Die Menschen in der Erdbebenregion geben nicht auf. Doch die Regierung ist dabei, alte Fehler zu wiederholen, kommentiert Türkei-Korrespondentin Susanne Güsten.
Die Überlebenden der Erdbebenkatastrophe in der Türkei halten beherzt und mutig durch. Obwohl fast alle Überlebenden damals Freunde oder Verwandten verloren und obwohl ihre Heimatstädte in Schutt und Asche liegen, blieben viele Bewohner der elf Unglücksprovinzen und nahmen das schwierige Leben in Zelten und anderen Notunterkünften auf sich. Andere, die sich außerhalb der Region in Sicherheit brachten, sind inzwischen wieder heimgekehrt. Wie schon nach dem schweren Erdbeben von 1999 bei Istanbul zeigen die Türken, dass sie selbst nach schlimmsten Schicksalsschlägen nicht aufgeben. Widerstandsfähigkeit und Durchhaltevermögen der Betroffenen sind eine Ressource für das Land, doch die Politik ist dabei, diese Ressource zu vergeuden. Statt im Erdbebengebiet einen Neuanfang mit Bürgerbeteiligung und Expertenwissen zu gestalten, setzt die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan auf eine möglichst rasche Rückkehr zur Normalität und auf einen Wiederaufbau in Rekordzeit.
Seine Erfolge im Erdbebengebiet bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im Mai bestärken Erdogan in diesem Kurs. Obwohl seine Regierung bei der Erdbebenhilfe viele Fehler machte, blieben ihm die meisten Wähler der Region treu. Der Präsident und seine Partei AKP verloren dort zwar an Zustimmung, doch konnte die Opposition davon nicht profitieren. Sechs Monate nach dem Unglück steht fest, dass das Erdbeben keine Zäsur für die türkische Politik war.
Giftige oder krebserregende Stoffe im Schutt zerstörter Häuser
Erdogan versteht das als Auftrag, so weiter zu machen wie bisher. Seine Regierung lehnt einen Dialog mit gesellschaftlichen Gruppen, Experten oder Parteien ab, weil sie alle als Feinde betrachtet. Der Kandidat einer Oppositionspartei, der in der Unglücksprovinz Hatay im Mai mit mehr als 100 000 Stimmen ins Parlament gewählt wurde, wird von der regierungstreuen Justiz bis heute daran gehindert, sein Mandat wahrzunehmen.
Ohne Rücksicht auf Kritik und Einwände drückt die Regierung im Erdbebengebiet aufs Gaspedal. Überall in der Region werden neue Wohngebäude aus dem Boden gestampft. Das ist einerseits verständlich: Obdachlose Erdbebenopfer sollen ein neues Dach über dem Kopf bekommen. Doch in der Eile werden wichtige Vorsichtsmaßnahmen wie eingehende seismische Untersuchungen des Bodens unter den neuen Häusern missachtet. Auch ist der Fortschritt sehr ungleichmäßig. Während mancherorts wieder gebaut wird, fehlt es in anderen Gebieten an sauberem Trinkwasser. Giftige oder krebserregende Stoffe im Schutt zerstörter Häuser, der häufig ohne Sicherheitsvorkehrungen in die Landschaft gekippt wird, könnten sich in Zukunft als eine Gesundheitsgefahr für Millionen erweisen.