Hexen halten Frau über siedendes Wasser Die Narrengemeinde schüttelt den Kopf

Von Rüdiger Bäßler 

Die Polizei sucht nach sechs Maskenträgern, die für die Verbrühungen einer 18-jährigen Frau verantwortlich sein sollen. Geschehen war das am Samstag beim  Nachtumzug der Hexenzunft Eppingen. Foto: dpa
Die Polizei sucht nach sechs Maskenträgern, die für die Verbrühungen einer 18-jährigen Frau verantwortlich sein sollen. Geschehen war das am Samstag beim Nachtumzug der Hexenzunft Eppingen. Foto: dpa

Weil die Beine einer Zuschauerin beim Narrenumzug in Eppingen verbrüht wurden, ermittelt die Polizei. Traditionelle Zünfte distanzieren sich von den Vorgängen in Eppingen.

Eppingen - Die Polizei hat eine Gruppe von sechs Maskenträgern ermittelt, die für die Verbrühung einer 18-jährigen Frau bei einem nächtlichen Narrenumzug am Samstag in Eppingen (Kreis Heilbronn) mutmaßlich verantwortlich sind. Zwei Personen aus der Hexengruppe besonders im Fokus. Gegen sie werde wegen fahrlässiger Körperverletzung und möglicher unterlassener Hilfeleistung ermittelt, sagte am Montagmittag ein Sprecher des Polizeipräsidiums in Heilbronn. Genaueres über die Verdächtigen sagte er nicht, zumal wohl noch nicht klar ist, welches die beiden Hauptverantwortlichen sind.

Die eine Hexe einer Gastzunft soll eine 18 Jahre alte Zuschauerin des Nachtumzugs über einen Hexenkessel mit brühend heißem Wasser gehalten haben. Die andere maskierte Person habe den Kessel geöffnet. Bei dem Kessel, der auf einem von mehreren Teilnehmern gezogenen Wagen stand, handelte es sich laut Polizei um eine mit Holz befeuerte, von oben verschließbare Apparatur, die auch als „Wurstküche“ bekannt ist. Ersten Ermittlungen zufolge sei der Wasserkessel von den Maskenträgern während des Umzugs „ab und zu geöffnet“ worden, um Wasserdampf entweichen zu lassen und eine möglichst spektakuläre Publikumswirkung zu erzielen.

Nach Zeugenaussagen ist die Frau zunächst von ihren eigenen Begleitern im Publikum zum Hexenwagen geschleppt und dort an die Maskenträger übergeben worden. Die Beine der Frau gerieten dann aber plötzlich bis zur Kniehöhe in das siedende Wasser, sie erlitt schwere Verbrennungen. Ermittler gehen aktuell nicht von Vorsatz aus, vielmehr handle es sich wohl um einen Unfall, sagte der Polizeisprecher. Allerdings ist die schwer verletzte Zuschauerin nach dem Vorfall einfach zurückgelassen worden. Damit steht neben dem Vorwurf Körperverletzung auch der Verdacht der unterlassenen Hilfeleistung im Raum.

Verwunderung über Feuer auf einem Umzugswagen

Eine Sprecherin der Stadt Eppingen sagte am Montag, der Wagen der Hexengruppe habe den behördlichen Auflagen entsprochen. Er sei vor dem Umzug vom Ordnungsamt abgenommen worden. Es habe keine Beanstandungen gegeben. Allerdings habe sich im Moment der Kontrolle kein heißes Wasser auf dem Fahrzeug befunden. Überlegungen, der Wasserkessel könne beim Umzug benutzt werden, beunruhigten offenbar niemanden.

Hexenfeuer und -kessel seien in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht üblich, sagte die Stadtsprecherin. „Uns waren Ereignisse dieser Art aufgrund von solchen Kesseln nicht bekannt.“ Die Zunft, zu der der Wagen gehörte, sei seit vielen Jahren bei dem Umzug dabei und noch nie negativ aufgefallen. Der Vorfall werde nun kritisch aufgearbeitet. Das Wichtigste sei, dass die verletzte Frau schnell wieder gesund werde.

Später äußerte sich auch der Eppinger Oberbürgermeister Klaus Holaschke (parteilos). Seinen Worten nach steht die Zukunft des Nachtumzugs auf der Kippe. „Ich kann aus heutiger Sicht nicht sagen: Ja, es geht weiter.“ Und auf nochmalige Nachfrage zu einem möglichen künftigen Verbot: „Ich denke darüber nach.“ Der Fall mache ihn auch persönlich betroffen.

Viele traditionelle Narrenzünfte im Südwesten reagieren mit völligem Unverständnis auf die Nachrichten aus Eppingen. „Das ist erschreckend“ sagte Volker Gegg, der Sprecher der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) mit Sitz in Bad Dürrheim (Schwarzwald-Baar-Kreis). Der VSAN ist mit 86 Mitgliedszünften aus den Regierungsbezirken Freiburg, Tübingen und Schwaben sowie fünf Schweizer Kantonen die größte Narrenvereinigung im Südwesten. „Feuer und heißes Wasser auf einem Umzugswagen, das können wir uns gar nicht vorstellen“, sagt Gegg. Seiner Erfahrung nach würden solche Wagen von den Behörden stets sofort aus dem Verkehr gezogen. Mitarbeiter kommunaler Ordnungsämter oder Polizisten kontrollierten Festwagen schon vor Umzugsbeginn bei der Aufstellung. Die Sicherheitsstandards seien inzwischen streng. So hätten beispielsweise von Traktoren gezogene Wagen einen Notknopf , damit der Fahrer bei einem Zwischenfall sofort bremsen könne.

Große Zünfte haben ihre eigene „Narrenpolizei“

Seit vielen Jahren haben sich die traditionellen Narrenzünfte auf Identifikationsnummern verständigt, die an jeder Maske oder jedem „Häs“ deutlich sichtbar angebracht sein müssen. Bei Zwischenfällen kann über die Nummer der Maskenträger ermittelt werden. Zudem stelle jede große Narrengruppe im VSAN Obleute, die zum Beispiel darauf achteten, dass die Kleidung ordentlich sei oder keine Metallbecher mitgeführt würden – die so genannte Narrenpolizei. „Wer betrunken kommt, wird gleich wieder nach Hause geschickt“, sagt Sprecher Gegg. Er schränkt ein, dass kleine, nicht organisierte Narrengruppen auf solche Selbstkontrollen immer wieder auch verzichteten. Auch die Eppinger Hexengruppe gehört keiner der großen Organisationen an.

Dunkelheit erschwert die Identifizierung von Maskenträgern. „Darum sprechen wir uns entschieden gegen solche Nachtumzüge aus“, sagt Gegg. Die Hexenzunft Eppingen wirbt im Internet mit der Einzigartigkeit ihres Nachtumzugs in der Region Heilbronn. Nach Schätzungen zogen am Samstagabend rund 2000 Hexenmaskenträger durch die Eppinger Innenstadt. Vertreter der Eppinger Zunft waren am Montag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Nach Behördenangaben sind die Verbrühungen der 18-jährigen Frau so schwer, dass sie mindestens ein bis zwei Wochen in einer Spezialklinik bleiben muss.

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