Papst Johannes Paul II. bei einem Besuch in München Foto: imago images/Sammy Minkoff

Johannes Paul II. hätte am heutigen 18. Mai seinen 100. Geburtstag gefeiert. So wurde er zum beliebtesten Papst der Neuzeit.

Er war ohne Zweifel ein Star, vielleicht sogar der größte seiner Zeit. Das hört sich nach einem Sakrileg an, und in der Tat klingt kaum ein Begriff so unpassend, ja entweihend für einen Mann, der sich als Stellvertreter Christi auf Erden verstand und das Oberhaupt sowie die höchste moralische Instanz für über 1,3 Milliarden katholische Christen verkörperte. Aber es war nun mal so, dass der polnische Papst Johannes Paul II. (1920-2005) seinem Amt einen schillernden, fast mystischen Glanz verliehen hat, der nicht nur viele Millionen von Gläubigen verzauberte und weltweit fast alle anderen großen Persönlichkeiten überstrahlte.

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Die katholische Weltgemeinde feiert

Am 18. Mai begeht die katholische Weltgemeinde den 100. Geburtstag von Johannes Paul II., der 1920 als Karol Józef Wojtyla im südpolnischen Wadowice geboren wurde. An diesem Montag feierte der heutige Papst Franziskus (83) an dem Seitenaltar des Petersdoms, wo sich der Sarkophag Johannes Pauls II. befindet, eine Frühmesse. Der Gottesdienst wurde live von Radio Vatikan und im Internet übertragen. Die polnischen Bischöfe würdigen den 100. Geburtstag und das Leben ihres berühmten Kollegen zudem mit der Initiative #ThankYouJohnPaul2, einem virtuellen "Geburtstagskuchen" in den sozialen Medien.

"Seine menschliche Wärme und seine Leidensfähigkeit taten es den Menschen an. Werte, die in einer schnelllebigen Welt des Erfolgshungers nicht viel zählen, machten ihn zum Idol, vor allem auch bei jungen Gläubigen. Insofern kam er dem biblischen Anspruch an Petrus nahe, der Fels zu sein, auf dem die Kirche gründet", schrieb der "Spiegel".

Dabei war Johannes Paul II. durchaus ein kantiger Typ. Doch wie ein Popstar konnte er verschiedene Persönlichkeitsfacetten zu einem weithin leuchtenden, charakterlichen Kaleidoskop vereinen, das die Welt faszinierte.

Der Dichter und Philosoph

Der junge Wojtyla studierte zunächst in Krakau Philosophie und Polnische Literatur. Außerdem liebte er das Theater. Schon als Schüler wirkte er bei Theateraufführungen mit, später gehörte er zur experimentellen Theatergruppe "Studio 39". Er schrieb Gedichte, die später die italienische Schauspielerin Claudia Cardinale (82) las, und unter dem Pseudonym Andrzej Jawien die Dramen "Jeremiasz" (Jeremia) und "Im Laden des Gold-Schmieds".

Der promovierte Philosoph und Theologe lehrte ab 1953 in Krakau als Professor für Moraltheologie und ab 1954 an der katholischen Universität Lublin Philosophie und Sozialethik. Er war längst Priester, als sein Bühnenstück "Der Bruder unseres Gottes" die polnische Uraufführung hatte. Und 1969 erschien sein philosophisches Hauptwerk "Person und Tat". Da war Karol Wojtyla bereits Erzbischof von Krakau.

Der Sportler

Bereits als Schüler war er begeisterter Fußballer. Er kickte in einer Schulmannschaft, die oft gegen das jüdische Team antrat, wobei Karol auch gern als Torwart bei der jüdischen Mannschaft einsprang, wenn diese nicht genügend Spieler hatte.

Der Priester Wojtyla war leidenschaftlicher Skifahrer, der auch Wassersport liebte und sogar als Papst auf den Masurischen Seen paddelte und in den Beskiden seiner Heimat Polen zum Klettern ging - oder "in seiner weißen Soutane die Hänge der Marmolata in den Dolomiten hinunter wedeln konnte", wie es der "Spiegel" einmal beschrieb.

