Sobald auf den Fildern für Stuttgart 21 gegraben wird, muss jede Menge guter Erde weg. In den 1990ern ist Filderlöss nach Römerstein Zainingen (Landkreis Reutlingen) gebracht worden, damit die Bauern ihre Äcker aufbessern konnten. Hat es ihnen etwas gebracht?
Filder/Zainingen - So nah waren die Filder lange nicht mehr bei Fritz Abele. Während der 78-Jährige in seiner guten Stube sitzt und der Ofen gegen den trüben Regentag draußen vor den Gardinen anheizt, reckt nur ein paar Schritte von Abeles Haus entfernt ein Filderkrautkopf seine Spitze stolz in die Höhe. Im Kirchlein von Zainingen (Gemeinde Römerstein) sind Erntedankgaben am Altar hergerichtet. Zwiebeln, Kartoffeln, Rüben, eben alles, was hier auf der Schwäbischen Alb so wächst. Und ein paar Dinge mehr. Zum Beispiel Zitronen, Bananen und eben dieses Filderkraut. Das Gemüse geht als Spende an die Tafel in Bad Urach.
Seine Eltern sind als Erntehelfer auf die Filder gelaufen
Zwischen Fritz Abeles Haus und den Fildern liegen mit dem Auto rund 50 Kilometer. Doch zwei Dinge verbinden ihn mit der Hochebene vor den Toren Stuttgarts. Erstens: Seine Eltern waren früher Erntehelfer auf den Fildern. „Sie sind dort hin gelaufen“, erzählt er. Und wenn sie nach sechs Wochen wieder daheim waren, ging auf der Alb die Ernte los.
Zweitens: Fritz Abele war dabei, als tonnenweise Filderboden nach Zainingen hochgeschafft worden ist. Das war in den 1990ern. Der Flughafen wurde erweitert, die Autobahn verlegt, der Dreck musste weg. Der Dreck gehört aber zu den fruchtbarsten Böden in Deutschland. Für die Deponie also viel zu schade.
Auf schlechte Böden gab es Filderlöss obendrauf
In Zainingen lief zu der Zeit eine Flurbereinigung, erzählt Abele an jenem verregneten Nachmittag um Erntedank. Das bedeutet, dass die Äcker der Bauern anders verteilt worden sind. Aus dem Flickenteppich an Besitzverhältnissen sollten größere und effizientere Einheiten entstehen. „Vor der Flurbereinigung haben wir etwa 25 Flurstücke bewirtschaftet“, sagt Abele. „Danach waren es fünf.“
Allerdings waren die getauschten Böden unterschiedlich gut. Es gab fünf Kategorien, fünf war fast unbrauchbar. Bauern mit Vierer- und Fünfer-Böden bekamen deshalb Filderlehm obendrauf. „Zwei Lastwagen, ein Bagger und eine Raupe waren im Einsatz“, erinnert sich Abele. Das ging eine lange Weile so. Der Filderboden lagerte oben an der Bundesstraße nach Ulm. Siebzig Meter lang, 30 breit. Mehrere 1000 Kubikmeter Erde seien gebracht worden, hat der Bürgermeister von Römerstein auf Anfrage unserer Zeitung recherchiert. Der Boden kam nach Zainingen und Donnstetten. Fritz Abele arbeitete damals beim angeheuerten Bauunternehmen und saß auf dem Bagger. Doch er war auch Bauer mit minderwertigem Boden und durfte sich Filderlöss aufs Feld kippen. Hat man einen Boden, der quasi nicht vorhanden ist, „bekommt man keine anständige Furche hin“, erklärt Abele. Wenn der Pflug schon bei wenigen Zentimetern auf Stein trifft, ist man über jedes bisschen Erde froh. Inzwischen bearbeitet sein Schwiegersohn die Äcker. Der habe auf Bio umgestellt und suche die Nische, erzählt Abele. Angefangen habe der Schwiegersohn mit Dinkel, inzwischen wüchsen dort aber auch Alb-Linsen, Schwarzkümmel, Mohn oder Kresse für ein Feinschmeckeröl. Heute, fast 20 Jahre später, kann Abele sagen, dass ihm der Filderboden etwas gebracht hat.
Stuttgart 21 in der City: 7,1 Millionen Tonnen Aushub abtransportiert
Auf den Fildern fällt bald wieder Erde an. Dann nämlich, wenn sich Stuttgart 21 über die Hochebene gräbt. Um die Lagerung eines Teils des Bodens wird seit Monaten gerungen. Die Bahn hat ein Feld zwischen Musberg und Oberaichen für 50 000 Kubikmeter ausgeguckt, sie fällt an beim Bau an der Rohrer Kurve. Bewohner der zwei Ortschaften laufen Sturm gegen die Pläne. Aus dem Stuttgarter Talkessel sind im Zuge von S 21 bereits 7,1 Millionen Tonnen abtransportiert worden, vor allem per Güterzug. Ein Teil konnte wieder verwertet werden, beispielsweise auf der Landesgartenschau in Lahr. Der größte Teil ist allerdings gegen Gebühr in ehemalige Steinbrüche und Tagebauanlagen in Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen-Anhalt gebracht worden.
Manchmal fährt Fritz Abele nach Stuttgart runter, zum Beispiel dann, wenn er seinen Sohn zum Flieger bringt. Wenn er die Filder leibhaftig vor sich hat, jenen Wust aus Straßen, Messe, Flughafen und Feldern, dann fragt er sich schon: „Ob der Boden da unten so viel besser ist als unserer hier oben?“ Wie auch immer die Antwort lautet: Filderkraut würde auf der Schwäbischen Alb keines wachsen, hier haben nicht mal Kirschen eine Chance.