Erasmus verbindet – zumindest europaweit. Foto: StZ

Seit 30 Jahren fördert das Erasmus-Programm den Austausch von Studierenden innerhalb der Europäischen Union. Drei ehemalige Studierende berichten von ihrem Auslandsaufenthalt

Stuttgart - England im Herbst 1999: Eine neuer Schwung von Erasmus-Studenten strömt in das Studentenwohnheim Bulmershe Hall am Rand von Reading, knapp 70 Kilometer westlich von London. Die Zimmer sind klein, spartanisch und teuer. Der ersten Begeisterung folgt die Erkenntnis, dass nicht nur die Miete, sondern auch die sonstigen Lebenshaltungskosten einen Nebenjob unumgänglich machen.

Ein paar Wochen später ist aus den Studenten ein Heer von schlecht bezahlten Hilfsarbeitern geworden. Und doch gehört ihnen die Stadt. Der Kartenabreißer im Kino: ein Italiener aus Block B, der seine Kommilitonen während der Werbung in den Saal schmuggelt. Hinter der Bar im Studentencafé: eine Französin, die auch mal ein Gratis-Guinness über die Theke schiebt, sobald ihr Chef zum Rauchen nach draußen entschwunden ist. Der Türsteher im Club: ein Deutscher, der seine Nachbarn galant an der Schlange vorbei in die Disco dirigiert. Abends werfen alle zusammen, was sie tagsüber ergattern konnten. Für ein paar Pints und eine Sausage Roll reicht es meist gerade so – falls nicht zu Hause gefeiert wird. Alles sehr bescheiden, aber sehr herzlich: Europa wächst zusammen, wenn auch in ganz kleinem Rahmen. „Nur Engländer haben wir keine getroffen“, erinnert sich Frank Riebesehl, heute 41 Jahre alt, der vor der Jahrtausendwende an der Universität Tübingen eingeschrieben war.

Erasmus richtet sich nicht mehr nur an Studierende

Um Völkerverständigung und um das Zusammenwachsen Europas geht es bei Erasmus, 30 Jahre nach der Initiierung des Förderprogramms, noch immer. Wer sich bewirbt, darf auch heute kein Vollstipendium erwarten. Die Studierenden bekommen, abhängig vom Zielland, monatlich 150 bis 500 Euro. Dafür ist der Bewerbungsaufwand für das Programm überschaubar, es müssen nur wenige Dokumente und ein Motivationsschreiben vorliegen. Anders als vor 30 Jahren steht Erasmus+, so der aktuelle Name, nicht mehr nur Studierenden offen. 2014 wurden sämtliche EU-Programme für Bildung, Sport und Jugend zusammengelegt. Seither profitieren auch Freiwilligendienstleistende, Berufsschüler, Auszubildende und Lehrer bei ihrem Auslandsaufenthalt von den EU-Mitteln.

Doch das ist nicht das Einzige, was sich seit der Gründung des Programms am 15. Juni 1987 geändert hat. Mit der Einführung des Bachelor- und Master-Systems hat das Studium europaweit an Ernsthaftigkeit gewonnen. Standen früher der Austausch mit Gleichaltrigen anderer Nationen und die Verbesserung der eigenen Sprachkenntnisse im Fokus, geht es heute um ganz andere Fragen: Wie viele Credits können an der Partneruniversität gesammelt werden? Bietet sie Kurse an, die zum Studienschwerpunkt passen? Und welchen Stellenwert hat ein Auslandsaufenthalt für die Branche, in der man später einmal arbeiten möchte?

Wichtig ist den Studierenden, dass ihre Arbeit zu Hause anerkannt wird

Constantin Böhm, der bis vor Kurzem Maschinenbau an der Universität Stuttgart studiert hat, hatte für seine Masterarbeit von Anfang März bis Ende Juli dieses Jahres in einem Labor der Universität Mailand geforscht. „Dass die Arbeit in Stuttgart anerkannt wird, stand schon vor meiner Abreise fest“, sagt er. „Das war in meinem Learning Agreement so vereinbart.“ Sonst wäre der 26-Jährige erst gar nicht ins Ausland gegangen. Italienisch hatte Constantin Böhm bereits vor seinem Auslandsaufenthalt gelernt, um im Zielland „nicht bei null zu starten“. In Mailand belegte er weitere Sprachkurse. Ausufernde Partys oder Ausflüge mit anderen Studenten waren die Ausnahme. „Ich war nicht der typische Erasmus-Student“, sagt der Nachwuchsingenieur. Statt zu feiern, wollte er einfach für längere Zeit in einem anderen Land leben, sich einmal fremd fühlen und eine neue Sprache lernen. „Erasmus“, sagt er, „ist eine gute Sache, um zu sehen, was es außerhalb Deutschlands in Europa sonst noch gibt – und das ist ja ein bisschen auch der Grundgedanke.“