Das sportliche Kirchenoberhaupt habe sich zunächst sehr schwer getan mit den Einschränkungen seines Amtes, so schildert es Kardinal Stanislaw Dziwisz (81) in seinem Buch "Ein Leben mit Karol". Dziwisz war der polnische Privatsekretär und einer der engsten Vertrauten von Johannes Paul II. Er schreibt, dass der Papst zunächst heimlich mit drei Prälaten ausgebüxt sei. Zum ersten Mal hätten sich die Vier zwei Jahre nach der Papstwahl von 1978 aus der Sommerresidenz Castel Gandolfo davongemacht. Um nicht die Aufmerksamkeit der Schweizer Garde zu erregen, benutzte das geistliche Quartett das Auto von Jozef Kowalczyk, dem heutigen päpstlichen Nuntius in Polen. Der Papst versteckte sich hinter einer ausgebreiteten Zeitung.

Ziel dieser ersten Tour war das Skigebiet von Ovindoli in den Abruzzen. Der Heilige Vater trug keine weiße Soutane, sondern eine Sonnenbrille und normale Skikleidung. Niemand hatte Johannes Paul II. erkannt - bis auf einen etwa zehn Jahre alten Jungen. Der brüllte sofort los: "Der Papst, der Papst!" Einer der Prälaten schickte das Kind geistesgegenwärtig zu seinen kleinen Freunden zurück, und die Papst-Truppe trat den Heimweg an. Nach der Rückkehr rief Johannes Paul II. strahlend aus: "Wir haben es getan!" Insgesamt habe man über 100 heimliche Sportausflüge unternommen, schreibt Dziwisz. Jedes Mal wurden der Vatikan und die Journalisten ausgetrickst. Auf späteren Touren seien lediglich einige eingeweihte Polizisten mitgekommen.

Der Politiker

Er war ein charismatischer Mann, der sich in den 26 Jahren seines Pontifikats immer wortgewaltig in die Weltpolitik eingemischt hat. Innerkirchlich war er sicher kein Reformer, sondern ein konservativer Bewahrer, der strikt am Zölibat und der Sexualmoral der katholischen Kirche festhielt. Kritiker bemängeln auch seinen Umgang mit den Missbrauchsskandalen in der Kirche. Dazu sagte der Wiener Kardinal Christoph Schönborn in einem Interview der Kirchenzeitung "Der Sonntag": "Er war mit dem Thema 'Missbrauch' irgendwie überfordert... Ich glaube, er war ein so lauterer Mensch, dass er sich das nicht vorstellen konnte."

Doch er hat auch historische Maßstäbe gesetzt. Johannes Paul II. prangerte die Verfehlungen in der 200-jährigen Geschichte seiner Kirche an, die Inquisition, die Glaubenskriege. Er öffnete sich dem Islam, traf den Palästinenserführer Jassir Arafat (1929-2004) sowie den iranischen Präsidenten Mohammed Chatami (76). Und er bat um Vergebung für die Judenverfolgungen im Namen der Kirche. Bei einem Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem in Jerusalem sagte er: "Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus versichere ich dem jüdischen Volk, dass die katholische Kirche tiefste Trauer empfindet über den Hass, die Verfolgung und alle antisemitischen Akte, die jemals irgendwo gegen Juden von Christen verübt wurden."

In die Weltgeschichte wird Johannes Paul II. eingehen als der Mann, der wesentlich zur Erosion des kommunistischen Ostblocks beitrug. "Alles, was in den letzten Jahren in Osteuropa geschehen ist, wäre ohne diesen Papst nicht möglich gewesen", schreibt Michail Gorbatschow (89), der letzte Generalsekretär der sich 1991 auflösenden Sowjetunion, in seinen Memoiren.

