemäß eigentlich beginnt. Deshalb hat sich die Stettener Landwirtin Gudrun Vohl-Grözinger entschieden, ihren Kunden keine Selbstpflückerfelder mehr anzubieten: „Der Erdbeerhunger ist dann schon weg.“

Obwohl sie mit dem Wettbewerb der Frühanbieter nicht mithalten möchte und ihr Geschäft deshalb nicht leichter geworden ist, will Gudrun Vohl-Grözinger weiterhin Erdbeeren anbauen. Sie sei damit aufgewachsen, erklärt sie. Seit mehr als 40 Jahren wachsen Erdbeeren auf den Feldern der Familie. Doch dieses Jahr, das ist schon klar, wird die Ernte nicht sonderlich gut ausfallen. Schuld ist ein Hagelunwetter. Das habe viele der Blüten beschädigt. Ihre Vorfreude auf die Erdbeeren lässt sie sich aber nicht nehmen: „Solange es Erdbeeren gibt, esse ich jeden Tag welche. Davon kann man nie genug haben.“

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