Keine andere Initiative habe eine ganze Generation von Europäern so geprägt wie Erasmus, sagte kürzlich auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka bei der Festveranstaltung zum Jubiläum in Berlin. „Erasmus verbindet und hat einen konkreten Nutzen für die Menschen. Es macht Europa und seine Werte wie Frieden, Freiheit, Demokratie und Solidarität erfahrbar.“ Der konkrete Nutzen lässt sich mit Statistiken belegen: Fünf Jahre nach dem Hochschulabschluss ist die Arbeitslosenquote derjenigen, die eine Zeit lang im Ausland gelebt haben, um durchschnittlich 23 Prozent niedriger als die der Studierenden, die während ihres Studiums im Heimatland geblieben sind.

Dennoch erfordert ein Auslandsaufenthalt Mut, sich auf Neues einzulassen, wie auch Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang des Jahres in einer Videobotschaft zu dem Thema sagte. „Aber dieser Mut wird auch belohnt“, betonte sie. „Die Teilnehmenden kommen mit mehr Selbstvertrauen zurück.“ Oft entstünden Bindungen fürs Leben. So werde die Vielfalt Europas zum persönlichen Gewinn.

Viele Studenten finden im Ausland eine neue Liebe

Zu einem sehr persönlichen Gewinn wurde der Erasmus-Aufenthalt in Almería, im Süden Spaniens, für Violetta. Im Wintersemester 2009 fand die heute 30-Jährige, die damals an der Universität Bonn Romanistik studierte, nicht nur ein Thema für ihre Bachelor-Arbeit, sondern auch die große Liebe. „Sebastián und ich lernten uns über meine Mitbewohnerin kennen“, erinnert sich die junge Frau. Das war kaum drei Wochen nach ihrer Ankunft in Almería, bei einer Tapas-Tour durch die Stadt. Zwei Monate später gingen die beiden mit Freunden feiern – seither sind sie ein Paar. Während der fünf Monate, die Violetta in Andalusien verbrachte, zeigte Sebastián ihr seine Heimatregion. Er nahm sie mit nach Málaga, nach Marbella, in den Naturpark Cabo de Gata, er stellte sie seiner Familie vor. Im Februar 2010 flog Violetta zurück nach Bonn. „Ich hatte Angst, dass er es vielleicht nicht ernst meint“, sagt sie. Doch er meinte es ernst und zog ihretwegen nach Deutschland. Inzwischen sind die beiden seit fast acht Jahren zusammen, seit Oktober 2012 leben sie in Stuttgart. Zunächst zu zweit auf acht Quadratmetern, mittlerweile in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Bad Cannstatt.

Einer Studie zufolge hat jeder vierte Erasmus-Student im Ausland eine neue Liebe gefunden. Das ergab eine Online-Umfrage in 34 europäischen Ländern, an der mehr als 75 000 Studierende und Absolventen teilgenommen haben. „Es gibt eine Million Erasmus-Babys“, verkündete bereits 2014 die damalige EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou. Inzwischen dürften es noch mehr geworden sein. „Bei Erasmus geht es ums Erwachsenwerden“, sagt Martin Schulz, Kanzlerkandidat der SPD. „Es geht darum, sich selbst zu öffnen, zu diskutieren, andere Kulturen kennenzulernen und dadurch auch seine eigene besser zu verstehen.“

Violetta ist das gelungen – nicht zuletzt, da sie Glück hatte mit ihrem Studienort. „Almería war eigentlich nur meine dritte Wahl“, sagt sie. „Im Nachhinein bin ich aber sehr zufrieden – die Stadt ist nicht so überlaufen wie zum Beispiel Granada.“ Mit Sebastián und ihren drei Mitbewohnerinnen hat sie sich fast ausschließlich auf Spanisch unterhalten und so ihre Spanischkenntnisse schnell stark verbessert.

Einigen ihrer Kommilitonen in anderen Städten sei es anders ergangen. „Man hört immer: Spanier sind so offen“, sagt sie. Doch in der Vorlesung habe niemand sie angesprochen. Erasmus-Studenten rät sie, selbst aktiv zu werden, sich zum Beispiel auch einmal selbst einzuladen – auch wenn das nicht der deutschen Kultur entspreche. „Wenn ich noch einmal Erasmus machen würde“, sagt sie, „würde ich versuchen, meine Angst davor zu überwinden.“

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