Andererseits geißelte dieser politisch so unbeugsame Kirchenmann den puren Kapitalismus, die Profitmaximierung und die von den westlichen Industrieländern "dominierten und manipulierten" Finanz- und Wirtschaftssysteme ebenso wie die expansive Außenpolitik der USA. Dem US-Präsident George W. Bush (73) versagte er 2002 seinen Segen für einen Feldzug in den Irak.

Das Attentatsopfer

Am 13. Mai 1981 schoss der türkische Rechtsextremist Mehmet Ali Agca auf dem Petersplatz in Rom mit einer Pistole dreimal auf den Papst. Eine Kugel traf ihn lebensgefährlich in den Unterleib und verursachte Verletzungen, unter denen er sein ganzes Leben lang litt. Nach langjährigen Ermittlungen kam ein italienischer Untersuchungsausschuss zu dem Ergebnis, dass das Attentat im Auftrag des Sowjetführers Leonid Breschnew (1906-1982) vom militärischen Geheimdienst GRU in Zusammenarbeit mit dem bulgarischen Geheimdienst verübt worden sei.

Dem Attentäter Ali Agca hat der Papst bereits kurz nach der Tat verziehen. Drei Jahre später besuchte er ihn sogar im Gefängnis und segnete ihn. Nach seiner Freilassung legte Agca 2014 am Grab des Papstes ein Rosengebinde nieder. Ein Jahr nach dem Anschlag besuchte Johannes Paul II. Portugal, um im Wallfahrtsort Fátima der Muttergottes dafür zu danken, dass er die Agca-Schüsse überlebt hatte. Da versuchte der spanische Priester Juan Maria Ferández y Krohn (geb. 1950) ihn mit einem Bajonett zu töten. Johannes Paul II. wurde nur leicht verletzt. Auch diesen Mann hat der Papst am nächsten Tag gesegnet.

Ein Mann der Frauen

Lolek, so sein Spitzname, war bei den Frauen noch beliebter als bei seinen männlichen Anhängern. Bei seinen 104 Auslandsreisen - man nannte ihn deswegen auch den "eiligen Vater" - wurde er von weiblichen Christen besonders euphorisch gefeiert. Sie liebten dieses kantige Gesicht, das so verschmitzt lächeln konnte, und nicht nur katholische Nonnen schwärmten: "Du bist schöner als Jesus Christus".

Es gab immer wieder Gerüchte um Frauen in seinem Leben, zu denen er sich nie geäußert hat. Da wäre die Geschichte von Wanda Póltawska (98), eine verheiratete Psychiaterin aus Lublin, wo der Papst einst eine Professur hatte. 50 Jahre lang pflegten die beiden eine innige Brieffreundschaft. 1962 erkrankte sie an Darmkrebs, Karol Wojtyla bat in einem persönlichen Schreiben den italienischen Pater und Heiler Pio von Pietrelcina (1887-1968) um Fürsprache. Im November 1962 war die Patientin noch vor ihrer OP geheilt, eine medizinische Erklärung dafür gab es nicht. Wanda Póltawska wurde eine seiner engsten Vertrauten und war auch am Sterbebett des Papstes.

Wesentlich geheimnisvoller war die Beziehung zu Anna-Teresa Tymieniecka (1923-2014), eine drei Jahre jüngere amerikanische Philosophin, die in Polen geboren wurde. Karol lernte sie 1973 kennen, als er noch Erzbischof von Krakau war. Da war Anna-Teresa Tymieniecka bereits lange mit dem Harvard-Professor Hendrik Houthakker (1924 -2008), einem Berater der US-Präsidenten Johnson und Nixon, verheiratet und lebte in den USA. Auch sie wurde eine enge Vertraute.

1976 reiste Kardinal Wojtyla in die USA. Er wohnte auch in Tymienieckas Landhaus in Vermont. Kurz nach seiner Abreise schrieb er ihr einen Brief, der 2016 veröffentlicht wurde. Darin heißt es unter anderem: "Du schreibst, dass Du ganz zerrissen bist, und ich habe keine Antwort auf diese Worte. Ich fühle Dich überall, in allen möglichen Situationen, ob Du nah bist oder fern. Ich weiß noch genau, wo ich war, als Du mir sagtest: 'Ich gehöre zu Dir.' Ich hatte Angst vor diesem Geschenk. Aber ich weiß nun, dass ich dieses Geschenk annehmen muss als ein Geschenk des Himmels."

Fast 30 Jahre lang haben sich die beiden geschrieben. Nachträglich kommentierte der Vatikan eine BBC-Dokumentation, da sei "mehr Rauch als Feuer" gewesen. Auch Edward Stourton, der Autor der TV-Doku, sieht die beiden "mehr als Freunde, aber weniger als Liebhaber". Und Anna-Teresa Tymieniecka sagte dem US-Journalisten Carl Bernstein: "Nein, ich habe mich nie in den Kardinal verliebt. Wie hätte ich mich in einen Geistlichen mittleren Alters verlieben können? Außerdem bin ich eine verheiratete Frau."

Der Leidensmann

Sein letztes Lebensjahrzehnt war auch durch Krankheiten geprägt. 1992 hatte Johannes Paul II. eine Darm-Operation, bei der ihm ein gutartiger Tumor entfernt wurde. Zwei Jahre später stürzte er in seinem Badezimmer und brach sich den Oberschenkel. Bei der anschließenden OP bekam er ein künstliches Hüftgelenk. Zudem litt er nach wie vor an den Folgen des Attentats von 1981. Äußerlich sichtbar wurde dieser Leidensweg durch die Auswirkungen einer Parkinson-Erkrankung, die sein straffes Äußeres dramatisch veränderte. Er konnte kaum noch gehen und zum Schluss durch eine Kehlkopfentzündung kaum mehr reden. Dennoch erfüllte er eisern seine Pflicht.

Am Ostersonntag 2005 erschien er gebeugt am Fenster seines Arbeitszimmers und spendete Tausenden meist weinenden Gläubigen, die sich auf dem Petersplatz versammelt hatten, seinen letzten Ostersegen. Er starb am 2. April um 19:37 Uhr. Kurz bevor er ins Koma gefallen war, sagte er auf Polnisch seine letzten Sätze: "Der Welt fehlt es an Weisheit." Und: "Lasst mich ins Haus des Vaters gehen!" Zu seiner Beisetzung pilgerten über 3,5 Millionen Gläubige nach Rom.

Der Heilige

Er wurde nach nur sechs Jahren am 1. Mai 2011 seliggesprochen. Sein deutscher Nachfolger, der heute emeritierte Benedikt XVI. (93), hatte dem Dekret der Seligsprechung zugestimmt, weil Johannes Paul II. die angebliche Heilung einer französischen Ordensschwester, die an Parkinson erkrankt war, zugesprochen wurde.

Nur drei Jahre später erfolgte die Heiligsprechung. Der Vatikan hatte auch das zweite erforderliche Wunder anerkannt und die Genesung einer Frau aus Costa Rica ebenfalls dem verstorbenen polnischen Papst zuerkannt. Floribeth Mora Diaz wurde am Tag der Seligsprechung von Johannes Paul II. von einem Gehirn-Aneurysma geheilt. An der Zeremonie der Heiligsprechung, diesmal durch Papst Franziskus, nahmen über eine Million Gläubige auf dem Petersplatz teil. Sein Gedenktag ist der 22. Oktober.

In Bratislava (Slowakei) wurde 2016 das erste Musical über Johannes Paul II. aufgeführt. Der profane Titel: "Beruf Papst". In Krakau kam 2017 das Musical "Karol" auf die Bühne, mit dem polnischen Papst als Superstar. Die Heimatkirche "Zur lieben Frau von Jerusalem" in Wadowice, dem Geburtsstädtchen von Karol Wojtyla, ist zu einem Wallfahrtsort geworden. Und in Tschenstochau (Polen) ragt nun ein 14 Meter hoher Papst Johannes Paul II. aus Fiberglas empor, zehn Tonnen schwer. Er lächelt mild und breitet die Arme aus. Er heißt die Menschen willkommen. Im Himmel und auf Erden.

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